Alles geplant – und dann das: Durchfall, Fieber oder Kreislaufprobleme in den Ferien, aber die falschen Medikamente im Gepäck. Genau das passiert vielen Reisenden. PD Dr. med. Michael Büttcher leitet die Reisemedizinische Sprechstunde für Erwachsene, Kinder und Jugendliche am Luzerner Kantonsspital (LUKS). Er warnt, welche typischen Fehler die Ferien ruinieren können - und verrät, was wirklich in Ihre Reiseapotheke gehört.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Sonne, Meer und Abenteuer – warum lohnt es sich, die Reiseapotheke vor den Ferien sorgfältig zusammenzustellen?
- Welche gesundheitlichen Probleme treten in den Ferien besonders häufig auf – und wie kann man ihnen schon vor der Reise vorbeugen?
- Welche Fehler machen Reisende bei der Zusammenstellung der Reiseapotheke am häufigsten – und welche Medikamente und Hilfsmittel sollten in keiner Reiseapotheke fehlen?
- Welche Medikamente helfen bei typischen Reisebeschwerden wie Durchfall, Übelkeit, Kreislaufproblemen oder Schmerzen besonders schnell und welche werden oft eingepackt, aber eigentlich selten gebraucht?
- Was gehört in die Reiseapotheke für kleine Verletzungen, Blasen, Sonnenbrand oder Insektenstiche?
- Welche Medikamente sind besonders wichtig, wenn Kinder oder ältere Menschen mit auf Reisen gehen?
- Gibt es Unterschiede zwischen einer Reiseapotheke für Kurztrips, Fernreisen und Abenteuerferien?
- Welche Vorschriften gelten für die Mitnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten im Flugzeug oder bei internationalen Reisen?
- Was tun, wenn wichtige Medikamente in den Ferien verloren gehen, beschädigt oder gestohlen werden?
- Ihr wichtigster Tipp: Wie schafft man die Balance zwischen einer gut ausgestatteten Reiseapotheke und leichtem Gepäck?
- Der Experte
Herr Büttcher: Sonne, Meer und Abenteuer – warum lohnt es sich, die Reiseapotheke vor den Ferien sorgfältig zusammenzustellen?
Eine gut zusammengestellte Reiseapotheke spart im Ernstfall Zeit, Stress und manchmal auch unnötige Arztbesuche. Entscheidend ist: Es gibt nicht die eine Standard-Reiseapotheke für alle. Umfang und Inhalt hängen vom Reiseziel, der Reisedauer, dem Reisestil und den individuellen Risiken ab – also etwa davon, ob jemand nur einen Städtetrip macht oder mehrere Wochen abseits der touristischen Infrastruktur unterwegs ist. Auch bestehende Erkrankungen, Schwangerschaft oder das Reisen mit Kindern spielen eine wichtige Rolle.
Hinzu kommt: Medikamente sind am Urlaubsort nicht immer leicht erhältlich, nicht immer in gewohnter Qualität verfügbar und manchmal nur mit lokalem Rezept zu bekommen. Gerade ausserhalb Europas können Lieferengpässe, Sprachprobleme oder auch gefälschte Medikamente ein Thema sein. Deshalb ist Vorbereitung oft die beste Vorsorge.
Welche gesundheitlichen Probleme treten in den Ferien besonders häufig auf – und wie kann man ihnen schon vor der Reise vorbeugen?
Am häufigsten sehen wir auf Reisen:
- Magen-Darm-Beschwerden, vor allem Durchfall
- Erkältungen
- Fieber
- kleinere Verletzungen
- Hautprobleme nach Insektenstichen
- Sonnenbrand
- Reisekrankheit
Bei Kindern kommen Durchfall, Atemwegsinfekte, Hautreaktionen, Verletzungen und Fieber besonders häufig vor. Vorbeugen kann man mit einfachen, aber sehr wirksamen Massnahmen:
- gute Handhygiene mit alkoholischer Händedesinfektion
- ausreichender Sonnenschutz
- konsequenter Mückenschutz
- je nach Reiseland, frühzeitige reisemedizinische Beratung zu Impfungen und Malariaprophylaxe.
Bei Flugreisen helfen ausserdem Bewegung, genug trinken und bei Bedarf Kompressionsstrümpfe, um Thrombosen vorzubeugen.
Welche Fehler machen Reisende bei der Zusammenstellung der Reiseapotheke am häufigsten – und welche Medikamente und Hilfsmittel sollten in keiner Reiseapotheke fehlen?
Der häufigste Fehler ist, nach dem Motto «viel hilft viel» zu packen – oder umgekehrt viel zu knapp. Sinnvoll ist eine kleine, gut überlegte Basisausstattung statt ein halber Apothekenschrank. Ebenfalls häufig: Dauermedikamente werden zu knapp kalkuliert, nicht auf Handgepäck und Koffer verteilt oder ohne Beipackzettel mitgenommen. Auch Lagerung ist ein unterschätztes Thema: Medikamente sollten kindersicher, bruchfest, vor Sonne geschützt und möglichst kühl aufbewahrt werden.
In jede Reiseapotheke gehören aus meiner Sicht:
- ein Mittel gegen Schmerzen und Fieber
- ein Fieberthermometer
- orale Rehydratationslösung gegen Flüssigkeitsverlust bei Durchfall (alternativ kann hier auch Pulver für isotonische Sportgetränke mitgenommen werden)
- etwas gegen Übelkeit oder Reisekrankheit
- Desinfektionsmittel für Hände und Wunden
- Pflaster und Verbandmaterial
- eine Pinzette
- Sonnenschutz
- je nach Reiseziel ein Mückenschutzmittel
Wer regelmässig Medikamente braucht, sollte diese immer in ausreichender Menge mitführen.
Welche Medikamente helfen bei typischen Reisebeschwerden wie Durchfall, Übelkeit, Kreislaufproblemen oder Schmerzen besonders schnell und welche werden oft eingepackt, aber eigentlich selten gebraucht?
Bei Schmerzen und Fieber ist Paracetamol ein bewährter Klassiker. Bei Durchfall ist die wichtigste Sofortmassnahme nicht «Durchfall stoppen», sondern ausreichend trinken – idealerweise mit oraler Rehydratationslösung bzw. isotonisches Sportgetränk. In Ausnahmefällen kann z.B. Loperamid bei wässrigem Durchfall ohne Fieber kurzfristig sinnvoll sein, sollte aber nicht bei Fieber oder blutigem Stuhl eingesetzt werden. «Reisekrankheit» und Übelkeit lassen sich oft gut mit entsprechenden Medikamenten wie Dimenhydrinat, Meclozin oder ähnlichen Präparaten behandeln – idealerweise vorbeugend 1 Stunde vor Reiseantritt.
Was oft überschätzt wird, sind die Mitnahme von «Stand-by» Antibiotika. Sie sind nur in ausgewählten Situationen sinnvoll und sollten nicht reflexartig in jede Reiseapotheke gepackt werden. Bei «Kreislaufproblemen» ist wichtiger als ein spezielles Medikament: genug Flüssigkeit, Salz, Schatten, Ruhe und bei Hitze vernünftiges Verhalten. Oft steckt dahinter Flüssigkeitsmangel, Hitze oder Erschöpfung – und nicht etwas, das man einfach mit einer Tablette lösen sollte.
Was gehört in die Reiseapotheke für kleine Verletzungen, Blasen, Sonnenbrand oder Insektenstiche?
Für kleine Verletzungen braucht es eine einfache, aber zuverlässige Grundausstattung: Pflaster, sterile Kompressen, Gazebinde oder elastische Binde, Heftpflaster, Desinfektionsmittel, Schere, Pinzette und gegebenenfalls Steri-Strips für kleinere Schnittwunden. Für unterwegs sind Einweghandschuhe ebenfalls sinnvoll.
Bei Insektenstichen helfen kühlende oder antiallergische Gels beziehungsweise Cremes, etwa mit Antihistaminikum. Bei stärkeren allergischen Reaktionen gilt: Betroffene sollten immer ihre persönlich verordneten Notfallmedikamente dabeihaben.
Gegen Sonnenbrand und gereizte Haut sind Sonnenschutz und entzündungshemmende Produkte wichtig; der beste Tipp ist aber natürlich, Sonnenbrand gar nicht erst entstehen zu lassen.
Für Blasen reichen in vielen Fällen Blasenpflaster und gutes Verbandmaterial. Das klingt banal, ist auf Wanderreisen aber Gold wert.
Welche Medikamente sind besonders wichtig, wenn Kinder oder ältere Menschen mit auf Reisen gehen?
Bei Kindern ist die Reiseapotheke keine verkleinerte Erwachsenen-Version. Besonders wichtig sind Fieberthermometer, Paracetamol in kindgerechter Form, orale Rehydratationslösung (bzw. Pulver für isotonisches Sportgetränk) gegen Durchfall und Erbrechen sowie altersgerechter Mücken- und Sonnenschutz. Für Kleinkinder gilt ausserdem: Durchfall und Erbrechen können rasch gefährlich werden, deshalb sollte man hier besonders früh auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Warnzeichen achten. Imodium ist bei Kleinkindern ausdrücklich nicht geeignet.
Bei älteren Menschen stehen meist die Dauermedikamente im Vordergrund: Sie müssen in ausreichender Menge mit, idealerweise auf Handgepäck und Koffer verteilt. Ausserdem sollte man an Risiken wie Dehydrierung, Thrombosen auf Langstreckenflügen und an die richtige Einnahme bei Zeitverschiebung denken.
Gibt es Unterschiede zwischen einer Reiseapotheke für Kurztrips, Fernreisen und Abenteuerferien?
Ja, ganz klar. Für einen kurzen Städtetrip in Europa reicht meist eine schlanke Basisausstattung, weil medizinische Versorgung und Apotheken gut erreichbar sind. Bei Badeferien oder Trekkingreisen kommen eher Dinge wie elastische Binde, Pinzette, Mittel gegen Hautreizungen, Ohrenprobleme oder Blasen dazu. Für Fernreisen oder längere Aufenthalte gehören zusätzlich Rehydratationslösung, mehr Verbandmaterial, je nach Destination Mückenschutz und Malariamedikamente sowie – nach individueller Beratung – weitere Spezialmedikamente ins Gepäck.
Kurz gesagt: Je weiter weg, je länger die Reise und je schwieriger die medizinische Versorgung vor Ort, desto sorgfältiger sollte die Reiseapotheke geplant werden.
Welche Vorschriften gelten für die Mitnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten im Flugzeug oder bei internationalen Reisen?
Hier gibt es zwei Ebenen: die Regeln für das Flugzeug und die Einfuhrregeln des Ziellandes. Für das Handgepäck gilt bei flüssigen Medikamenten grundsätzlich die 100-ml-Regel, wobei Fertigspritzen oder medizinisch notwendige Flüssigkeiten ein ärztliches Zeugnis erfordern können. Bei Spritzen, Nadeln, Insulin oder anderen Injektionsgeräten ist eine ärztliche Bescheinigung sehr sinnvoll.
Noch wichtiger sind die Einfuhrbestimmungen des Ziellandes. Einige Medikamente – etwa kodeinhaltige Präparate, Morphin-Derivate, Schlaftabletten, Betäubungsmittel oder Steroide – können in bestimmten Ländern verboten sein oder ein Attest verlangen. Empfohlen werden Originalverpackungen und ein ärztliches Attest, idealerweise auf Englisch oder zweisprachig. Für kontrollierte Substanzen gelten teils Mengenbeschränkungen.
Was tun, wenn wichtige Medikamente in den Ferien verloren gehen, beschädigt oder gestohlen werden?
Am besten sorgt man schon vor der Reise vor: wichtige Medikamente in ausreichender Menge mitnehmen, auf Handgepäck und Aufgabegepäck verteilen und möglichst in Originalverpackung mitführen. Genau das reduziert das Risiko, im Notfall ohne Behandlung dazustehen.
Wenn trotzdem etwas verloren geht, sollte man sich so rasch wie möglich an eine Arztpraxis, eine Klinik oder eine seriöse Apotheke vor Ort wenden. Ferner sollte auch ein Notfallrezept in Englisch mit den jeweiligen Wirkstoffnamen, Dosis und Frequenz mitgenommen werden. Beschädigte oder verdorbene Medikamente sollte man im Zweifelsfall nicht mehr einnehmen. Warnzeichen sind zum Beispiel Verfärbungen, Risse, ausgeflockte Flüssigkeiten oder verflüssigte Cremes.
Ihr wichtigster Tipp: Wie schafft man die Balance zwischen einer gut ausgestatteten Reiseapotheke und leichtem Gepäck?
Mein wichtigster Tipp ist: nicht maximal, sondern passend packen. Eine gute Reiseapotheke ist nicht die grösste, sondern diejenige, die zur Reise passt. Wer Reiseziel, Reisedauer, Reiseart und persönliche Gesundheit berücksichtigt, kommt meist mit einer kompakten, sehr sinnvollen Auswahl aus.
Ich würde immer in drei Kategorien denken: erstens unverzichtbar – also Dauermedikamente; zweitens häufig gebraucht – etwa Schmerzmittel, Rehydratationslösung, Desinfektion, Pflaster, Mückenschutz; und drittens individuell sinnvoll – zum Beispiel Malariaprophylaxe, Allergie-Notfallset oder spezielle Medikamente für Kinder, Schwangerschaft oder Abenteuerreisen. So bleibt das Gepäck leicht, ohne an Sicherheit zu verlieren.

Der Experte
PD KD Dr. med. Michael Büttcher, Kantonsspital Luzern (LUKS)
Leitender Arzt der reisemedizinischen Sprechstunde für Erwachsene, Kinder und Jugendliche