Gesund und entspannt reisen mit Kindern: Prof. Dr. med. Christoph Berger verrät die wichtigsten Vorbereitungstipps

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Adobe, reisen mit Kindern
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Quelle: TCS MyMed

Ob Auto, Flugzeug oder Fernreise: Für Kinder ist Reisen eine besondere Herausforderung – körperlich wie emotional. Wie Eltern ihre Kinder optimal vorbereiten, warum Impfungen frühzeitig geplant werden müssen und welche einfachen Massnahmen unterwegs viel bewirken, erläutert Prof. Dr. med. Christoph Berger, Chefarzt der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital Zürich. Ein Interview voller praktischer Tipps für entspannte Familienferien.

Ein medizinisch fundierter Überblick für Eltern:

Herr Berger, welche gesundheitlichen Vorbereitungen sind für Familienreisen besonders wichtig – und ab wann sollten Eltern mit Kindern zum Arzt?

Eine gute Reise beginnt mit guter Planung – und zwar frühzeitig. Eltern sollten sich rechtzeitig überlegen, was sie selbst erleben möchten und was für die Kinder gut machbar ist. Grundsätzlich ist vieles möglich, dennoch empfiehlt es sich, Fern- und insbesondere Tropenreisen idealerweise erst nach dem ersten Geburtstag des Kindes zu planen.

Ein wichtiger Schritt ist der frühzeitige Besuch bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, die bzw. der das Kind kennt. Dabei geht es nicht nur um Impfungen, sondern um die gesamte Reiseplanung: Tempo, Umgebung, genügend Ruhezeiten und möglichst kurze Fahrten am Stück. Impfungen benötigen oft Vorlauf, daher sollte man den Arzttermin idealerweise zwei bis drei Monate vor der Abreise einplanen.

Welche Impfungen sind für Kinder vor Reisen Pflicht – und welche zusätzlich empfehlenswert?

Die Basis jeder Reisevorbereitung ist eine altersentsprechend vollständige Impfung gemäss dem Schweizer Impfplan. Diese Grundimmunisierung ist nicht nur zu Hause wichtig, sondern ganz besonders auf Reisen.

Die Kinderärztin oder der Kinderarzt überprüft den Impfstatus und berät, ob Impfungen vorgezogen werden können. Zusätzlich wird besprochen, welche Reiseimpfungen je nach Destination sinnvoll sind – etwa gegen Hepatitis A oder Tollwut. In manchen Ländern ist auch eine Gelbfieberimpfung empfohlen oder sogar vorgeschrieben, die nur von spezialisierten Tropenmedizinern verabreicht wird. Genau deshalb gilt auch hier: früh genug beginnen.

Welche Rolle spielt die Grundimmunisierung bei der Reiseplanung – und wie unterscheiden sich die Empfehlungen je nach Altersgruppe?

Die altersgerechte Grundimmunisierung ist die wichtigste Grundlage für jede Reise mit Kindern. Sie schützt vor Krankheiten, die im Ausland häufiger auftreten oder schwerer verlaufen können. Gerade auf Reisen ist der Körper durch Klimawechsel, ungewohnte Keime und veränderte Tagesabläufe stärker belastet, weshalb ein vollständiger Impfschutz besonders wichtig ist.

Die Empfehlungen richten sich nach dem Alter des Kindes. Säuglinge und Kleinkinder befinden sich noch im Aufbau ihres Impfschutzes, weshalb Fern- oder Tropenreisen idealerweise erst nach Abschluss der wichtigsten Impfungen – meist nach dem ersten Geburtstag – geplant werden sollten. Bei älteren Kindern wird geprüft, ob alle Impfungen vollständig sind oder ob Auffrischungen sinnvoll sind. Gegebenenfalls können einzelne Impfungen vorgezogen werden, um vor der Abreise einen optimalen Schutz zu gewährleisten.

Wie kann man Kinder spielerisch an Arzt- oder Impfbesuche heranführen, um Stress zu vermeiden?

Am besten wird der Arztbesuch Teil der Reisevorfreude. Eltern können mit ihrem Kind über die schöne Reise sprechen und erklären, dass kleine Impfungen dazugehören, damit alle gesund bleiben und die Ferien gemeinsam geniessen können.

Hilfreich ist es, einen Termin zu wählen, der für alle passt, und genügend Zeit einzuplanen – manchmal braucht es auch mehr als einen Besuch. Wichtig: Geimpft wird erst, wenn alles erklärt ist und sich Kind und Eltern bereit fühlen. So bleibt von der Impfung nur ein kurzer, unangenehmer Stich – und insgesamt ein positives Erlebnis voller Vorfreude auf die Ferien.

Was gehört in eine gut ausgestattete Reiseapotheke für Kinder – und wie lagert man Medikamente sicher?

In jede Reiseapotheke gehören ein Desinfektionsmittel, Pflaster und etwas Verbandsmaterial. Wichtig sind zudem Medikamente gegen Schmerzen und Fieber, zum Beispiel Paracetamol – in einer Dosierung und Darreichungsform, die den Eltern vertraut ist und die das Kind gut einnehmen kann (Tabletten, Saft, Zäpfchen). Generell sollte jederzeit sauberes Trinkwasser da sein.

Medikamente sollten trocken, vor direkter Sonne geschützt und immer ausser Reichweite von Kinderhänden aufbewahrt werden.

Wie schützt man unterwegs vor Magen-Darm-Erkrankungen, Insektenstichen und anderen typischen Reisekrankheiten?

Schon vor der Reise lohnt es sich, mit Kindern über einfache Hygieneregeln zu sprechen: Händewaschen vor dem Essen, nach der Toilette und wenn die Hände schmutzig sind. Auch der Grundsatz, keine fremden Tiere zu streicheln, gehört dazu. Unterwegs gilt: nur sauberes oder abgekochtes Wasser trinken und die bekannte Regel «cook it, peel it or leave it» beherzigen.

Der Schutz vor Insektenstichen ist besonders wichtig. Lange Kleidung, Moskitonetze beim Schlafen und Insektensprays für unbedeckte Haut sind zentrale Massnahmen. Das Insektenschutzmittel sollte rechtzeitig und mit Abstand zur Sonnencreme aufgetragen werden.

Welche besonderen Vorsichtsmassnahmen gelten bei Flugreisen mit Säuglingen oder langen Autofahrten?

Geduld, Zuneigung und Vertrautes sind das A und O. Ein Kuscheltier darf nicht fehlen. Hörbücher oder Lieder sind besser geeignet als Filme auf Handy oder Tablet, da Bildschirme die Reisekrankheit verstärken können.

Bei Autofahrten sollten regelmässige Pausen eingelegt werden, damit sich alle bewegen können. Im Flugzeug gilt Ähnliches: zwischendurch spielen, Geschichten erzählen, dann wieder Ruhe zulassen. Für den Druckausgleich helfen Trinkflasche, Nuggi oder – je nach Alter – Kaugummi.

Welche pharmakologischen Optionen sind für Kinder bei Reiseübelkeit geeignet – und was ist evidenzbasiert wirksam?

Nicht-medikamentöse Massnahmen stehen klar im Vordergrund. Eine gute Sitzwahl mit Blick in die Ferne, das Fixieren des Horizonts, ein geliebtes Kissen zur Nackenstütze, leichte Kost vor der Abfahrt und kein leerer Magen helfen oft mehr als Medikamente. Auch hier gilt: lieber etwas hören als lesen oder schauen, also keine Bildschirme.

Kaugummis mit Dimenhydrinat sind für Kinder unter etwa 10 bis 12 Jahren nicht empfohlen. Medikamente wie Itinerol (Meclozin-Kombinationspräparat) kommen nur infrage, wenn ein Kind bei jeder Reise sehr schnell unter Reisekrankheit leidet. Dann sollten sie etwa eine Stunde vor der Abfahrt gegeben werden.

Was tun, wenn ein Kind im Urlaub plötzlich Fieber bekommt – und ab wann ist ärztliche Hilfe zwingend?

Zunächst ist entscheidend, wie es dem Kind insgesamt geht und welche Symptome neben dem Fieber auftreten. Wirkt das Kind kaum ansprechbar, sehr krank – anders als man es von zu Hause kennt – oder isst und trinkt es nicht mehr, sollte man bereits am ersten Tag ärztliche Hilfe suchen.

In anderen Fällen kann man zunächst fiebersenkende Massnahmen ergreifen, schauen, dass es gut trinkt und am nächsten Tag einen Arzt aufsuchen.

Ihr wichtigster Tipp: Wie bleiben Familien entspannt und gesund auf Reisen?

Gute Vorbereitung ist alles. Kinder sollten von Anfang an in die Planung einbezogen werden – vor und während der Reise. Wichtig sind ausreichend Ruhephasen, Zeit zum Spielen und vor allem Zeit füreinander. Wenn alle gemeinsam Ferien machen können und sich wohlfühlen, wird die Reise für die ganze Familie zu einem rundum gelungenen Erlebnis.

Info-Box: Die 5 wichtigsten Tipps für gesundes Reisen mit Kindern

  • Frühzeitig planen und zum Arzt gehen
    Spätestens zwei bis drei Monate vor der Reise einen Termin bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt vereinbaren. So bleibt genug Zeit für Impfungen, Beratung und eine realistische Reiseplanung mit kindgerechtem Tempo und ausreichend Pausen.
  • Impfschutz überprüfen und ergänzen
    Eine vollständige, altersgerechte Grundimmunisierung nach dem Schweizer Impfplan ist unverzichtbar. Je nach Reiseziel können zusätzliche Impfungen wie Hepatitis A, Tollwut oder Gelbfieber nötig oder empfohlen sein.
  • Reiseapotheke kindgerecht packen
    Desinfektionsmittel, Pflaster, etwas Verbandsmaterial sowie ein bekanntes Schmerz- und Fiebermittel in passender Dosierung gehören ins Gepäck. Medikamente sicher, trocken und ausser Reichweite von Kindern aufbewahren.
  • Hygiene- und Schutzregeln ernst nehmen
    Händewaschen, sauberes Trinkwasser, vorsichtige Essenswahl und konsequenter Schutz vor Insektenstichen durch Kleidung, Moskitonetze und Insektenschutzmittel sind zentral.
  • Reisen entspannt gestalten
    Geduld, Pausen und Vertrautes helfen unterwegs. Hörbücher statt Bildschirme, Bewegung bei längeren Fahrten, Druckausgleich im Flugzeug und genügend Ruhe- und Spielzeiten sorgen dafür, dass die ganze Familie gesund und gelassen ankommt.
Prof. Dr. med. Berger, Universitäts-Kinderspital Zürich

 

Prof. Dr. med. Christoph Berger 

Chefarzt Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene
Stv. Direktor Medizinische Klinik 
Universitäts-Kinderspital Zürich – Eleonorenstiftung

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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