Vorbeugen statt heilen: Expertenrat zur Zahngesundheit auf Reisen

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Zahnschmerzen
Zahnschmerzen
Quelle: TCS MyMed

Prof. Dr. Ivo Krejci, Co-Gründer von Lovely Smile und ehemaliger Präsident der Zahnmedizinischen Kliniken der Universität Genf, gibt wertvolle Tipps, wie Reisende Zahnschmerzen und Implantatprobleme im Urlaub vermeiden können. Eine frühzeitige zahnmedizinische Kontrolle und gezielte Vorbeugung sind entscheidend, um Zahnbeschwerden auf Reisen zu verhindern.

Herr Krejci, welche häufigen Zahnprobleme können während einer Reise auftreten und wie kann man sie vermeiden?
Da geht es zur Hauptsache um akute Zahnschmerzen oder schmerzhafte Beschwerden bei Zahnimplantaten. Das Risiko für deren plötzliches Auftreten kann durch eine regelmässige vorsorgliche Kontrolle sehr stark reduziert werden.

Welche Vorsorgemassnahmen empfehlen Sie, bevor man eine längere Reise antritt?
Vorbeugen ist immer besser als heilen, das gilt genauso auf Reisen wie zu Hause. Eine zahnmedizinische Kontrolle ist deshalb in jedem Fall empfehlenswert. Der genaue Umfang hängt sehr stark von der individuellen Situation ab. Im einfachsten Fall genügt eine genaue Anamnese, verbunden mit einer klinischen Untersuchung. Sind Restaurationen vorhanden oder besteht Verdacht auf Karies, können ergänzende Untersuchungen wie die Weisslicht- bzw. die Infrarotlicht-Transillumination oder auch röntgenologische Bissflügelaufnahmen angezeigt sein.

Sind devitale Zähne oder Implantate vorhanden, werden zusätzliche Abklärungen mit sogenannten apikalen Röntgenbildern helfen. Bei Parodontitis- und Periimplantitispatienten kommt ev. der neuartige aMMP-8 Test zum Einsatz. Sogenannte OPT-Röntgenbilder sind hingegen bei einer Vorsorgeuntersuchung die Ausnahme.

Gibt es bestimmte Zahnpflegeprodukte, die besonders für Reisen geeignet sind?
Regelmässige Zahnpflege sollte auch bei Reisen nicht vernachlässigt werden. Im Handgepäck (und nicht im aufgegebenen Koffer) dürfen eine Zahnbürste und eine Tube Zahnpasta nicht fehlen. Je nach individueller Situation können Zahnseide und/oder Interdentalbürstchen dazukommen. Zuckerfreier Zahnpflegekaugummi macht ebenfalls Sinn; einerseits um den Speichelfluss anzuregen, anderseits um eine gewisse mechanische Zahnreinigung zu ermöglichen, sollte einmal der Gebrauch der Zahnbürste/Zahnpasta nicht möglich sein. Gegebenenfalls können auch eine Mundspülung oder ein Mundspray sinnvoll sein.

Bei Reisen in weit entlegene Gegenden ohne zahnärztliche Versorgung können für den Notfall ein einfaches provisorisches Restaurationsmaterial, ein Schmerzmittel, ein zahnmedizinisches Antiseptikum und ein von der Ärztin oder vom Zahnarzt verschriebenes Breitbandantibiotikum zusätzliche Sicherheit bieten.  

Wie findet man im Ausland schnell eine vertrauenswürdige Zahnärztin oder einen vertrauenswürdigen Zahnarzt im Notfall?
Das kann schwierig werden. Am besten fragt man seine behandelnde Zahnärztin oder seinen behandelnden Zahnarzt, ob er einen bekannten Kollegen an der Zieldestination hat, den man im Notfall kontaktieren könnte. Der Reiseveranstalter oder das Hotelpersonal können vielleicht auch weiterhelfen. Der TCS kann hier ebenfalls hervorragende Dienste leisten.

Welche Rolle spielt die Ernährung auf Reisen für die Zahngesundheit und worauf sollte man achten?
Die Ernährung spielt für die Zahngesundheit eine sehr grosse Rolle. Es sollte viel Wasser getrunken werden, um den Speichelfluss aufrechtzuerhalten, denn Speichel stellt einen wichtigen natürlichen Schutz für die Zähne und Ihr Zahnfleisch dar. Wie zu Hause auch sollte auf übermässigen Zuckerkonsum verzichtet werden – nicht nur bei der Nahrung, sondern insbesondere bei den Getränken. Ausreichende Kalziumzufuhr ist ebenfalls wichtig, da der menschliche Körper Kalzium nicht selbst synthetisieren kann. Kalzium ist für die Gesundheit der Zähne und des Zahnbettknochens von grosser Bedeutung. Milchprodukte sind hier eine willkommene Kalziumquelle. Alternative Kalziumquellen sind Champignons, Sesamsamen, Mohnsamen oder gekochter Grünkohl.

Was versteht man unter digitalem Zahn-Monitoring?
Das digitale Zahn-Monitoring ist eine neuartige Methode, allererste Anzeichen von Symptomen an Zähnen und am Zahnhalteapparat zu erkennen. Durch diese regelmässige Früherkennung können Schäden im frühesten Stadium erkannt werden, noch bevor sie klinisch relevant werden. Dadurch können die Zähne und der Zahnhalteapparat klinisch intakt erhalten bleiben, d.h. ohne Füllungen, Zahnkronen, Wurzelfüllungen oder Stiftzähne, und es sind auch keine schmerzhaften und kostspieligen Operationen notwendig. Dank dieses langfristigen Zahnerhalts müssen keine Zähne mehr entfernt werden, und die teuren Zahnimplantate werden dadurch überflüssig. Sind schon Zahnimplantate vorhanden, kann das digitale Zahn-Monitoring mit einem speziellen Implantat-Monitoring ergänzt werden. Dadurch kann ein allfälliger Verlust der teuren Zahnimplantate vermieden werden.

Wie können Apps oder smarte Zahnbürsten zur Überwachung der Zahngesundheit beitragen?
Gegenwärtig stecken alle diese Technologien in den Kinderschuhen. Die oben erwähnte regelmässige Früherkennung ist heute nur durch die Zahnärztin oder den Zahnarzt mithilfe professioneller Geräte möglich. Deshalb ist die regelmässige Kontrolle bei ihnen so wichtig.

Welche Vorteile bietet die künstliche Intelligenz in der Zahnmedizin?
Die Zahnmedizin ist ein Vorreiter in der künstlichen Intelligenz. KI ist bereits heute eine sehr willkommene Hilfe bei der Interpretation von Röntgenbildern und beim digitalen Monitoring. Sie hält auch zunehmend Einzug in der Administrationssoftware und in der Therapie. Im Weiteren erlaubt die KI eine kostengünstige und zeiteffiziente Lösung bei der Zweitmeinung. Die Entwicklung der KI in der Zahnmedizin ist sehr dynamisch und verläuft hier exponentiell wie in vielen anderen Bereichen auch.

Wie können Zahnärzte mit modernen Scans und 3D-Technologien Zahnprobleme frühzeitig erkennen?
Im Vergleich zum Mensch oder zu klassischen Untersuchungsmethoden verfügen die neuen professionellen digitalen Diagnosegeräte über eine höhere Sensitivität. Sie erkennen somit Erkrankungsanzeichen in einem viel früheren Stadium, als es in der Vergangenheit möglich war. Da diese Scanner digitale Daten aufzeichnen, kann man sie für sehr genaue Vergleichsmessungen über die Zeit einsetzen, was eine sogenannte dynamische Diagnostik möglich macht. Die dynamische Diagnostik ist von grosser Bedeutung, da sie zwischen aktiven und inaktiven pathologischen Prozessen unterscheiden kann.

Welche Rolle spielt Telemedizin in der Zahnmedizin und kann sie Zahnarztbesuche ersetzen?
Die heutige Art der Telemedizin beschränkt sich auf Fotos und Videocalls. Dies ist gegenwärtig eher für abgelegene Regionen interessant. In der Schweiz ist die Versorgung mit Zahnärzten so gut, dass es diese Art von Telemedizin nicht braucht.

Durch die Entwicklung neuartiger Sensoren für sog. Wearables, verbunden mit der KI, wird sich aber sicher in der Zukunft sehr viel tun, um alle möglichen Parameter an der Patientin oder am Patienten kontinuierlich zu überwachen und an seine Zahnärztin oder seinen Zahnarzt zu übertragen. Dadurch wird die Früherkennung von Fehlfunktionen noch früher möglich, als es gegenwärtig der Fall ist. Diese Situation wird dann vergleichbar sein mit dem automatischen Notrufsystem und den vernetzten digitalen Überwachungsassistenten in modernen Fahrzeugen.

Prof. Dr. Ivo Krejci


Prof. Dr. Ivo Krejci

Co-Gründer von Lovely Smile und ehemaliger Präsident der Zahnmedizinischen Kliniken der Universität Genf

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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