Vom Trostpflaster bis zum Notruf: So reagieren Sie bei Kinderunfällen

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Adobe, Kinderunfälle
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Quelle: TCS MyMed

Ein Sturz auf dem Pausenplatz, eine Platzwunde beim Spielen oder ein Unfall mit dem Velo: Die meisten Schul- und Freizeitunfälle bei Kindern sind harmlos. Entscheidend ist, die wenigen gefährlichen Situationen zuverlässig zu erkennen und dann ruhig und richtig zu handeln. Dipl. Arzt Patrick Haberstich, Leitender Arzt der Kindernotfall- und Notfallpraxis am Kantonsspital Aarau, erklärt, welche Erste-Hilfe-Massnahmen helfen, wann ein Kind ärztlich untersucht werden sollte und bei welchen Alarmzeichen sofort der Notruf 144 gewählt werden muss.

Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:

Herr Haberstich, welche Schul- und Freizeitunfälle passieren bei Kindern besonders häufig und in welchen Situationen ist das Unfallrisiko besonders hoch?

Am häufigsten sehen wir Stürze, Prellungen, Verstauchungen, Wunden und Knochenbrüche. Typische Unfallorte sind der Pausenplatz, Spielgeräte, Velos, Trottinetts sowie der Sportunterricht. Besonders bei Ballspielen, Turnen, Trampolinspringen, Skateboardfahren oder schnellen Richtungswechseln kommt es häufig zu Verletzungen.

Das Unfallrisiko steigt vor allem, wenn Geschwindigkeit, Höhe und fehlende Aufmerksamkeit zusammenkommen. Eine unterschätze Situation ist auch das Trampolinspringen mit mehreren Kindern von unterschiedlichem Alter und Gewicht. Da kann es, gerade bei Kindern unter 6 Jahren, infolge des Katapulteffekts zu Stauchungsbrüchen des Schienbeinkopfes kommen. 

Tipp: Trampolinspringen ist lustig, aber bitte immer einzeln!

Was sollten Erwachsene unmittelbar tun, wenn ein Kind auf dem Pausenplatz, beim Sport oder auf dem Schulweg stürzt?

Das Wichtigste ist zunächst: Ruhe bewahren und sich einen Überblick verschaffen. Ein Kind sollte nach einem stärkeren Sturz nicht sofort hochgezogen werden. Zuerst sollte man folgendes prüfen:

  • Ist das Kind ansprechbar?
  • Atmet es normal?
  • Gibt es eine starke Blutung?
  • Hat es den Kopf angeschlagen?
  • Wo hat es Schmerzen?
  • Kann es Arme und Beine normal bewegen?

Bei starken Schmerzen am Kopf, Nacken oder Rücken oder bei einer auffälligen Fehlstellung sollte das Kind möglichst wenig bewegt werden. Ist es bewusstlos oder atmet es nicht normal, sofort die 144 wählen und Erste Hilfe nach den Anweisungen der Notrufzentrale leisten.

Wann ist ein Sturz bei Kindern gefährlich – insbesondere bei einer Kopfverletzung – und welche Warnzeichen erfordern sofort medizinische Hilfe?

Nicht jede Beule ist gefährlich. Entscheidend ist weniger, wie spektakulär der Unfall ausgesehen hat, sondern wie es dem Kind danach geht.

Nach einer Kopfverletzung sollte sofort medizinische Hilfe gesucht werden bei:

  • Bewusstlosigkeit
  • Krampfanfall
  • zunehmender Benommenheit oder wenn das Kind schwer weckbar ist
  • auffälliger Verwirrtheit oder deutlicher Wesensveränderung
  • wiederholtem Erbrechen
  • zunehmend starken Kopfschmerzen
  • Problemen beim Gehen, Sprechen oder Sehen
  • Lähmungserscheinungen oder deutlicher Schwäche
  • unterschiedlich grossen Pupillen
  • Blut oder klarer Flüssigkeit aus Ohr oder Nase
  • einem schweren Unfallmechanismus, zum Beispiel Sturz aus grosser Höhe oder Verkehrsunfall

Bei Säuglingen und kleinen Kindern unter 1 Jahr sollte man grundsätzlich etwas grosszügiger ärztlich beurteilen lassen, weil sie Beschwerden noch nicht zuverlässig beschreiben können.

Woran erkennt man eine Gehirnerschütterung bei Kindern, wie lange muss das Kind beobachtet werden und darf es danach schlafen?

Typische Zeichen einer Gehirnerschütterung sind:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Übelkeit oder Erbrechen
  • Licht- oder Lärmempfindlichkeit
  • Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme
  • ungewöhnliche Müdigkeit
  • langsamere Reaktionen
  • Reizbarkeit oder ein Verhalten, das für das Kind ungewöhnlich ist

Wichtig ist: Ein Kind muss für eine Gehirnerschütterung nicht bewusstlos gewesen sein. Nach einer möglichen Gehirnerschütterung sollte das Kind, besonders während der ersten 24 Stunden, gut beobachtet werden. Manche Symptome treten erst verzögert auf. Bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung sollte eine medizinische Beurteilung erfolgen.

Ja, das Kind darf schlafen. Man muss ein Kind nach einer leichten Kopfverletzung nicht grundsätzlich wachhalten oder stündlich wecken. Entscheidend ist, dass es vorher ansprechbar ist und keine Warnzeichen bestehen. Lässt es sich ungewöhnlich schwer wecken, ist dies hingegen ein Alarmzeichen.

Bei Verdacht auf Gehirnerschütterung gilt zudem: Am Unfalltag keine weitere Schule oder Sport. Die Rückkehr zur Schule und vor allem zum Sport erfolgt schrittweise und erst nach entsprechender Erholung, beziehungsweise medizinischer Freigabe über die nächsten drei bis fünf Tage. Dazu kommt audiovisuelle Reizabschirmung – das Handy bleibt aus – sicher für die ersten 24h nach dem Trauma.

Warnzeichen eines Kreislaufschocks:

  • auffällige Blässe oder graue Hautfarbe
  • kalte, feuchte Haut
  • schnelle Atmung
  • schneller Puls
  • zunehmende Schwäche
  • Schwindel
  • Benommenheit oder Bewusstseinsveränderung

Bei Verdacht auf Kreislaufschock: 144 alarmieren, das Kind nicht herumlaufen lassen, warmhalten und bis zum Eintreffen der Rettung beobachten.

Wie reagiert man richtig, wenn ein Kind nach einem Unfall stark verängstigt oder panisch ist – und woran erkennt man einen Kreislaufschock?

Kinder orientieren sich sehr stark an den Erwachsenen. Deshalb hilft es, wenn eine Person ruhig beim Kind bleibt, langsam spricht und einfache Sätze verwendet.

«Ich bin bei dir.»
«Wir schauen jetzt gemeinsam, was passiert ist.»
«Die Hilfe ist unterwegs.»

Es sollten nicht mehrere Erwachsene gleichzeitig auf das Kind einreden und möglichst nicht mit Aussagen wie «Es ist überhaupt nichts» beruhigen, wenn man noch gar nicht weiss, ob eine Verletzung vorliegt.
Wichtig ist zudem die Unterscheidung zwischen Angst und einem medizinischen Kreislaufschock. 

Was ist bei Schürfwunden, Platzwunden, starken Blutungen oder Nasenbluten zu tun?

Schürfwunden: Mit sauberem Leitungswasser gründlich ausspülen und sichtbaren Schmutz entfernen. Anschliessend sauber abdecken. Wenn vorhanden Desinfektionsspray verwenden.

Platz- oder Schnittwunden: Mit einer sterilen Kompresse oder einem sauberen Tuch direkten Druck auf die Wunde ausüben. Klafft die Wunde deutlich, ist sie tief oder liegt sie beispielsweise im Gesicht, sollte sie ärztlich beurteilt werden.

Starke Blutung: Kräftig und kontinuierlich direkt auf die Blutungsstelle drücken. Nicht alle paar Sekunden nachschauen, ob es aufgehört hat. Wird die erste Kompresse durchblutet, kann eine weitere darübergelegt werden. Ein grösserer Fremdkörper in einer Wunde sollte nicht herausgezogen werden. Lässt sich eine starke Blutung nicht kontrollieren: 144 wählen.

Nasenbluten: Das Kind soll aufrecht sitzen und den Kopf leicht nach vorne halten. Den weichen Teil der Nase mit Daumen und Zeigefinger für etwa 10 bis 15 Minuten ohne Unterbrechung zusammendrücken. Den Kopf nicht nach hinten legen – sonst läuft das Blut in den Rachen und wird geschluckt. Dies führt zu Erbrechen. Zudem ein kalter Umschlag – kein Kühlpack direkt auf die Haut – in den Nacken.

Was hilft bei Verstauchungen, Prellungen oder kleineren Sportverletzungen und woran erkennt man einen möglichen Knochenbruch?

Bei kleineren Verletzungen helfen zunächst: Pause – Kühlen – Kompression – Hochlagern. Kühlen kann vor allem Schmerzen und Schwellung reduzieren. Kühlmaterial sollte aber nie direkt auf die Haut gelegt werden.

Ein Knochenbruch ist möglich bei:

  • starken, punktuellen Schmerzen
  • deutlicher Schwellung
  • Fehlstellung
  • eingeschränkter Beweglichkeit
  • wenn ein Kind Arm oder Bein überhaupt nicht mehr benutzen oder belasten möchte

Wichtig: Ein Knochenbruch kann auch ohne sichtbare Fehlstellung vorliegen.

Bei Verdacht sollte man die verletzte Stelle ruhigstellen und nicht versuchen, sie selbst geradezurichten. Zudem kann man bereits ein Schmerzmedikament (beispielsweise Ibuprofen Sirup (Algifor)) verabreichen.

Wann reicht die Versorgung vor Ort aus, wann sollte das Kind ärztlich untersucht werden und wann muss sofort der Notruf 144 gewählt werden?

Eine einfache Orientierung ist ein Ampelsystem:

Grün – Versorgung vor Ort: Das Kind ist wach, verhält sich normal und hat nur leichte Beschwerden, etwa eine kleine Schürfwunde, eine Prellung oder eine geringe Schwellung. Die Beschwerden bessern sich.

Orange – ärztliche Beurteilung: Stärkere oder anhaltende Schmerzen, Verdacht auf Knochenbruch, klaffende Wunde, mögliche Gehirnerschütterung, wiederholtes Erbrechen oder ein Arm beziehungsweise Bein, das nicht benutzt werden kann. Auch wenn das Kind «nicht wie sonst» wirkt oder Sie unsicher sind, ist eine ärztliche Beurteilung sinnvoll.

Rot – sofort 144: Bewusstlosigkeit, nicht normale Atmung, Krampfanfall, schwere Kopfverletzung mit Warnzeichen, nicht kontrollierbare Blutung, Kreislaufschock, schwerer Verkehrsunfall oder eine offensichtlich schwere Verletzung.

Was gehört in eine gute Erste-Hilfe-Ausrüstung für Familien, Schulen und Freizeitaktivitäten?

Eine gute Erste-Hilfe-Ausrüstung muss nicht riesig sein. Entscheidend ist, dass man die Sachen darin kennt und sie schnell findet.

Sinnvoll sind insbesondere:

  • Einmalhandschuhe
  • sterile Kompressen
  • verschiedene Pflaster
  • Wundauflagen
  • elastische Binden
  • Fixierbinden
  • Dreiecktuch
  • Wunddesinfektionsmittel wie Spray
  • Kochsalzlösung beziehungsweise Material zur Wundreinigung
  • Schere
  • Pinzette
  • Kühlpack
  • (Rettungs)decke
  • kleine Taschenlampe
  • wichtige Notfallnummern

Bei Kindern mit bekannten Erkrankungen gehören auch die individuell verordneten Notfallmedikamente dazu, zum Beispiel ein Adrenalin-Autoinjektor bei schwerer Allergie oder ein Asthmaspray – zusammen mit einem klaren Notfallplan.

Grundsatz: Die beste Notfallausrüstung nützt wenig, wenn niemand weiss, wie man sie verwendet.

Wie können Eltern und Lehrpersonen Kinder auf Notfälle und Gefahrensituationen vorbereiten, ohne ihnen Angst zu machen?

Kinder sollten lernen: «Ich muss keine Angst haben – aber ich muss wissen, was ich tun kann.»

Schon jüngere Kinder können lernen:

  • wie sie Hilfe holen
  • ihren Namen und möglichst ihre Adresse zu nennen
  • die Nummer 144 zu kennen
  • einem Erwachsenen sofort Bescheid zu geben
  • bei einem verletzten Kind zu bleiben, statt wegzulaufen

Das kann spielerisch geübt werden. Nicht mit Schreckensszenarien, sondern zum Beispiel mit der Frage: «Was würdest du machen, wenn dein Freund auf dem Spielplatz stürzt?». So entsteht Handlungskompetenz statt Angst. Und wichtig ist auch in der Erziehung: Vorbild sein. Trage ich selbst den Velohelm, gehe ich über den Fussgängerstreifen usw…

Welche Rolle spielen Unfallprävention und Verkehrssicherheit gerade zum Schulanfang?

Eine sehr grosse. Gerade für jüngere Kinder ist der Schulweg komplex. Sie können Geschwindigkeit und Distanz von Fahrzeugen noch nicht so zuverlässig einschätzen wie Erwachsene. Zudem haben sie noch kein präventives Gefahrenbewusstsein.

Deshalb sollte der Schulweg vor dem Schulanfang mehrfach gemeinsam geübt werden. Dabei gilt: Nicht unbedingt der kürzeste, sondern der sicherste Weg ist der beste. Genügend Zeit am Morgen verhindert zusätzlich, dass Kinder aus Hektik unvorsichtig werden. Gute Sichtbarkeit durch helle Kleidung und reflektierende Elemente ist ebenfalls sinnvoll.

Verkehrssicherheit ist nicht nur Aufgabe der Kinder. Die grösste Verantwortung tragen die Erwachsenen im Strassenverkehr.

Ihr wichtigster Tipp: Welche typischen Erste-Hilfe-Fehler sollten Eltern und Lehrpersonen vermeiden und wie können sie in einer Notfallsituation ruhig und richtig handeln?

Mein wichtigster Tipp wäre: Nicht zuerst etwas tun – sondern zuerst hinschauen.

Viele Fehler entstehen aus Hektik. Typische Beispiele sind:

  • ein Kind nach einem schweren Sturz sofort hochziehen
  • eine Kopfverletzung unterschätzen, weil das Kind zunächst wieder aufsteht
  • ein Kind mit möglicher Gehirnerschütterung am gleichen Tag wieder Sport treiben lassen
  • eine stark blutende Wunde ständig wieder aufdecken und kontrollieren
  • aus Angst vor einem «falschen Notruf» zu lange mit dem Wählen der 144 warten
Ruhe bewahren – Situation überblicken – Bewusstsein und Atmung prüfen – Blutungen stoppen – Warnzeichen erkennen und natürlich Hilfe holen.
Dipl. Arzt Patrick Haberstich

Zu guter Letzt: Man muss nicht jede Verletzung selbst diagnostizieren können. Man muss erkennen, wann ein Kind Hilfe braucht! 

Der Experte

Patrick Haberstich, KSA

 

Dipl. Arzt Patrick Haberstich
Leitender Arzt Kindernotfall / Notfallpraxis, Kantonsspital Aarau

• Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
• Schwerpunkt Kindernotfallmedizin
• Facharzt für Intensivmedizin
 

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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