Tagsüber ist die Sicht klar, doch auf der abendlichen Heimfahrt verschwimmen Konturen und entgegenkommende Scheinwerfer blenden. Ist das schon Nachtblindheit? Prof. Dr. med. Christoph Tappeiner, Chefarzt der Pallas Klinik Olten, erklärt, was hinter solchen Beschwerden steckt, welche Behandlungen helfen und wann man auf Nachtfahrten verzichten sollte.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Tagsüber ist die Sicht gut, doch bei Dämmerung und Dunkelheit wird vieles unscharf. Wie lässt sich das erklären?
- Bedeutet schlechtes Sehen im Dunkeln automatisch Nachtblindheit, oder gibt es einen Unterschied zu gewöhnlichen Schwierigkeiten beim Dämmerungssehen?
- Können eine nicht ausreichend korrigierte Fehlsichtigkeit, eine Hornhautverkrümmung, trockene Augen oder ein Grauer Star das Sehen bei Dunkelheit beeinträchtigen?
- Manche Menschen sehen um Scheinwerfer Lichtkränze, Strahlen oder sternförmige Muster. Was steckt dahinter, und weshalb fühlen sie sich besonders stark geblendet?
- Wie verändert sich das Sehen bei Dunkelheit mit zunehmendem Alter und welche Veränderungen sollte man nicht einfach als normale Alterserscheinung hinnehmen?
- Wann sollte man Schwierigkeiten beim Sehen im Dunkeln augenärztlich abklären lassen und welche plötzlich auftretenden Sehstörungen erfordern sofort medizinische Hilfe?
- Reicht ein gewöhnlicher Sehtest aus, um Nachtblindheit oder eine erhöhte Blendempfindlichkeit festzustellen oder braucht es spezielle Untersuchungen?
- Woran merkt man, dass sicheres Autofahren bei Dunkelheit nicht mehr möglich ist und wann sollte man bis zur Abklärung auf Nachtfahrten verzichten?
- Helfen entspiegelte Gläser, gelbe Nachtfahrbrillen oder spezielle Blendschutzbrillen tatsächlich, um beim Autofahren im Dunkeln besser zu sehen?
- Lassen sich schlechtes Dämmerungssehen und starke Blendempfindlichkeit behandeln und wann kommt beispielsweise eine Operation des Grauen Stars infrage?
- Kann ein Vitamin-A-Mangel Nachtblindheit verursachen und wann sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?
- Welche konkreten Massnahmen helfen Autofahrerinnen und Autofahrern, Blendung zu reduzieren und bei Dunkelheit, Regen oder Nebel besser zu sehen?
- Der Experte
Herr Tappeiner, tagsüber ist die Sicht gut, doch bei Dämmerung und Dunkelheit wird vieles unscharf. Wie lässt sich das erklären?
Unsere Augen arbeiten bei Tageslicht anders als im Dunkeln. In der Netzhaut gibt es dafür zwei Arten von Sinneszellen: Die Zapfen ermöglichen scharfes Sehen und lassen uns Farben erkennen. Dafür brauchen sie allerdings genügend Licht. Wird es dunkel, übernehmen zunehmend die Stäbchen. Sie kommen mit wenig Licht aus, erkennen aber keine Farben und liefern ein weniger scharfes Bild. Deshalb können wir in der Dämmerung feine Details schlechter unterscheiden.
Gleichzeitig weitet sich die Pupille, damit mehr Licht ins Auge gelangt. Dadurch fallen Unregelmässigkeiten im Randbereich von Hornhaut und Linse stärker ins Gewicht und das Bild kann unschärfer werden. Ist die Linse getrübt, wie beim Grauen Star, wird das Licht zusätzlich gestreut. Das macht entgegenkommende Scheinwerfer besonders unangenehm. Nach einer Blendung brauchen die Augen zudem Zeit, um sich wieder an die Dunkelheit anzupassen.
Bedeutet schlechtes Sehen im Dunkeln automatisch Nachtblindheit, oder gibt es einen Unterschied zu gewöhnlichen Schwierigkeiten beim Dämmerungssehen?
Nein, nicht jede Sehschwierigkeit im Dunkeln ist automatisch eine Nachtblindheit, auch wenn dies im Alltag oft so genannt wird. Dass wir bei wenig Licht weniger scharf sehen, ist zunächst normal. Von Nachtblindheit spricht man, wenn das Sehen bei Dunkelheit stark eingeschränkt ist, weil die dafür zuständigen Sinneszellen nicht richtig arbeiten oder ihre Signale nicht korrekt weitergeleitet werden. Betroffene können sich dann in einer Umgebung kaum orientieren, in der andere Menschen noch ausreichend sehen.
Dahinter können erbliche Netzhauterkrankungen wie die Retinitis pigmentosa stecken. Bei dieser Erkrankung verlieren die lichtempfindlichen Sinneszellen nach und nach ihre Funktion. Auch ein Vitamin-A-Mangel kann Nachtblindheit verursachen. Viel häufiger haben Schwierigkeiten in der Dämmerung jedoch andere Gründe: etwa eine Brille, deren Stärke nicht mehr stimmt, trockene Augen oder ein Grauer Star. Anhaltende Beschwerden sollten deshalb abgeklärt werden.
Können eine nicht ausreichend korrigierte Fehlsichtigkeit, eine Hornhautverkrümmung, trockene Augen oder ein Grauer Star das Sehen bei Dunkelheit beeinträchtigen?
Ja, all diese Probleme können dazu beitragen. Stimmt die Brillenstärke nicht, bleibt das Bild unscharf. Eine Hornhautverkrümmung kann dazu führen, dass Konturen verzerrt erscheinen. Beides fällt im Dunkeln oft stärker auf, weil die Pupille weiter geöffnet ist.
Bei trockenen Augen verteilt sich der Tränenfilm nicht mehr gleichmässig auf der Augenoberfläche. Dadurch können Lichter verschwimmen. Beim Grauen Star wird die Linse zunehmend trüb und streut das Licht. Das Kontrastsehen nimmt ab, also die Fähigkeit, feine Helligkeitsunterschiede wahrzunehmen. Dinge und Personen heben sich dann weniger von ihrer Umgebung ab. Im Dunkeln fällt das besonders ins Gewicht, weil wir dort Kontraste schlechter erkennen. Das erschwert es beispielsweise, einen dunkel gekleideten Menschen vor einem dunklen Hintergrund zu erkennen. Eine passende Brillenstärke und eine Untersuchung zum Ausschluss von Augenerkrankungen sind daher bei Problemen im Dunkeln sinnvoll.
Manche Menschen sehen um Scheinwerfer Lichtkränze, Strahlen oder sternförmige Muster. Was steckt dahinter, und weshalb fühlen sie sich besonders stark geblendet?
Solche Erscheinungen entstehen, wenn das Auge das Licht nicht mehr gleichmässig bündelt oder wenn es stärker gestreut wird. Lichtkränze, auch Halos genannt, sehen wie Ringe um eine Lichtquelle aus. Auch Strahlen oder sternförmige Muster können wahrgenommen werden.
Nachts fallen diese Effekte besonders auf: In der Dunkelheit erweitert sich die Pupille. So tritt Licht auch durch die Randzonen von Hornhaut und Linse ein, die es weniger genau bündeln. Verstärkt werden solche Beschwerden unter anderem durch trockene Augen, Narben auf der Hornhaut oder einen Grauen Star. Betroffene werden stärker geblendet, weil das Scheinwerferlicht in ihrem Auge zusätzlich gestreut wird und dann Einzelheiten in der dunklen Umgebung überstrahlt.
Treten solche Lichtphänomene hingegen plötzlich zusammen mit Augenschmerzen und schlechterem Sehen auf, muss sofort eine augenärztliche Untersuchung erfolgen. Dahinter kann ein akuter Anstieg des Augendrucks stecken.
Wie verändert sich das Sehen bei Dunkelheit mit zunehmendem Alter und welche Veränderungen sollte man nicht einfach als normale Alterserscheinung hinnehmen?
Mit zunehmendem Alter sehen wir in der Dämmerung schlechter. Die Pupille wird enger und die Linse trüber. Deshalb gelangt weniger Licht zur Netzhaut, und das vorhandene Licht wird stärker gestreut. Zudem erneuert sich der Sehfarbstoff der Stäbchen langsamer. Dadurch dauern die Anpassung an die Dunkelheit und die Erholung nach einer Blendung länger. Das ist bis zu einem gewissen Mass normal. Nicht hinnehmen sollte man eine plötzliche oder nur einseitige Verschlechterung, verzerrte Linien oder Ausfälle im Gesichtsfeld.
Wann sollte man Schwierigkeiten beim Sehen im Dunkeln augenärztlich abklären lassen und welche plötzlich auftretenden Sehstörungen erfordern sofort medizinische Hilfe?
Eine Untersuchung ist sinnvoll, wenn die Schwierigkeiten anhalten, zunehmen oder im Alltag verunsichern. Das gilt etwa, wenn Scheinwerfer stark blenden, es zu einer Einengung des Gesichtsfeldes mit Tunnelblick kommt oder die Orientierung im Dunkeln schwerfällt. Auch Beschwerden, die bereits seit der Kindheit bestehen, sollten abgeklärt werden.
Sofortige medizinische Hilfe ist nötig, wenn sich das Sehen plötzlich verändert. Dazu gehören ein plötzlicher Sehverlust, ein neuer Schatten oder ein dunkler «Vorhang» im Gesichtsfeld. Auch neu auftretende Lichtblitze, besonders zusammen mit vielen schwarzen Punkten, müssen sofort untersucht werden. Weitere Warnzeichen sind plötzlich auftretende Doppelbilder oder ein schmerzhaft gerötetes Auge mit schlechterem Sehen. Ein plötzlicher Sehverlust bleibt auch dann ein Notfall, wenn er nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Treten gleichzeitig Lähmungen, Gefühlsstörungen oder Sprachprobleme auf, kann es sich um einen Schlaganfall handeln. Dann muss sofort die Notrufnummer 144 gewählt werden.
Reicht ein gewöhnlicher Sehtest aus, um Nachtblindheit oder eine erhöhte Blendempfindlichkeit festzustellen oder braucht es spezielle Untersuchungen?
Ein gewöhnlicher Sehtest reicht dafür oft nicht aus. Er zeigt vor allem, wie scharf jemand bei guter Beleuchtung schwarze Zeichen auf hellem Hintergrund erkennt. Wie gut das Sehen bei wenig Licht oder bei Blendung funktioniert, lässt sich daraus nicht zuverlässig ableiten. Man kann beim normalen Sehtest also gut abschneiden und nachts trotzdem erhebliche Schwierigkeiten haben. Das gilt auch für den Sehtest zum Lernfahrausweis. Er prüft das Dämmerungssehen und die Blendempfindlichkeit nicht.
Bei entsprechenden Beschwerden werden zunächst Hornhaut, Linse und Netzhaut untersucht. Je nach Verdacht folgen gezielte Tests. Dabei lässt sich prüfen, wie gut jemand schwache Helligkeitsunterschiede erkennt, wie stark Licht im Auge gestreut wird oder wie sich die Augen an Dunkelheit anpassen. Bei Verdacht auf eine Netzhauterkrankung kann zusätzlich gemessen werden, wie die Sinneszellen auf Licht reagieren. Nicht jede Person braucht alle diese Untersuchungen.
Nachtfahrten: Diese Warnzeichen zählen
- Sie erkennen Fussgänger oder Hindernisse erst im letzten Moment.
- Fahrbahnrand und Verkehrsschilder verschwimmen.
- Nach entgegenkommenden Scheinwerfern dauert es lange, bis Sie wieder ausreichend sehen.
- Sie fühlen sich wegen Ihrer Sicht unsicher oder vermeiden unbekannte Strecken.
- Mitfahrende sprechen Sie auf Ihre Fahrweise an oder es kam bereits zu einem Beinahe-Unfall.
Wichtig: Verzichten Sie bei solchen Sehproblemen bis zur augenärztlichen Abklärung auf Nachtfahrten. Auch ein gutes Ergebnis beim gewöhnlichen Sehtest schliesst Schwierigkeiten beim Dämmerungssehen nicht aus.
Woran merkt man, dass sicheres Autofahren bei Dunkelheit nicht mehr möglich ist und wann sollte man bis zur Abklärung auf Nachtfahrten verzichten?
Warnzeichen sind Fussgänger oder Hindernisse, die erst spät auffallen, ein verschwimmender Fahrbahnrand oder kaum lesbare Verkehrsschilder. Auch wenn man nach entgegenkommenden Scheinwerfern längere Zeit fast nichts erkennt, ist das ein deutlicher Hinweis. Beinahe-Unfälle und besorgte Hinweise von Mitfahrenden sollte man ebenfalls ernst nehmen.
Man sollte aber keinesfalls warten, bis etwas passiert: Wer sich beim Fahren in der Dunkelheit unsicher fühlt, verzichtet bis zur Abklärung besser auf Nachtfahrten. Eine augenärztliche Abklärung ist in solchen Fällen wichtig. Einschränkungen des Dämmerungssehens und eine erhöhte Blendempfindlichkeit können die Fahrsicherheit erheblich beeinträchtigen und sind somit für die Beurteilung der Fahreignung relevant.
Helfen entspiegelte Gläser, gelbe Nachtfahrbrillen oder spezielle Blendschutzbrillen tatsächlich, um beim Autofahren im Dunkeln besser zu sehen?
Entspiegelte Brillengläser reduzieren störende Spiegelungen auf den Glasflächen. Viele Menschen empfinden das nachts als angenehmer. Sie beseitigen aber keine Blendung, die beispielsweise durch eine getrübte Augenlinse entsteht. Dass eine Entspiegelung vor Unfällen schützt, ist nicht belegt.
Gelbe Nachtfahr- oder sogenannte Blendschutzbrillen machen das Bild dunkler, ohne den Kontrast zu verbessern. Ein Nutzen beim Fahren in der Dunkelheit ist nicht nachgewiesen. Polarisierte Sonnenbrillen sind für Nachtfahrten nicht geeignet. Sie können tagsüber Spiegelungen auf nassen Strassen oder Wasserflächen verringern, machen die Sicht im Dunkeln aber zusätzlich dunkler. Entscheidend ist deshalb vor allem eine passende Brillenstärke. Starke Blendung sollte augenärztlich abgeklärt werden.
Lassen sich schlechtes Dämmerungssehen und starke Blendempfindlichkeit behandeln und wann kommt beispielsweise eine Operation des Grauen Stars infrage?
In vielen Fällen lassen sich die Beschwerden verbessern. Welche Behandlung hilft, hängt von der Ursache ab. Manchmal genügt es, die Brillenstärke anzupassen. Bei trockenen Augen können befeuchtende Augentropfen helfen. Ist ein Grauer Star verantwortlich, kommt eine Operation infrage. Dabei wird die getrübte natürliche Linse durch eine klare Kunstlinse ersetzt.
Für die Entscheidung zählt nicht nur, wie viele Zeichen jemand beim Sehtest erkennt. Auch starke Blendung und Schwierigkeiten beim Nachtfahren können für eine Operation sprechen, selbst wenn die gemessene Sehschärfe noch gut ist. Ob der Eingriff sinnvoll ist, wird individuell bei einer augenärztlichen Untersuchung beurteilt. Dabei werden auch die Risiken eines solchen Eingriffs besprochen. Wichtig ist zudem die Wahl der Kunstlinse: Einige Linsentypen können selbst Lichtkränze oder stärkere Blendung verursachen. Wer häufig nachts fährt, sollte dies im Beratungsgespräch ausdrücklich ansprechen.
Kann ein Vitamin-A-Mangel Nachtblindheit verursachen und wann sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?
Ja, unsere Augen brauchen Vitamin A, um lichtempfindliche Sehfarbstoffe zu bilden. Fehlt Vitamin A, leiden zuerst häufig die Stäbchen darunter, also jene Sinneszellen, die uns das Sehen bei wenig Licht ermöglichen. Deshalb kann schlechteres Nachtsehen ein Hinweis auf einen solchen Vitaminmangel sein.
In der Schweiz ist ein Vitamin-A-Mangel allerdings selten. Die übliche Ernährung liefert in der Regel genügend davon. Ein erhöhtes Risiko besteht nach bestimmten Magen- oder Darmoperationen oder bei Erkrankungen, die die Aufnahme von Fett und damit auch von Vitamin A beeinträchtigen. Bei einem entsprechenden Verdacht kann der Vitamin-A-Wert im Blut bestimmt werden.
Vitamin-A-Präparate sollten gezielt bei einem nachgewiesenen Mangel und unter ärztlicher Begleitung eingesetzt werden. Ohne Mangel ist ein Nutzen für das Nachtsehen nicht belegt. Zu hohe Dosen können schaden, besonders in der Schwangerschaft.
Welche konkreten Massnahmen helfen Autofahrerinnen und Autofahrern, Blendung zu reduzieren und bei Dunkelheit, Regen oder Nebel besser zu sehen?
Schon einfache Dinge können helfen: Halten Sie die Brillengläser und die Aussen- und Innenseite der Windschutzscheibe sauber. Schlieren und Schmutz können das Licht streuen und die Blendung verstärken. Nutzen Sie die Abblendfunktion des Innenspiegels und lassen Sie prüfen, ob die Scheinwerfer richtig eingestellt sind.
Passen Sie das Tempo so an, dass Sie innerhalb der überblickbaren Strecke anhalten können. Das ist auch gesetzlich vorgeschrieben. Bei Nebel und starkem Regen kann Fernlicht die Sicht sogar verschlechtern, weil die Wassertröpfchen das Licht zurückwerfen. Bei schlechter Sicht ist Abblendlicht vorgeschrieben, Tagfahrlicht genügt dann nicht.
Wer sich trotz dieser Massnahmen beim Fahren im Dunkeln unsicher fühlt, sollte die Augen abklären lassen und bis dahin nachts nicht fahren. Einige Ursachen lassen sich behandeln, und die Beschwerden bessern sich dadurch.
Der Experte

Prof. Dr. med. Christoph Tappeiner ist Chefarzt der Pallas Klinik Olten, Facharzt für Augenheilkunde, spez. Ophthalmochirurgie, Spezialist für entzündliche Augenerkrankungen und Mitglied der Verkehrskommission der Schweizerischen Ophthalmologischen Gesellschaft (SOG).