Ein Hunde- oder Katzenbiss, ein Kratzer von einem Affen oder der Kontakt mit einer Fledermaus kann ernste Folgen haben. PD Dr. med. Esther Künzli, Stv. Chefärztin am Zentrum für Tropen- und Reisemedizin, erklärt, wie Biss- und Kratzwunden richtig versorgt werden, wann ärztliche Hilfe nötig ist und wie sich Reisende vor Tollwut schützen können.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Welche Tierbisse kommen in den Ferien besonders häufig vor und warum können selbst kleine Biss- oder Kratzwunden gefährlich sein?
- Was ist unmittelbar nach einem Hunde-, Katzen-, Affen- oder anderen Tierbiss zu tun und wie wird die Wunde richtig gereinigt?
- Wann muss eine Bissverletzung sofort ärztlich behandelt werden und welche Wunden gelten als besonders riskant?
- Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass sich eine Bisswunde entzündet oder eine Blutvergiftung entwickelt?
- Bei welchen Tieren und in welchen Reiseländern besteht ein erhöhtes Tollwutrisiko?
- Was ist nach einem möglichen Tollwutkontakt zu tun und wie schnell muss die Behandlung beginnen?
- Reicht eine bereits erfolgte Tollwutimpfung aus oder sind nach einem Tierbiss weitere Impfungen notwendig?
- Welche Rolle spielt der Tetanusschutz und wann werden nach einer Bissverletzung Antibiotika benötigt?
- Was gilt bei Kratzern, abgeleckten Wunden oder Speichelkontakt – und worauf ist bei Kindern besonders zu achten?
- Wie lassen sich Tierbisse auf Reisen vermeiden und welche Vorbereitungen sind vor Ferien in einem Tollwutgebiet sinnvoll?
- Die Expertin
Frau Künzli, welche Tierbisse kommen in den Ferien besonders häufig vor und warum können selbst kleine Biss- oder Kratzwunden gefährlich sein?
Die meisten Verletzungen bei Reisenden werden durch Hunde oder Katzen verursacht. In gewissen Regionen kommen auch Bisse oder Kratzer durch Affen vor. Ebenfalls nicht vergessen werden dürfen Fledermäuse. Insgesamt sind Kratzer häufiger als eigentliche Bissverletzungen. Gerade oberflächliche Kratzer werden jedoch schnell unterschätzt, weil sie auf den ersten Blick harmlos wirken können.
Tierbisse und Kratzer sind vor allem aus zwei Gründen heikel: Einerseits können Bakterien aus dem Maul oder von den Krallen des Tieres in die Wunde gelangen und dort eine Infektion verursachen. Eine solche Entzündung muss unter Umständen mit Antibiotika behandelt werden. Andererseits können Verletzungen durch Säugetiere in Ländern, in denen Tollwut vorkommt, zu einer Infektion mit dem Tollwutvirus führen.
Dabei muss es sich nicht um eine grosse oder stark blutende Wunde handeln. Auch kleine Kratzer oder andere oberflächliche Verletzungen können relevant sein. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie schwer eine Wunde aussieht, sondern auch, welches Tier die Verletzung verursacht hat und in welchem Land der Kontakt stattgefunden hat. In Ländern, in denen Tollwut vorkommt, muss man bei Verletzungen durch Säugetiere grundsätzlich immer von der Annahme ausgehen, dass das Tier tollwütig sein könnte und sich entsprechend verhalten.
Was ist unmittelbar nach einem Hunde-, Katzen-, Affen- oder anderen Tierbiss zu tun und wie wird die Wunde richtig gereinigt?
Im Zusammenhang mit Tollwut ist es wichtig, auch an Fledermäuse zu denken. Grundsätzlich sollte jede Biss- oder Kratzwunde während 10 bis 15 Minuten gründlich mit Wasser und Seife gereinigt und anschliessend desinfiziert werden.
Blutende Tierbisse sollten immer ärztlich beurteilt werden. Auch bei Kratzern oder oberflächlichen Verletzungen durch Säugetiere ist eine medizinische Abklärung erforderlich, wenn man sich in einem Land aufhält, in dem Tollwut vorkommt.
Wann muss eine Bissverletzung sofort ärztlich behandelt werden und welche Wunden gelten als besonders riskant?
Verletzungen durch Säugetiere in Ländern mit Tollwut müssen immer sofort medizinisch behandelt werden. Als Verletzung beziehungsweise möglicher Tollwutkontakt gelten nicht nur Bisse, sondern auch Kratzer. Das gilt ebenfalls, wenn ein Tier über eine offene Wunde leckt oder der Speichel eines Säugetiers auf die Schleimhäute gelangt.
Unabhängig vom Tollwutrisiko sollten Bissverletzungen durch Säugetiere immer ärztlich beurteilt werden, wenn sie bluten. Neben der Wundversorgung muss geklärt werden, ob eine Auffrischung der Tetanusimpfung gegen «Starrkrampf» oder eine vorbeugende Behandlung mit Antibiotika notwendig ist. Insbesondere Katzenbisse führen relativ häufig zu Infektionen durch Bakterien aus dem Maul der Tiere.
Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass sich eine Bisswunde entzündet oder eine Blutvergiftung entwickelt?
Wenn sich die Haut rund um die Verletzung zunehmend rötet, die betroffene Stelle deutlich wärmer wird oder die Schmerzen stärker werden, kann dies auf eine Entzündung hinweisen. Auch wenn die Wunde zunächst unauffällig ausgesehen hat, können sich solche Beschwerden erst im weiteren Verlauf entwickeln.
Betroffene sollten die Verletzung deshalb nach einem Biss oder Kratzer aufmerksam beobachten. Nehmen Rötung, Überwärmung oder Schmerzen zu, sollte immer eine medizinische Kontrolle erfolgen. Je früher eine Wundinfektion erkannt und behandelt wird, desto besser lässt sich verhindern, dass sie sich weiter im Gewebe oder im Körper ausbreitet.
Grundsätzlich sollte man nicht erst abwarten, bis die Beschwerden sehr ausgeprägt sind. Besonders nach tiefen Bissen, Katzenbissen oder Verletzungen an empfindlichen Körperstellen ist eine frühzeitige ärztliche Beurteilung sinnvoll.
Bei welchen Tieren und in welchen Reiseländern besteht ein erhöhtes Tollwutrisiko?
Tollwut kommt praktisch weltweit vor. In gewissen Ländern tritt allerdings nur Tollwut bei Fledermäusen auf. Länder wie die Schweiz gelten als frei von «terrestrischer» Tollwut, also von Tollwut bei landlebenden Säugetieren.
Ein kleines Risiko besteht jedoch auch in der Schweiz: Einerseits können Fledermäuse das Tollwutvirus tragen, andererseits können illegal aus Tollwutgebieten importierte Tiere wie Hunde oder Katzen infiziert sein. Wer in der Schweiz von einer Fledermaus oder einem möglicherweise importierten Tier gebissen oder gekratzt wird, benötigt deshalb ebenfalls eine sogenannte Postexpositionsprophylaxe.
Was ist nach einem möglichen Tollwutkontakt zu tun und wie schnell muss die Behandlung beginnen?
Die Wunde sollte sofort gründlich gereinigt und desinfiziert werden. Anschliessend muss so schnell wie möglich, idealerweise noch am Tag der Verletzung, eine Postexpositionsprophylaxe begonnen werden. Wie diese Behandlung aussieht, hängt davon ab, ob die betroffene Person bereits vor der möglichen Exposition gegen Tollwut geimpft wurde.
Bei vollständig vorgeimpften Personen sind nach einem möglichen Kontakt zwei Auffrischimpfungen im Abstand von drei Tagen notwendig. Ohne vorherige Impfung braucht es mindestens vier Impfungen innerhalb von 14 Tagen und häufig zusätzlich Tollwut-Antikörper, sogenannte Immunglobuline. Die Behandlung sollte schnellstmöglich, idealerweise am Tage der Verletzung begonnen werden. Allerdings sind Tollwut-Antikörper in vielen Reise-Ländern nicht verfügbar. Dadurch besteht das Risiko, dass die notwendige Behandlung vor Ort nicht vollständig durchgeführt werden kann.
Reicht eine bereits erfolgte Tollwutimpfung aus oder sind nach einem Tierbiss weitere Impfungen notwendig?
Eine bereits erfolgte Tollwutimpfung erleichtert die Behandlung nach einem möglichen Kontakt erheblich, sie macht weitere Impfungen jedoch nicht überflüssig. Auch vollständig grundimmunisierte Personen benötigen nach einem möglichen Tollwutkontakt zwei Auffrischimpfungen.
Als grundimmunisiert gilt, wer vor der Reise zwei Tollwutimpfungen im Abstand von mindestens sieben Tagen erhalten hat. Nach einem möglichen Kontakt sollte die erste Auffrischimpfung idealerweise noch am Tag der Verletzung erfolgen. Die zweite Impfung wird drei Tage später verabreicht.
Der Vorteil der vorherigen Impfung besteht darin, dass die Behandlung nach einem Tierkontakt deutlich einfacher ist. Vorgeimpfte Personen benötigen weniger Impfungen und in der Regel keine zusätzlichen Tollwut-Immunglobuline. Trotzdem gilt auch für sie: Die Wunde muss sofort gereinigt werden und der Tierkontakt sollte schnellstmöglich medizinisch abgeklärt werden. Eine frühere Impfung ist kein Grund, nach einem Biss oder Kratzer abzuwarten.
Welche Rolle spielt der Tetanusschutz und wann werden nach einer Bissverletzung Antibiotika benötigt?
Bei jeder Kratz- oder Bissverletzung sollte überprüft werden, ob der Tetanusschutz noch aktuell ist. Tetanus, umgangssprachlich auch «Starrkrampf» genannt, wird durch Bakterien verursacht, die über Verletzungen in den Körper gelangen können. Ist der Impfschutz nicht mehr ausreichend, kann eine Auffrischimpfung notwendig sein.
Antibiotika werden immer dann benötigt, wenn sich eine Wunde bereits entzündet hat. Hinweise darauf sind beispielsweise eine zunehmende Rötung, Überwärmung und stärker werdende Schmerzen. Ob zusätzlich vorbeugend Antibiotika eingesetzt werden, hängt von der jeweiligen Verletzung ab.
Bei dieser Entscheidung spielen unter anderem die Grösse, Tiefe und Lokalisation der Wunde eine Rolle. Auch die Tierart kann für die Beurteilung wichtig sein. Insbesondere Katzenbisse haben ein erhöhtes Infektionsrisiko und müssen deshalb sorgfältig beurteilt werden. Ob eine Antibiotikaprophylaxe notwendig ist, sollte im Einzelfall von einer Ärztin oder einem Arzt entschieden werden.
Was gilt bei Kratzern, abgeleckten Wunden oder Speichelkontakt – und worauf ist bei Kindern besonders zu achten?
Auch Kratzer gelten als mögliche Tollwutexposition. Dasselbe gilt, wenn der Speichel eines Säugetiers auf eine offene Wunde oder auf Schleimhäute gelangt.
Kinder sind besonders gefährdet, weil sie die Risiken im Umgang mit Tieren häufig noch nicht richtig einschätzen können. Zudem befinden sich Biss- und Kratzverletzungen bei ihnen öfter im Gesicht oder an den Händen. Solche Verletzungen sind im Hinblick auf eine mögliche Tollwutübertragung besonders riskant.
Wie lassen sich Tierbisse auf Reisen vermeiden und welche Vorbereitungen sind vor Ferien in einem Tollwutgebiet sinnvoll?
In Ländern, in denen Tollwut vorkommen kann, sollte man keine Säugetiere anfassen – auch dann nicht, wenn sie zutraulich oder gesund wirken. Vor der Reise sollte individuell geprüft werden, ob eine vorbeugende Tollwutimpfung sinnvoll ist.
Dass Reisende an Tollwut sterben, ist zwar sehr selten. Das Risiko, während einer Reise gebissen oder gekratzt zu werden, liegt Studien zufolge jedoch bei zwei bis fünf Prozent. Nach einem möglichen Kontakt ist eine Postexpositionsprophylaxe notwendig, die mit erheblichem Aufwand und Kosten verbunden sein kann.
Hinzu kommt, dass die benötigten Tollwut-Antikörper in vielen Reiseländern nicht verfügbar sind. Dadurch kann die Behandlung vor Ort möglicherweise nicht vollständig durchgeführt werden. In manchen Fällen müssen deshalb die Reiseroute geändert oder die Ferien vorzeitig abgebrochen werden.
Die Expertin

Dr. med. Esther Künzli, MD, PD – Swiss TPH
Esther Künzli ist Co-Leitung der Medical Services Unit am Swiss TPH. Künzli hat an der Universität Basel Medizin studiert und anschliessend einen Facharzt in Allgemeiner Innerer Medizin und in Infektiologie gemacht. In 2011 machte Sie zudem einen Master in Control of Infectious Diseases an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Sie hat 2022 an der Universität Basel in Tropen- und Reisemedizin habilitiert.
In ihrer wissenschaftlichen Arbeit fokussiert sie v.a. auf den Einfluss von internationalem Reisen auf die Verbreitung von Antibiotika-Resistenz.