Wenn Augen und Gleichgewicht nicht zusammenspielen: Was hinter Reiseübelkeit steckt

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Adobe, Reiseübelkeit Handykonsum
Adobe, Reiseübelkeit Handykonsum
Quelle: TCS MyMed

Ein Blick aufs Handy, ein spannendes Buch oder eine kurvenreiche Passstrasse – und plötzlich wird einem übel. Reiseübelkeit betrifft Millionen Menschen und kann bereits bei kurzen Fahrten auftreten. Die gute Nachricht: Mit dem richtigen Verhalten lässt sich das Risiko oft deutlich reduzieren. PD Dr. med. Thomas Brack, Chefarzt der Medizinischen Klinik und Departementsleiter Medizin am Kantonsspital Glarus, erklärt, warum Reiseübelkeit entsteht und welche Massnahmen tatsächlich helfen.

Folgende Fragen werden im Artikel geklärt

Warum wird manchen Menschen beim Autofahren, Busfahren, Fliegen oder auf dem Schiff schlecht – und welche neurophysiologischen Mechanismen stecken dahinter?

Reiseübelkeit entsteht, wenn die Informationen der Augen und des Gleichgewichtsorgans im Innenohr nicht übereinstimmen. Beide Systeme liefern dem Gehirn laufend Informationen darüber, wie sich der Körper bewegt und orientiert. Stimmen diese Signale nicht überein, kann das Gehirn mit Übelkeit reagieren.

Ein typisches Beispiel ist die Nutzung eines Smartphones im Auto: Das Gleichgewichtsorgan registriert die Bewegung des Fahrzeugs, während die Augen auf einen scheinbar ruhigen Bildschirm gerichtet sind. Diese Diskrepanz zwischen dem, was man sieht, und dem, was man spürt, ist der Hauptauslöser von Reiseübelkeit.

Warum sind manche Menschen anfälliger als andere – und welche Rolle spielen Alter, Geschlecht, genetische Faktoren oder individuelle Sensibilität?

Die Anfälligkeit für Reiseübelkeit ist individuell sehr unterschiedlich. Kinder unter zwei Jahren sind praktisch nie betroffen, da ihr Gleichgewichtssystem noch nicht vollständig ausgereift ist. Besonders häufig tritt Reiseübelkeit dagegen bei Kindern im Schulalter auf, mit einem Höhepunkt etwa um das neunte Lebensjahr.

Frauen sind statistisch häufiger betroffen als Männer. Hormonelle Faktoren spielen dabei vermutlich eine Rolle – etwa während der Schwangerschaft oder in bestimmten Phasen des Menstruationszyklus. Auch Menschen mit Migräne leiden häufiger unter Reiseübelkeit.

Zudem scheint eine familiäre Veranlagung zu bestehen. Und schliesslich spielt auch die Erfahrung eine Rolle: Wer bereits mehrfach unter Reiseübelkeit gelitten hat, entwickelt oft eine gewisse Erwartungshaltung. Allein die Vorstellung einer bevorstehenden Autofahrt oder Schiffsreise kann die Beschwerden verstärken.

Warum wird vielen Menschen beim Lesen, aufs Handy schauen oder bei Bildschirmnutzung während der Fahrt besonders schnell schlecht?

Der Grund ist derselbe: Die Augen nehmen etwas scheinbar Ruhendes wahr, während das Gleichgewichtsorgan die Bewegungen des Fahrzeugs registriert. Diese widersprüchlichen Signale führen dazu, dass dem Gehirn die Orientierung schwerfällt – und Übelkeit entstehen kann.

Welche einfachen Massnahmen helfen schon vor der Reise – und welche Rolle spielen Schlaf, Ernährung, Flüssigkeit und Stressreduktion?

Wer weiss, dass er empfindlich auf Reisen reagiert, sollte möglichst vorbeugend handeln. Ausreichend Schlaf, genügend Flüssigkeit und ein möglichst entspannter Start in die Reise können hilfreich sein.

Bewährt haben sich ausserdem Ingwerpräparate – beispielsweise in Form von Bonbons, Kapseln oder Tee. Ebenfalls häufig eingesetzt werden Akupressur-Armbänder, die einen bestimmten Punkt am Handgelenk stimulieren. Sie sollten idealerweise bereits vor Reisebeginn angelegt werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Verhalten während der Fahrt: Wer möglichst in Fahrtrichtung blickt und den Horizont oder die Strasse beobachtet, unterstützt das Zusammenspiel von Augen und Gleichgewichtsorgan.

Welche Speisen und Getränke sollte man vor der Abfahrt lieber meiden – und was eignet sich besser für empfindliche Mägen?

Vor einer Reise sollten möglichst keine schweren, fettigen oder sehr üppigen Mahlzeiten gegessen werden. Ein voller Magen kann die Beschwerden verstärken und das Risiko von Erbrechen erhöhen.

Empfehlenswert sind leichte Mahlzeiten in moderaten Mengen. Ausreichendes Trinken ist ebenfalls wichtig. Kohlensäurehaltige Getränke oder Alkohol können hingegen bei empfindlichen Personen zusätzliche Beschwerden verursachen.

Warum kann der Sitzplatz im Auto, Bus, Flugzeug oder Schiff entscheidend sein – und wo sitzt man jeweils am besten?

Der Sitzplatz beeinflusst, wie gut die Bewegungen wahrgenommen und verarbeitet werden können.

Im Auto ist der Beifahrersitz meist die beste Wahl. Dort hat man einen ähnlichen Blick auf die Strasse wie die fahrende Person. Auffällig ist, dass Fahrerinnen und Fahrer selbst nur sehr selten unter Reiseübelkeit leiden, weil sie die Bewegungen des Fahrzeugs aktiv verfolgen und antizipieren.

Im Zug oder Bus empfiehlt sich ein Platz in Fahrtrichtung, möglichst am Fenster. Wer nach draussen schaut, kann die Bewegungen besser einordnen.

Im Flugzeug sind Plätze über den Tragflächen meist am angenehmsten, da dort die Bewegungen am geringsten wahrgenommen werden.

Auf Schiffen sollte man möglichst mittschiffs und auf den unteren Decks bleiben. Dort sind die Bewegungen durch den Wellengang am wenigsten ausgeprägt. Kabinen am Bug, Heck oder auf den oberen Decks sind dagegen oft stärker betroffen.

Was hilft sofort, wenn Reiseübelkeit während der Fahrt, im Flugzeug oder auf dem Schiff plötzlich auftritt?

Wenn möglich, sollte man die Situation kurz unterbrechen. Im Auto hilft oft bereits eine Pause an der frischen Luft. Idealerweise legt man sich für einige Minuten hin oder bleibt ruhig stehen und schaut in die Ferne.

Auf Schiffen oder im Flugzeug ist das schwieriger. Dort kann es helfen, sich auf einen festen Punkt am Horizont zu konzentrieren und möglichst ruhig sitzen zu bleiben.

Wie können Atemtechniken, Ablenkung, Blickführung, frische Luft oder Pausen helfen, akute Beschwerden zu lindern?

Frische Luft wird von vielen Betroffenen als angenehm empfunden und kann die Beschwerden lindern. Gleichzeitig sorgt sie für Ablenkung und erhöht das Wohlbefinden.

Besonders wichtig ist die Blickführung: Statt auf das Smartphone oder ein Buch zu schauen, sollte der Blick möglichst auf den Horizont oder die Fahrtrichtung gerichtet werden.

Auch Ablenkung kann hilfreich sein. Gespräche, Musik oder bewusstes Fokussieren auf die Umgebung lenken von den Beschwerden ab. Manche Menschen profitieren zudem von Akupressur. Dabei wird ein Punkt an der Innenseite des Handgelenks – etwa drei Fingerbreit unterhalb der Handwurzel – durch Druck stimuliert.

Wann ist ein Medikament sinnvoll und wann kann man darauf verzichten?

Medikamente sind vor allem dann sinnvoll, wenn bereits bekannt ist, dass starke Beschwerden auftreten, oder wenn eine belastende Situation zu erwarten ist – beispielsweise bei rauer See auf einer Schiffsreise.

Bei leichteren Beschwerden reichen oft nicht-medikamentöse Massnahmen wie ein geeigneter Sitzplatz, Blickführung oder Ingwerpräparate aus.

Welche Nebenwirkungen können klassische Medikamente gegen Reiseübelkeit haben?

Die häufigste Nebenwirkung vieler Medikamente gegen Reiseübelkeit ist Müdigkeit. Das gilt beispielsweise für Reise-Kaugummis, Itinerol oder Benocten. Deshalb sollten solche Medikamente nicht eingenommen werden, wenn man selbst ein Fahrzeug lenken muss.

Scopolamin-Pflaster, die in einigen Ländern erhältlich sind (Schweiz ausgenommen), verursachen dagegen eher Mundtrockenheit sowie trockene Augen und Schleimhäute.

Wie wirksam sind natürliche oder nicht-medikamentöse Mittel wie Ingwer, Akupressur-Armbänder, Kaugummis oder Pflaster?

  • Viele Betroffene berichten über eine spürbare Wirkung, wenn sie Ingwer zur Vermeidung oder Reduktion von Reiseübelkeit konsumieren.
  • Akupressur-Armbänder können ebenfalls hilfreich sein. Zwar lässt sich die genaue Wirkungsweise nicht vollständig erklären, doch viele Anwenderinnen und Anwender profitieren davon.
  • Medizinische Reise-Kaugummis sind ebenfalls wirksam, können jedoch Müdigkeit verursachen. 
  • Scopolamin-Pflaster gelten als sehr effektiv, sind jedoch in der Schweiz derzeit nicht erhältlich.

Was hilft Kindern bei Reiseübelkeit am besten – und welche Fehler sollten Eltern vor oder während der Reise vermeiden?

Kinder profitieren von denselben Massnahmen wie Erwachsene: ein geeigneter Sitzplatz, der Blick nach draussen und möglichst wenig Ablenkung durch Bücher, Tablets oder Smartphones. Ein häufiger Fehler ist es, Kinder während der Fahrt lesen oder auf Bildschirme schauen zu lassen. Gerade dadurch entsteht die Diskrepanz zwischen den Signalen der Augen und des Gleichgewichtsorgans.

Hilfreich sind ausserdem regelmässige Pausen, ausreichend Flüssigkeit und gegebenenfalls geeignete Medikamente nach Rücksprache mit einer Fachperson.

Kann man Reiseübelkeit abtrainieren oder den Körper daran gewöhnen – etwa durch Neuroadaptation, Gewöhnung oder künftig auch Virtual-Reality-Training?

Bis zu einem gewissen Grad ist eine Gewöhnung möglich. Menschen, die regelmässig auf Schiffen arbeiten, entwickeln häufig eine bessere Anpassung an die Bewegungen. Das Gehirn lernt mit der Zeit, die Sinneseindrücke besser zu verarbeiten. Für Gelegenheitsreisende lässt sich Reiseübelkeit allerdings nicht einfach wegtrainieren. Positiv erlebte Reisen können jedoch helfen, die Erwartungsangst abzubauen.

Interessant ist auch der umgekehrte Effekt: Selbst Menschen, die ruhig sitzen, können bei Virtual-Reality-Anwendungen oder simulierten Achterbahnfahrten Übelkeit entwickeln. In diesem Fall bewegen sich die Bilder, während das Gleichgewichtsorgan keine entsprechende Bewegung registriert. Auch hier entsteht also dieselbe Diskrepanz zwischen den Sinneseindrücken.

Welche Strategien empfehlen Sie Reisenden – und was ist Ihr wichtigster Tipp, damit Reisen angenehm bleibt?

Der wichtigste Rat ist überraschend einfach: Das Handy möglichst weglegen und nach draussen schauen. Gerade die intensive Nutzung von Smartphones während der Fahrt gehört heute zu den häufigsten Auslösern von Reiseübelkeit.

Wer einen günstigen Sitzplatz wählt, den Blick auf die Fahrtrichtung richtet, ausreichend schläft und bei Bedarf frühzeitig vorbeugt, kann das Risiko von Reiseübelkeit deutlich reduzieren. Oft sind es bereits kleine Verhaltensänderungen, die eine Reise wesentlich angenehmer machen.

Der Experte

PD Dr. med. Thomas Brack

 

PD Dr. med. Thomas Brack

Chefarzt der Medizinischen Klinik und Departementsleiter Medizin am Kantonsspital Glarus

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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