Ein gebrochenes Bein ist weit mehr als nur ein Knochen, der wieder zusammenwachsen muss. Vom einen auf den anderen Moment wird aus einer selbstverständlichen Bewegung eine Herausforderung – sei es das Treppensteigen, Einkaufen oder sogar der Weg zur Kaffeemaschine. Im Gespräch erklärt Simone Cober, Chefärztin der Klinik für Orthopädie und Traumatologie am Kantonsspital Uri, weshalb Beinbrüche zu den häufigsten Verletzungen gehören, wie sie heute behandelt werden und warum viele Patientinnen und Patienten erst nach dem Unfall merken, wie stark ein Beinbruch den Alltag beeinflusst.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Wie häufig behandeln Sie Beinbrüche in Ihrem Klinikalltag?
- Welche Situationen führen besonders oft zu einem Beinbruch? (Sport, Treppe, Glatteis, Velo, Alltag)
- Viele denken bei einem Beinbruch an ein paar Wochen Gips. Wie realistisch ist das?
- Was unterschätzen Patientinnen und Patienten nach einem Beinbruch am meisten?
- Ab wann merken Betroffene, dass plötzlich der ganze Alltag kompliziert wird?
- Welche alltäglichen Dinge werden mit einem gebrochenen Bein überraschend schwierig?
- Wie stark schränkt ein Beinbruch die Mobilität tatsächlich ein?
- Wie erleben Patientinnen und Patienten die ersten Tage nach dem Spital?
- Welche Belastung entsteht für Familie oder Partner?
- Gibt es typische Situationen, in denen Betroffene merken: Daran habe ich überhaupt nicht gedacht?
- Wie kommen Betroffene überhaupt zu Arztterminen oder zur Physiotherapie?
- Welche Transport- oder Mobilitätskosten entstehen nach einem Beinbruch häufig?
- Werden solche Kosten vollständig übernommen?
- Wo fehlt Betroffenen Ihrer Erfahrung nach oft Unterstützung?
- Die Expertin
Wie häufig behandeln Sie Beinbrüche in Ihrem Klinikalltag?
Beinbrüche gehören tatsächlich zu unserem Alltag. Fast täglich behandeln wir Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichsten Brüchen am Bein – vom Sprunggelenk bis zum Oberschenkel. In den Wintermonaten nimmt die Zahl nochmals deutlich zu. Das liegt vor allem daran, dass wir mit dem Skigebiet Andermatt viele Wintersportlerinnen und Wintersportler versorgen. Neben Skiunfällen sehen wir dann auch Verletzungen von Snowboardern, Tourengehern oder Wanderern. Gerade in einer touristischen Region ist die Versorgung solcher Verletzungen ein wichtiger Teil unserer täglichen Arbeit.
Welche Situationen führen besonders oft zu einem Beinbruch?
Hier zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen jüngeren und älteren Menschen. Bei älteren Patientinnen und Patienten entstehen Beinbrüche häufig schon bei einem Sturz im Alltag – etwa in der Wohnung, auf einer Treppe oder auf glattem Untergrund. Oft spielen dabei Osteoporose und eine gewisse Gangunsicherheit eine Rolle. Die Knochen sind weniger stabil, sodass bereits ein vergleichsweise leichter Sturz zu einer Fraktur führen kann.
Bei jüngeren Menschen sehen wir dagegen häufiger Verletzungen nach Sportunfällen oder Verkehrsunfällen. Skifahren, Skitouren, Wandern, Mountainbiken oder Motorradfahren gehören zu den häufigsten Ursachen. Hier wirken oft grosse Kräfte auf den Knochen ein, weshalb die Verletzungen teilweise auch komplexer ausfallen.
Viele denken bei einem Beinbruch an ein paar Wochen Gips. Wie realistisch ist das?
Dieses Bild stammt eher aus früheren Zeiten. Die Behandlungsmöglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Heute behandeln wir viele Brüche mit modernen Orthesen anstelle eines klassischen Gipses. Diese stabilisieren den verletzten Bereich zuverlässig, lassen sich bei Bedarf kurz abnehmen und ermöglichen eine deutlich bessere Körperhygiene. Gleichzeitig sind sie für die Patientinnen und Patienten meist angenehmer zu tragen.
Wenn eine Operation notwendig ist, kann häufig sogar ganz auf einen Gips verzichtet werden. Dank moderner Operationsmethoden und stabiler Implantate kann die Nachbehandlung oft früher beginnen. Welche Behandlung geeignet ist, hängt jedoch immer von der Art des Bruchs und den individuellen Voraussetzungen ab.
Was unterschätzen Patientinnen und Patienten nach einem Beinbruch am meisten?
Viele unterschätzen, wie anstrengend der Alltag plötzlich wird. Das beginnt bereits beim Gehen mit Unterarmgehstützen. Arme, Schultern und Rücken werden ungewohnt stark belastet, sodass viele bereits nach kurzer Zeit Muskelkater verspüren. Gleichzeitig wird einem bewusst, wie oft man im Alltag beide Hände braucht.
Wer das verletzte Bein nicht belasten darf, merkt schnell, dass selbst einfache Tätigkeiten kompliziert werden. Eine Einkaufstasche tragen, das Mittagessen zum Tisch bringen oder die Waschmaschine ausräumen – all das wird plötzlich zur Herausforderung. Viele Patientinnen und Patienten sagen im Nachhinein, dass sie sich diese Einschränkungen vorher gar nicht vorstellen konnten.
Ab wann merken Betroffene, dass plötzlich der ganze Alltag kompliziert wird?
Meist unmittelbar nach dem Unfall. Bereits am Unfallort wird vielen bewusst, dass sie das Bein nicht mehr belasten können. Häufig sind sie auf Hilfe angewiesen, um überhaupt ins Spital zu gelangen. Spätestens nach der Entlassung zeigt sich dann, wie viele alltägliche Abläufe selbstverständlich waren und plötzlich nicht mehr funktionieren.
Welche alltäglichen Dinge werden mit einem gebrochenen Bein überraschend schwierig?
Oft sind es gerade die kleinen Dinge, an die vorher niemand denkt. Schon der Weg zur Haustüre oder ins Badezimmer kann beschwerlich sein. Aber auch beispielsweise den morgendlichen Kaffee von der Maschine zum Tisch zu bringen, wenn beide Hände für die Krücken benötigt werden.
Auch Einkaufen, Kochen, Duschen oder das Tragen von Wäsche werden plötzlich zu echten Herausforderungen. Wer alleine lebt, merkt oft besonders schnell, wie sehr man im Alltag auf seine Mobilität angewiesen ist.
Wie stark schränkt ein Beinbruch die Mobilität tatsächlich ein?
Die Einschränkung ist in den meisten Fällen erheblich. Je nach Verletzung darf das Bein über mehrere Wochen gar nicht oder nur teilweise belastet werden. Gleichzeitig empfehlen wir, das Bein möglichst häufig hochzulagern, damit Schwellungen zurückgehen und die Heilung unterstützt wird.
Das bedeutet, dass viele Patientinnen und Patienten einen grossen Teil des Tages zuhause verbringen und ihre gewohnten Aktivitäten stark einschränken müssen. Für Menschen, die beruflich oder privat sehr aktiv sind, ist diese plötzliche Veränderung oft auch psychisch belastend.
Wie erleben Patientinnen und Patienten die ersten Tage nach dem Spital?
Die ersten Tage sind meist die schwierigsten. Zuhause müssen die Betroffenen ihren Alltag komplett neu organisieren. Gleichzeitig bestehen oft noch Schmerzen, bis die optimale Schmerztherapie gefunden ist. Viele merken erst dann, welche Wege sie täglich zurücklegen oder wie selbstverständlich sie sich sonst bewegen.
Auch organisatorisch gibt es vieles zu regeln – von Arztterminen über Physiotherapie bis hin zur Frage, wer beim Einkaufen oder im Haushalt helfen kann. Deshalb empfinden viele diese erste Zeit als besonders herausfordernd.
Welche Belastung entsteht für Familie oder Partner?
Ein Beinbruch betrifft selten nur die verletzte Person. Häufig übernehmen Partnerinnen, Partner oder Familienangehörige viele Aufgaben des Alltags. Sie fahren zu Arzt- oder Physiotherapieterminen, erledigen Einkäufe, helfen im Haushalt oder unterstützen beim Anziehen und bei der Körperpflege.
Gerade wenn beide berufstätig sind oder Kinder betreut werden müssen, bedeutet dies oft eine erhebliche zusätzliche Belastung für das gesamte Umfeld.
Gibt es typische Situationen, in denen Betroffene merken: Daran habe ich überhaupt nicht gedacht?
Ja, solche Momente erleben wir häufig. Viele sind überrascht, wie schwierig bereits das Anziehen werden kann. Allein mit einem verletzten Bein in eine Hose zu steigen oder Schuhe anzuziehen, ist oft deutlich komplizierter als erwartet.
Noch belastender empfinden viele jedoch den Verlust ihrer Selbstständigkeit. Menschen, die ihr Leben bisher völlig eigenständig organisiert haben, müssen plötzlich bei vielen Dingen um Hilfe bitten. Das fällt vielen emotional schwer.
Wie kommen Betroffene überhaupt zu Arztterminen oder zur Physiotherapie?
In den ersten Wochen übernehmen häufig Angehörige oder Freunde den Transport. Wer niemanden hat, kann je nach Situation Fahrdienste in Anspruch nehmen. Welche Möglichkeiten bestehen, hängt von der individuellen Situation und dem Wohnort ab.
Welche Transport- oder Mobilitätskosten entstehen nach einem Beinbruch häufig?
Nach einem Beinbruch entstehen häufig zusätzliche Kosten, an die viele zunächst gar nicht denken. Dazu gehören Fahrten zu Kontrolluntersuchungen, Physiotherapien oder Spezialsprechstunden. Je nach Mobilität müssen dafür Fahrdienste oder Taxis genutzt werden.
Diese Auslagen müssen Betroffene häufig zunächst selbst bezahlen. Je nach Unfall- oder Krankenversicherung können sie anschliessend ganz oder teilweise zurückerstattet werden.
Werden solche Kosten vollständig übernommen?
Das lässt sich leider nicht pauschal beantworten. Entscheidend ist, ob es sich um einen Unfall oder eine Krankheit handelt und welche Versicherungen bestehen. Deshalb lohnt es sich, frühzeitig bei der Unfall- oder Krankenversicherung nachzufragen, welche Leistungen übernommen werden und welche Kosten allenfalls selbst getragen werden müssen.
Wo fehlt Betroffenen Ihrer Erfahrung nach oft Unterstützung?
Die grösste Herausforderung ist meist gar nicht die medizinische Behandlung, sondern die Organisation des Alltags. Viele unterschätzen, wie schwierig es sein kann, Einkäufe zu erledigen, Termine wahrzunehmen oder den Haushalt zu führen.
Genau hier versuchen wir bereits im Spital zu unterstützen. Unsere Sozialberatung hilft dabei, notwendige Hilfsmittel zu organisieren, Spitex oder Fahrdienste zu vermitteln oder andere Unterstützungsangebote aufzugleisen. Ziel ist es, dass Patientinnen und Patienten nach ihrer Entlassung möglichst gut auf die neue Situation vorbereitet sind und sich ganz auf ihre Genesung konzentrieren können.
Die Expertin

Dr. med. Simone Cober, Kantonsspital Uri
Chefärztin Orthopädie und Traumatologie
Dr. med. Simone Cober ist Chefärztin der Klinik für Orthopädie und Traumatologie am Kantonsspital Uri. Die gebürtige Deutsche absolvierte ihr Medizinstudium an der RWTH Aachen und verbrachte einen Teil ihrer Ausbildung im Rahmen eines Erasmus-Aufenthalts an der Universität Basel. Ihre Facharztausbildung führte sie an mehreren renommierten Kliniken in Deutschland durch und sammelte dabei umfassende Erfahrung in der Orthopädie und Unfallchirurgie. Anschliessend war sie unter anderem als leitende Oberärztin und kommissarische ärztliche Direktorin am Universitätsklinikum Tübingen tätig. Seit Mai 2024 leitet sie die Klinik für Orthopädie und Traumatologie am Kantonsspital Uri. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt in der Traumatologie sowie der Endoprothetik.