Ob Kurztrip oder Fernreise – für Menschen mit körperlichen Einschränkungen beginnt eine gelungene Reise lange vor dem Kofferpacken. Medizinische Abklärungen, Hilfsmittel, Notfallpläne und psychologische Sicherheit spielen eine zentrale Rolle. PD Dr. med. PhD Inge Eriks Hoogland vom Schweizer Paraplegiker-Zentrum zeigt im Interview auf, worauf Betroffene achten sollten, wie Stress reduziert werden kann und welche Unterstützungssysteme notwendig sind, damit Reisen nicht zur Belastung, sondern zur Bereicherung wird.
Was bedeutet barrierefrei reisen aus medizinischer Sicht – und warum ist das Thema so wichtig?
Aus medizinischer Sicht bedeutet barrierefreies Reisen, dass Menschen mit Behinderungen oder Mobilitätseinschränkungen sicher und selbstbestimmt reisen können. Mobilität ist ein essenzieller Bestandteil von Lebensqualität, Teilhabe und psychosozialer Gesundheit. Dies gilt für Menschen mit und ohne körperliche Einschränkungen. Barrierefreiheit umfasst dabei nicht nur bauliche Aspekte, sondern auch medizinische Sicherheit, die Verfügbarkeit von Hilfsmitteln und die verlässliche Organisation individueller Bedürfnisse.
Welche gesundheitlichen Aspekte müssen bei der Reiseplanung für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen beachtet werden?
Bei der Reiseplanung sollten insbesondere die folgenden medizinischen Punkte berücksichtigt werden:
- Stabilität der Grunderkrankung und aktuelle medizinische Situation
- Risiko von Komplikationen (z. B. Dekubitus, Harnwegsinfekte, Temperaturregulation, Spastik, Thromboserisiko)
- Medikamentenbedarf und sichere Transportmöglichkeiten
- Versorgung mit Hilfsmitteln wie Rollstuhl, Kathetermaterial und orthopädischen Hilfen
- Zugang zu barrierefreier Infrastruktur wie Toiletten, Duschen oder geeigneten Transportmitteln
- Notfallplan: Wo befindet sich das nächste Spital? Wie sieht die medizinische Versorgung vor Ort aus?
Wie bereitet man sich optimal auf Reisen mit körperlichen Einschränkungen vor – und welche medizinischen Checks sind sinnvoll?
Eine gute Vorbereitung ist entscheidend – und sollte nicht last minute erfolgen. Sinnvoll sind:
- ärztlicher Check-up inklusive aktueller Diagnoseliste
- Medikamentenplan bzw. Medikamentenkarte für den Notfall
- Abklärung, welche Medikamente in welcher Menge mitgeführt werden sollten
- Planung des Bedarfs an Verbrauchsmaterialien (Katheter, Verbandsmaterial, Inkontinenzhilfen etc.)
- eventuell ein ärztliches Attest, das von Patient*in und Arzt*in gemeinsam ausgefüllt werden muss (v. a. bei Flugreisen)
- Kopien aller Dokumente zusätzlich digital abspeichern
- rechtzeitige Auseinandersetzung mit Formularen der Fluggesellschaften – deren Bearbeitung benötigt Zeit
Welche Unterstützung können Ärzt*innen und Reiseanbieter*innen bieten, um eine sichere Reise zu ermöglichen?
Ärzt*innen können durch verschiedene Massnahmen unterstützen. Dazu gehört die Bereitstellung einer Diagnoseliste sowie die Ausstellung einer Medikamentenkarte und notwendiger Atteste. Zudem beraten sie zu benötigten Materialien und zur Reisefähigkeit, geben Hinweise zu möglichen Notfallrisiken und deren Management und stellen, wenn möglich, Kontaktadressen sowie Empfehlungen für eine medizinische Versorgung am Reiseziel zur Verfügung.
Auch Reiseanbieter*innen können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie transparent über die Barrierefreiheit vor Ort informieren. Darüber hinaus unterstützen sie bei der Beschaffung notwendiger Reisedokumente, leisten Hilfestellung bei Sonderanmeldungen – beispielsweise für den Transport von Hilfsmitteln im Flugzeug – und stellen verlässliche Informationen zur Infrastruktur und zu den Transportmöglichkeiten am Reiseziel bereit.
Wie transportiert man medizinische Geräte und Medikamente sicher – auch bei Flugreisen oder extremen Temperaturen?
Wichtig ist, dass Medikamente grundsätzlich im Handgepäck transportiert werden; temperaturkritische Präparate sollten dabei in geeigneten Kühltaschen aufbewahrt werden. Hilfsmittel und Verbrauchsmaterialien sind gut zu beschriften und in ausreichender Menge mitzuführen. Zudem müssen Fluggesellschaften im Voraus über den Transport von Rollstühlen, Sitzkissen, Batterien oder medizinischen Geräten informiert werden. Die Apotheke kann beratend zur Transportstabilität einzelner Medikamente unterstützen. Darüber hinaus sollten Ersatzmaterialien eingeplant werden, insbesondere für den Fall, dass am Reiseziel keine adäquate Versorgung gewährleistet ist.
Welche internationalen Richtlinien und Rechte gelten für Reisende mit Handicap – und was sollte man unbedingt kennen?
Wichtig sind unter anderem:
- EU-Verordnung über die Rechte von Flugpassagieren mit eingeschränkter Mobilität
- Vorgaben einzelner Fluggesellschaften zu medizinischen Attesten und Hilfsmitteltransport
- nationale Bestimmungen zur Mitnahme von Medikamenten (z. B. Betäubungsmittel)
- Reisekrankenversicherung und deren Abdeckung für chronische Erkrankungen
- Notrufnummern und Kontakt zur jeweiligen Botschaft oder zum Konsulat
Zentral ist, den Versicherungsstatus vorab zu klären – insbesondere, ob die Versorgung chronischer Erkrankungen im Ausland gedeckt ist.
Welche technischen Hilfsmittel und Assistenzsysteme verbessern Mobilität und Sicherheit unterwegs?
Dazu gehören geeignete Rollstühle, wie etwa Reise-, Aktiv- oder Elektrorollstühle, sowie Sitzkissen zur Dekubitusprophylaxe. Ergänzend können mobile Rampen, Transferhilfen und Reisesets für die Katheterisierung oder Wundversorgung erforderlich sein. Auch hier ist eine sorgfältige Vorbereitung entscheidend, da Ersatzteile und entsprechendes Zubehör jederzeit verfügbar sein müssen.
Was tun, wenn unterwegs ein medizinisches Problem auftritt – und wie ist die Versorgung im Ausland organisiert?
Wichtig ist ein klarer Notfallplan:
- Kenntnis des nächstgelegenen Spitals und dessen Zugänglichkeit
- Mitführen aller medizinischer Unterlagen (elektronisch und in Papierform)
- Frühzeitige Kontaktaufnahme mit der Reiseversicherung
- Bei Bedarf Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin in der Schweiz
- Bei akuten Problemen: lokale Notfallnummer wählen und Diagnoseliste vorzeigen
Eine gut vorbereitete Dokumentation erleichtert die Diagnostik und Behandlung erheblich.
Welche psychologischen Aspekte beeinflussen die Reiseplanung – und wie kann man Stress reduzieren?
Viele Patientinnen und Patienten haben Reiseängste oder Sorgen hinsichtlich möglicher Komplikationen. Eine Reduktion von Stress gelingt durch eine frühzeitige Planung, transparente Informationen über Infrastruktur und Transportwege sowie eine realistische Vorbereitung auf mögliche Herausforderungen. Zusätzlich kann es hilfreich sein, den vertrauten Tagesrhythmus im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten beizubehalten und zu wissen, dass ein medizinischer Notfallplan existiert. Verlässliche Informationen vermitteln Sicherheit und stellen damit einen wesentlichen psychologischen Faktor dar.
Ihr Wunsch: Was sollte sich in der Reisemedizin und Tourismusbranche noch verbessern, um echte Barrierefreiheit zu erreichen?
Aus meiner Sicht braucht es vor allem mehr Transparenz und Verbindlichkeit. Menschen mit körperlichen Einschränkungen profitieren von:
- klaren, überprüfbaren Angaben zur Barrierefreiheit von Hotels, Transportmitteln und Reisezielen
- verständlichen Checklisten, welche Unterlagen eingereicht werden müssen
- Unterstützung bei der Organisation medizinischer Hilfsmittel
- verlässlicher Kommunikation zwischen Reiseanbieter, Fluggesellschaft und medizinischem Umfeld
Echte Barrierefreiheit bedeutet nicht nur bauliche Zugänglichkeit, sondern auch verlässliche und vollständige Informationen. Nur so können Menschen mit Behinderungen genauso frei und sicher reisen wie alle anderen.

PD Dr. med. PhD Inge Eriks Hoogland
Stv. Chefärztin Paraplegiologie im Schweizer Paraplegiker-Zentrum
Fotograf: Walter Eggenberger
Barrierefreie Campingferien im Bungalow
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Im Schlafzimmer steht ein voll funktionsfähiges Pflegebett bereit, und je nach Standort ist auch im zweiten Schlafzimmer ein Pflegebett vorhanden. Die Küchenzeile ist mit dem Rollstuhl bequem unterfahrbar, und auch das Badezimmer ist komplett barrierefrei gestaltet.
Die Bungalows verfügen zudem über einen gemütlichen Wohn- und Essbereich und sind mit allen wichtigen Küchenutensilien für bis zu fünf Personen ausgestattet. Für entspannte Stunden draussen lädt eine überdachte Terrasse zum Verweilen ein.
Geniessen Sie eine unbeschwerte Zeit auf den TCS-Campingplätzen und entdecken Sie die Regionen. Ein besonderes Erlebnis bietet etwa beim TCS Camping Buochs das Kajakfahren auf dem Vierwaldstättersee mit einem speziell gefertigten Doppelsitz-Kajak.