Eine laufende Nase oder leichter Husten müssen eine Flugreise nicht zwangsläufig verhindern. Bei Fieber, starken Beschwerden oder blockierten Nebenhöhlen kann der Flug jedoch zur Belastung werden – für die erkrankte Person ebenso wie für andere Passagiere. Dr. med. Grégoire Schrago, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Sportmedizin, Aeromedical Examiner und Präsident der Swiss Society of Aviation Medicine, erklärt, wann Reisende besser am Boden bleiben, wie sich Ohrenschmerzen vermeiden lassen und was bei einem medizinischen Notfall an Bord geschieht.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Wann ist man trotz Erkältung noch flugtauglich?
- Bei welchen Symptomen sollte man einen Flug verschieben?
- Warum belasten Schnupfen und entzündete Nebenhöhlen die Ohren beim Fliegen?
- Wie lässt sich ein schmerzhafter Druckausgleich verhindern?
- Darf man mit Fieber oder einer echten Grippe fliegen?
- Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr in der Flugzeugkabine tatsächlich?
- Wie schützen sich Passagiere an Bord am wirksamsten vor Infekten?
- Welche Medikamente gehören bei einer Herbstreise ins Handgepäck?
- Wann ist vor dem Flug eine ärztliche Bestätigung der Flugtauglichkeit erforderlich?
- Was geschieht, wenn sich der Gesundheitszustand eines Passagiers an Bord plötzlich verschlechtert?
- Der Experte
Herr Schrago, wann ist man trotz Erkältung noch flugtauglich?
Ob jemand flugtauglich ist, lässt sich nicht allein anhand der Diagnose beurteilen. Entscheidend sind der Allgemeinzustand und die Stärke der Beschwerden. Wer lediglich einen leichten Schnupfen hat, kein Fieber aufweist und sich insgesamt leistungsfähig fühlt, kann in der Regel fliegen. Wichtig ist jedoch, den Verlauf realistisch einzuschätzen: Eine Reise mit Anfahrt, Wartezeiten und trockener Kabinenluft kann anstrengend sein und die Beschwerden verstärken.
Wer trotz leichter Erkältung fliegt, sollte zudem Rücksicht auf andere Passagiere nehmen. Dazu gehört insbesondere, bei Husten oder Schnupfen eine gut sitzende Maske zu tragen und auf eine sorgfältige Händehygiene zu achten.
Bei welchen Symptomen sollte man einen Flug verschieben?
Bei Fieber, starken Kopf- oder Gliederschmerzen, ausgeprägtem Krankheitsgefühl, Atemnot oder einer deutlichen Verschlechterung des Gesundheitszustands ist es ratsam, die Reise zu verschieben. Gleiches gilt, wenn Nase und Nebenhöhlen vollständig blockiert sind oder bereits am Boden starke Ohren- oder Nebenhöhlenschmerzen bestehen.
Auch bei weiteren gesundheitlichen Unsicherheiten ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll – insbesondere bei Herz- oder Lungenerkrankungen, nach einer Operation, bei einem Pneumothorax oder einer schweren akuten Entzündung. Reisende sollten bedenken, dass sich eine Erkrankung unterwegs weiterentwickeln kann und die medizinischen Möglichkeiten während eines Fluges begrenzt sind.
Barotrauma am Ohr
Ein Barotrauma ist eine druckbedingte Schädigung im Ohr. Dabei wird das Trommelfell stark nach innen oder aussen gedehnt und das Gewebe im Mittelohr gereizt. Es können Flüssigkeit oder Blut ins Mittelohr austreten; in schweren Fällen kann das Trommelfell einreissen.
Warum belasten Schnupfen und entzündete Nebenhöhlen die Ohren beim Fliegen?
Beim Start und insbesondere beim Sinkflug verändert sich der Luftdruck in der Kabine. Normalerweise wird der Druck zwischen dem Mittelohr und der Umgebung über die Ohrtrompete, die sogenannte Eustachische Röhre, ausgeglichen. Schlucken, Gähnen oder Kauen helfen dabei, diese Verbindung kurzzeitig zu öffnen.
Bei einem Schnupfen schwellen die Schleimhäute an, wodurch die Verbindung zwischen Nasen-Rachen-Raum und Mittelohr blockiert wird. Auch entzündete Nebenhöhlen können den Druckausgleich erschweren. Die Folge sind starke Schmerzen, ein Druckgefühl, vorübergehend schlechteres Hören und im ungünstigen Fall ein Barotrauma am Ohr oder an den Nebenhöhlen.
Wie lässt sich ein schmerzhafter Druckausgleich verhindern?
Während des Starts und vor allem beim Sinkflug helfen häufiges Schlucken, Gähnen, Kauen oder kleine Schlucke Wasser. Erwachsene können zusätzlich vorsichtig einen Druckausgleich versuchen: Dabei wird die Nase zugehalten und bei geschlossenem Mund sanft gegen den Widerstand ausgeatmet. Zu starkes Pressen sollte vermieden werden.
Ein abschwellendes Nasenspray kann bei einer verstopften Nase kurzfristig helfen. Es sollte rechtzeitig vor Start beziehungsweise Landung und nur gemäss Packungsbeilage oder nach Beratung in der Apotheke angewendet werden. Für bestimmte Personen, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie für Kinder sind nicht alle Präparate geeignet.
Babys und Kleinkinder können den Druckausgleich noch nicht bewusst durchführen. Stillen, ein Schoppen, etwas zu trinken oder ein Nuggi können während des Starts und der Landung das Schlucken fördern. Bei einer ausgeprägten Erkältung sollte vor der Reise kinderärztlicher Rat eingeholt werden.
Darf man mit Fieber oder einer echten Grippe fliegen?
Davon ist grundsätzlich abzuraten. Fieber und eine echte Grippe belasten den Körper erheblich. Die Anreise, lange Wartezeiten, geringe Luftfeuchtigkeit und eingeschränkte Erholungsmöglichkeiten können die Situation zusätzlich erschweren. Zudem lässt sich kaum voraussagen, wie sich der Gesundheitszustand während der Reise entwickelt.
Wer mit einer ansteckenden Erkrankung fliegt, setzt ausserdem andere Passagiere einem vermeidbaren Risiko aus. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Schwangere, kleine Kinder und Personen mit geschwächtem Immunsystem oder chronischen Erkrankungen. Wer sich schwer krank fühlt oder dessen Beschwerden zunehmen, sollte zu Hause bleiben und ärztlichen Rat einholen.
Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr in der Flugzeugkabine tatsächlich?
Das Risiko hängt vom Erreger, der Dauer des Kontakts, dem Abstand zur erkrankten Person und den getroffenen Schutzmassnahmen ab. Moderne Verkehrsflugzeuge verfügen über leistungsfähige Lüftungs- und Filtersysteme. HEPA-Filter können einen grossen Teil der in der Luft schwebenden Partikel zurückhalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Ansteckung ausgeschlossen ist.
Besonders relevant ist der enge Kontakt zu einer infektiösen Person in derselben Sitzreihe oder in unmittelbarer Nähe. Auch beim Einsteigen, in Warteschlangen und am Gate können Kontakte entstehen, während die Passagiere dicht beieinanderstehen. Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, hängt ausserdem stark vom Erreger ab: Masern sind beispielsweise deutlich ansteckender als viele gewöhnliche Atemwegsinfekte.
Wie schützen sich Passagiere an Bord am wirksamsten vor Infekten?
Eine gut sitzende FFP2-Maske bietet einen besseren persönlichen Schutz als eine locker getragene medizinische Maske. Gleichzeitig helfen beide Maskentypen, die Weitergabe von Erregern durch eine erkrankte Person zu verringern. Entscheidend ist, dass die Maske Mund und Nase vollständig bedeckt und möglichst dicht sitzt.
Daneben gelten die bekannten Hygienemassnahmen: Hände regelmässig reinigen oder desinfizieren, möglichst nicht mit ungewaschenen Händen ins Gesicht fassen und Husten oder Niesen in die Armbeuge. Wer selbst erkältet ist, schützt mit diesen Massnahmen nicht nur sich, sondern übernimmt auch Verantwortung gegenüber den Mitreisenden.
Welche Medikamente gehören bei einer Herbstreise ins Handgepäck?
Neben den persönlichen Dauermedikamenten können je nach Bedarf ein geeignetes Schmerz- und Fiebermittel, ein abschwellendes Nasenspray, Halspastillen, Taschentücher, eine FFP2-Maske und ein kleines Händedesinfektionsmittel sinnvoll sein. Personen, die häufig unter Beschwerden im Hals-Nasen-Ohren-Bereich leiden, können auch eine Nasendusche beziehungsweise eine geeignete Salzlösung mitnehmen.
Die Reiseapotheke muss immer an die individuelle Gesundheit, die Reisedauer und die Zieldestination angepasst werden. Regelmässig benötigte Medikamente gehören in ausreichender Menge ins Handgepäck. Bei Spritzen, grösseren Flüssigkeitsmengen oder verschreibungspflichtigen Präparaten empfiehlt sich eine ärztliche Bestätigung, möglichst in englischer Sprache. Die Fluggesellschaft sollte bei Unsicherheiten frühzeitig kontaktiert werden.
Wann ist vor dem Flug eine ärztliche Bestätigung der Flugtauglichkeit erforderlich?
Eine ärztliche Bestätigung ist bei einer gewöhnlichen leichten Erkältung normalerweise nicht erforderlich. Eine vorgängige Abklärung empfiehlt sich jedoch bei akuten oder instabilen Erkrankungen, nach Operationen, bei relevanten Herz- oder Lungenproblemen, nach einem Pneumothorax sowie dann, wenn während des Fluges Sauerstoff, eine Trage oder medizinische Unterstützung benötigt wird.
Je nach Gesundheitszustand und Fluggesellschaft kann ein ärztliches Attest oder ein MEDIF-Formular verlangt werden. Darin hält die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt unter anderem Diagnose, aktuellen Zustand und benötigte Unterstützung fest. Da die Vorgaben je nach Airline variieren, sollten Reisende diese möglichst früh kontaktieren.
Ergänzung aus Sicht der Fluggesellschaft – Adrian Meier von Edelweiss:
Eine ärztliche Bestätigung ist erforderlich, wenn eine Erkrankung oder gesundheitliche Einschränkung die Flugreise beeinflussen könnte. Dies gilt beispielsweise nach einer kürzlich erfolgten Operation, bei schweren Atemwegserkrankungen, nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sowie bei möglicherweise ansteckenden Krankheiten. Eine vorgängige medizinische Abklärung ist auch notwendig, wenn während des Fluges zusätzlicher Sauerstoff, medizinische Geräte oder besondere Unterstützung benötigt werden. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt füllt dazu ein medizinisches Formular aus. Anschliessend wird die Flugtauglichkeit durch den medizinischen Dienst bestätigt. Bei Unsicherheiten empfehlen wir, frühzeitig die Fluggesellschaft zu kontaktieren.
Was geschieht, wenn sich der Gesundheitszustand eines Passagiers an Bord plötzlich verschlechtert?
Adrian Meier von Edelweiss: Betroffene oder Begleitpersonen sollten das Kabinenpersonal sofort informieren. Die Crew ist in Erster Hilfe geschult und kann auf medizinische Ausrüstung wie Erste-Hilfe-Material, Sauerstoff und einen Defibrillator zurückgreifen. Bei Bedarf wird gefragt, ob sich eine Ärztin, ein Arzt oder eine andere medizinische Fachperson an Bord befindet. Einige Fluggesellschaften können registrierte Ärztinnen und Ärzte über die Passagierliste gezielt ansprechen.
Die Crew beobachtet die Situation und stimmt das weitere Vorgehen mit dem Cockpit ab. Je nach Schweregrad kann zusätzlich medizinischer Rat vom Boden eingeholt werden. Ob der Flug fortgesetzt, am Zielflughafen medizinische Hilfe bereitgestellt oder eine Zwischenlandung durchgeführt wird, entscheidet letztlich die Flugbesatzung anhand der medizinischen Einschätzung und der flugbetrieblichen Möglichkeiten.
Erfahrungen aus ärztlicher Sicht:
Dr. Schrago hat solche Situationen selbst bereits mehrfach erlebt und konnte als Arzt an Bord medizinische Hilfe leisten. Viele Zwischenfälle lassen sich während des Fluges stabilisieren. Bei einem Schlaganfall, einem schweren Herz-Kreislauf-Ereignis oder einer anderen akuten Verschlechterung kann jedoch eine rasche Landung notwendig werden.
Der Experte

Dr. Med. Grégoire Schrago CC, Spital Daler
Dr. med. Grégoire Schrago ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH und Sportmedizin und am Daler-Spital in Freiburg tätig. Seit 2012 arbeitet er als flugmedizinischer Sachverständiger. Zudem ist er Experte des Aero-Clubs der Schweiz, Mitglied der medizinisch-physiologischen Kommission des internationalen Luftsportverbands FAI und Präsident der Swiss Society of Aviation Medicine.