Reisethrombose: Was Sie wissen sollten und wie Sie sich wirksam schützen

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Adobe, Flugzeug
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Quelle: TCS MyMed

Lange Flugreisen, aber auch längere Auto-, Bus- oder Zugfahrten, können das Risiko für eine Beinvenenthrombose (Blutgerinnsel in den Beinvenen) erhöhen. Für die meisten gesunden Menschen ist das Risiko zwar gering, bei bestimmten Personen kann es jedoch deutlich ansteigen. Entscheidend ist, das eigene Risiko richtig einzuschätzen – und entsprechend zu handeln.

Warum das Risiko auf Reisen steigt, wer besonders aufpassen sollte und welche Schutzmassnahmen wirklich helfen, erklärt PD Dr. med. Sebastian Sixt, Facharzt für Angiologie, Kardiologie und Innere Medizin sowie Partner und Geschäftsleitung der Gefässpraxis Biel/Bienne.

Ein medizinisch fundierter Überblick für Reisende

Herr Sixt, warum steigt das Thromboserisiko bei langen Flugreisen – und wie hoch ist es laut aktueller Studienlage?
Bei langen Reisen – besonders bei Flügen über vier bis sechs Stunden – sitzen wir oft über längere Zeit nahezu bewegungslos. Genau das erhöht das Risiko für eine tiefe Beinvenenthrombose. Dabei bildet sich ein Blutgerinnsel in einer tiefen Vene, meist im Unterschenkel oder Oberschenkel.
Studien zeigen:

Das relative Risiko für eine Thrombose ist nach Langstreckenreisen etwa zwei- bis dreimal höher als im Alltag. Das klingt zunächst alarmierend, doch entscheidend ist das absolute Risiko: Für gesunde Menschen bleibt es sehr niedrig.

Zur Einordnung:

  • Laut WHO kommt es bei etwa 1 von 6 000 Langstreckenreisenden zu einer symptomatischen Thrombose.
  • Andere Studien zeigen ähnliche Zahlen, selbst bei Flügen über acht Stunden.

Wichtig zu wissen:
Das Risiko endet nicht sofort nach der Landung. In den ersten 7 bis 14 Tagen nach der Reise ist das Thromboserisiko noch leicht erhöht.

Welche physiologischen Prozesse führen zur Thrombosebildung während langer Flugzeiten?
Die Entstehung einer Thrombose lässt sich gut mit der sogenannten Virchow-Trias erklären. Sie beschreibt drei Faktoren, die gemeinsam die Gerinnselbildung begünstigen:

1. Venöse Stase – Verlangsamter Blutfluss
Beim langen Sitzen wird die Wadenmuskelpumpe kaum aktiviert. Normalerweise sorgt Bewegung dafür, dass das Blut aus den Beinvenen zurück zum Herzen gepumpt wird.
Durch angewinkelte Knie und Hüften fliesst das Blut langsamer – es kommt zur Stase, also einem Blutstau.

2. Hyperkoagulabilität – Erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes
Manche Menschen haben von Natur aus oder durch bestimmte Situationen ein «gerinnungsfreudigeres» Blut – zum Beispiel durch:

  • Schwangerschaft
  • Hormonpräparate
  • Krebserkrankungen
  • genetische Veranlagung

Studien zeigen, dass sich bei Risikopersonen nach langen Reisen messbare Veränderungen der Blutgerinnung finden.

3. Endotheliale Faktoren – Veränderungen der Gefässwand
Dieser Faktor spielt beim Reisen eine geringere Rolle und ist eher nach Operationen oder Verletzungen relevant.

Entgegen verbreiteter Meinung sind Kabinenluft oder Kabinendruck nicht die Hauptursache – entscheidend ist vor allem das lange, unbewegte Sitzen.

Wer gilt medizinisch als Hochrisikogruppe für Reisethrombosen?
Nicht jeder Reisende hat das gleiche Risiko. Basierend auf Empfehlungen der British Society for Haematology und der American Society of Hematology gelten als Hochrisikopersonen:

Hohes Risiko besteht bei:

  • Früherer Thrombose oder Lungenembolie
  • Aktiver Krebserkrankung
  • Grösserer Operation oder schwerem Unfall in den letzten vier bis sechs Wochen
  • Kombination mehrerer Risikofaktoren

Ein moderat erhöhtes Risiko besteht bei:

  • Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt
  • Einnahme hormoneller Verhütungsmittel
  • Starkem Übergewicht
  • Bekannter Gerinnungsstörung (genetisch bedingt erhöhtes Risiko für Thrombenbildung)
  • Chronische Herz- oder Lungenerkrankungen
  • Längerer Immobilisation

Diese Einteilung ist entscheidend für die Wahl präventiver Massnahmen.

Welche Symptome sollte man ernst nehmen?
Anzeichen einer tiefen Beinvenenthrombose können sein:

  • Einseitig geschwollenes Bein
  • Schmerzen oder Druckgefühl in der Wade
  • Überwärmung oder bläuliche Verfärbung

Einzelne Symptome sind oft unspezifisch – die Kombination ist entscheidend.

Warnzeichen einer Lungenembolie (medizinischer Notfall):

  • Plötzliche Atemnot
  • Stechender Brustschmerz beim Atmen
  • Herzrasen oder plötzlicher Bewusstseinsverlust
  • Husten mit Blut (selten, aber spezifisch)

Wichtig ist zu wissen: Etwa 30 bis 50 % der mit Symptomen einhergehenden Lungenembolien haben keine vorher genannten erkannten Beschwerden in den Beinen, welche auf eine tiefe Beinvenenthrombose hinweisen könnten. Damit ist es mitunter erschwert die Zusammenhänge unmittelbar zu erkennen (VTE). 

Welche vorbeugenden Massnahmen sind evidenzbasiert wirksam?
Nicht-medikamentöse Massnahmen:

  • Regelmässige Aktivierung der Wadenmuskelpumpe (alle 30 bis 60 Minuten)
  • Aufstehen und ein paar Schritte gehen im Kabinengang
  • Vermeidung beengender Sitzpositionen und Tragen enger Beinkleider

Diese Massnahmen sind im Zusammenhang der vorangehend genannten Punkte zu sehen, insgesamt jedoch niedrigschwellig, sicher und für alle Reisenden sinnvoll. Harte Studienendpunkte gibt es dafür jedoch nicht. 

Wie wirksam sind Kompressionsstrümpfe wirklich?
Kompressionsstrümpfe wurden lange kontrovers diskutiert. Ein grosser Cochrane-Review (2021) mit über 2'900 Teilnehmenden zeigt jedoch:

  • Deutliche Reduktion asymptomatischer Thrombosen
  • Weniger Beinödeme und Schwellungen

Ein klarer Nachweis für die Verhinderung symptomatischer Thrombosen ist schwierig – allerdings ist deren Risiko bei gesunden Menschen ohnehin sehr gering.

Empfehlung:

Massgefertigte Kompressionsstrümpfe (Klasse II) sind sinnvoll bei:

  • Erhöhtem oder hohem Risiko
  • Flugdauer über sechs bis acht Stunden

Welche Rolle spielt die Flüssigkeitsaufnahme?
Obwohl häufig empfohlen, ist die Evidenz begrenzt. Interpretiert man die Dehydrierung mit der Folge des Eindicken des Blutes im Zusammenhang mit der oben aufgeführten Virchow Trias, so schein es logisch zu sein, zu empfehlen vor und während des Fluges, ausreichend Flüssigkeit aufzunehmen. Die Datenlage ist jedoch schwach und nicht überzeugend, dass Dehydratation allein eine VTE auslösen könnte. Es scheint demnach eher so, dass es im Zusammenspiel mit weiteren genannten Faktoren eine Rolle spielt. Allgemein gilt demnach folgende Empfehlung:

  • Ausreichend trinken
  • Alkohol möglichst vermeiden
  • Wichtig: Trinken ersetzt keine Bewegung

Gibt es Medikamente zur Vorbeugung – und wann sind sie sinnvoll?

  • Keine Medikamente für gesunde Reisende ohne Risikofaktoren
  • Bei Hochrisikopersonen kann eine einmalige Heparin-Spritze sinnvoll sein
  • ASS (Aspirin) wird ausdrücklich nicht empfohlen
  • Für moderne Blutverdünner (DOAKs) gibt es im Reisebereich noch begrenzte Daten, sie werden aber in der Praxis teilweise eingesetzt

Wichtig:
Eine medikamentöse Prophylaxe sollte immer individuell und ärztlich entschieden werden.

Was tun bei Beinschwellung nach dem Flug?
Das Phänomen von geschwollenen Beinen nach Langstreckenflügen ist häufig zu beobachten und durch die bereits erwähnt, fehlende oder verminderte Aktivität der Muskelpumpe, zu erklären. Es lässt sich somit folgendes zusammenfassend festhalten:

  • Beidseitige, schmerzlose Schwellung: meist funktionell
  • Einseitige Schwellung oder Schmerzen: ärztlich abklären
  • Weitere Tests nur bei entsprechender klinischer Wahrscheinlichkeit
  • Bei Verdacht auf Lungenembolie: sofortige Notfallabklärung mittels CT- Angiographie

Wichtigster Tipp für Vielflieger
Die Notwendigkeit von präventiven Massnahmen in Bezug auf thromboembolische Ereignisse muss bei Langstreckenflügen ab mehr als vier Stunden beachtet werden. Jeder Flugreisende sollte vor Antritt über die Dauer des Fluges sich im Klaren sein.

Jeder Flugreisende, der sich unsicher ist, ob er ein erhöhtes Thromboserisiko hat, sollte im Zweifelsfall vorab seinen Hausarzt aufsuchen und sein individuelles Thromboserisiko besprechen.  

PD Dr. med. Sebastian Sixt


PD Dr. med. Sebastian Sixt

Facharzt für Angiologie, Kardiologie & Innere Medizin
Partner & Geschäftsleitung
Gefässpraxis Biel/Bienne

Gefässpraxis Biel

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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