Ein Misstritt, ein Wetterumschwung oder eine falsch eingeschätzte Route kann eine Bergtour abrupt beenden. Notarzt Dr. med. Marc Maurer erklärt, welche Unfälle besonders häufig passieren, wie die Rettung im Gebirge abläuft und worauf Wanderinnen und Wanderer achten sollten.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Wie häufig behandeln Sie Verletzungen nach Wanderungen oder Bergtouren und welche sehen Sie besonders oft?
- Sind es eher erfahrene Berggänger oder Gelegenheitswanderer und welche Risiken unterschätzen Menschen am Berg besonders häufig?
- Was passiert typischerweise bei einem Wanderunfall?
- Welche Verletzungen führen am häufigsten dazu, dass Betroffene nicht mehr eigenständig zurückkommen?
- Wie schwierig kann medizinische Hilfe in den Bergen sein?
- Ab wann wird aus einer kleinen Verletzung plötzlich ein ernsthaftes Problem?
- Was erleben Betroffene unmittelbar nach einem Unfall am Berg?
- Wie lange dauert es im Durchschnitt bis Betroffene wieder vollständig mobil sind?
- Welche Kosten oder organisatorischen Probleme überraschen Betroffene am meisten?
- Wer übernimmt eigentlich Bergrettung, Transporte oder Folgefahrten?
- Wo entsteht nach einem Wanderunfall häufig zusätzlicher Stress?
- Welche Unterstützung wäre für viele Betroffene hilfreich?
- Wenn Sie Menschen vor der Wandersaison einen Rat geben könnten – welcher wäre das?
- Der Experte
Herr Maurer, wie häufig behandeln Sie Verletzungen nach Wanderungen oder Bergtouren und welche sehen Sie besonders oft?
Wenn ich als Notarzt auf dem Helikopter Dienst habe, kommt es in den Sommermonaten täglich mehrmals vor, dass wir eine verletzte Person retten. Häufig sind es Misstritte, die zu einem Sturz und zu Verletzungen am Knie- oder Sprunggelenk führen. Abstürze ereignen sich häufiger bei technisch anspruchsvolleren Bergtouren, kommen aber auch beim Wandern vor – etwa wenn noch Schnee liegt oder der Weg über nasse, rutschige Stellen führt. Bei Abstürzen sind je nach Unfallmechanismus häufig mehrere Körperregionen betroffen, darunter auch der Kopf, beispielsweise in Form eines Schädel-Hirn-Traumas. Die Situation ist dann meist kritischer.
Sind es eher erfahrene Berggänger oder Gelegenheitswanderer und welche Risiken unterschätzen Menschen am Berg besonders häufig?
Erfahrene Berggänger kennen und erkennen die Gefahren und bereiten sich entsprechend auf eine Tour vor. Sie begeben sich jedoch auch häufiger auf schwierigere Routen, bei denen ein Fehler oder äussere Faktoren wie beispielsweise Steinschlag gravierende Folgen haben können.
Auf der anderen Seite begegnet man in den Bergen zunehmend Menschen, die als unerfahren oder als Gelegenheitswanderer bezeichnet werden müssen. Oft wurden sie über verschiedene Medienkanäle zu einer Tour inspiriert und gehen davon aus, diese ebenfalls bewältigen zu können. Dabei gehen sie häufig unbewusst grosse Risiken ein, weil sie über die Gefahren am Berg – etwa Wetterumschwünge, Steinschlag oder die Bedeutung eines realistischen Zeitmanagements – kaum Bescheid wissen.
Was passiert typischerweise bei einem Wanderunfall?
Verletzt sich eine Person in den Bergen, sollte sofort Erste Hilfe geleistet werden. Die eigene Sicherheit hat dabei höchste Priorität, denn ein zweites Opfer nützt niemandem. Sofern eine Alarmierung per Mobiltelefon möglich ist – nicht überall in den Bergen besteht Empfang –, sollte in der Schweiz sofort die Notrufnummer 144 gewählt werden. Die zuständige Einsatzzentrale hat den Überblick darüber, welches Rettungsmittel – Hubschrauber, Ambulanz, lokale First Responder oder Rettungskolonnen – am besten geeignet ist und am schnellsten Hilfe leisten kann.
Je nach Topografie der Unfallstelle, beispielsweise wenn keine Landung möglich ist oder sich die Stelle in absturzgefährdetem Gelände befindet, werden neben der Helikoptercrew zusätzlich Rettungsspezialisten aufgeboten.
Welche Verletzungen führen am häufigsten dazu, dass Betroffene nicht mehr eigenständig zurückkommen?
Wie bereits erwähnt, handelt es sich häufig um Verletzungen der Extremitäten, also der Beine oder Arme. Auch bei einer Armverletzung kann ein selbstständiger Abstieg aufgrund der Schmerzen nicht mehr möglich sein. Eine solche Verletzung sollte möglichst rasch medizinisch abgeklärt werden. Auch offene Verletzungen – damit sind nicht kleine Schürfwunden gemeint – sollten wegen der Infektionsgefahr möglichst schnell auf einer Notfallstation behandelt werden.
Wie schwierig kann medizinische Hilfe in den Bergen sein?
Wir sind in der Schweiz sehr privilegiert und verfügen weltweit über eines der besten Rettungswesen. Dank des dichten Netzes an Rettungshubschraubern kann bei geeignetem Flugwetter fast überall innerhalb kurzer Zeit eine Rettungscrew vor Ort sein.
Schwieriger und wesentlich komplizierter wird es bei Nebel, Schneesturm oder Gewittern. Dann müssen Rettungsteams zu Fuss zur betroffenen Person gelangen, was je nach Unfallort mehrere Stunden dauern kann. Für die Rettungsspezialisten stellt dies eine grosse Herausforderung dar, und das eigene Risiko muss fortlaufend neu beurteilt werden. Manchmal ist es sogar unmöglich, zur betroffenen Person vorzudringen. Dann müssen sowohl die Patientin oder der Patient als auch die Rettungskräfte warten, bis sich das Wetter bessert. Im Wissen, dass jemand in Not ist und dringend medizinische Hilfe benötigt, ist dies mitunter nur schwer auszuhalten.
Ab wann wird aus einer kleinen Verletzung plötzlich ein ernsthaftes Problem?
Wenn sich beispielsweise ein Kletterer in einer langen Route den kleinen Finger verletzt und wegen der Schmerzen nicht mehr weiterklettern kann, entsteht plötzlich ein ernsthaftes Problem: Er muss evakuiert werden. Ein Wanderer, der nur noch 30 Minuten bis ins Tal benötigt, kann dieselbe Verletzung hingegen beim Dorfarzt abklären lassen.
Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem betrifft Allergikerinnen und Allergiker. Ein Insektenstich kann bei entsprechender Veranlagung zu einem lebensbedrohlichen Zustand führen. Meist wissen die Betroffenen um ihre Allergie und sind entsprechend geschult und vorbereitet – aber eben nicht immer.
Was erleben Betroffene unmittelbar nach einem Unfall am Berg?
Je nach Situation werden auch die unverletzten Personen ins Tal geflogen. Kann eine Tour ohne die verletzte Person nicht fortgesetzt werden, beispielsweise bei Gletscher- oder Klettertouren, wird die Evakuierung aller Beteiligten organisiert. Ist eine Person tödlich verunglückt, wird der Unfall immer untersucht. Anwesende Personen werden von der Polizei befragt. Bei Bedarf kann zudem ein Care-Team aufgeboten werden.
Welche Kosten oder organisatorischen Probleme überraschen Betroffene am meisten?
Je nach Versicherung sind die Rettungskosten nur bis zu einem bestimmten Betrag gedeckt. Es lohnt sich daher, bei der eigenen Krankenkasse oder bei der Unfallversicherung des Arbeitgebers nachzufragen, was im Ernstfall wirklich abgedeckt ist.
Wer übernimmt eigentlich Bergrettung, Transporte oder Folgefahrten?
In der Schweiz übernehmen in der Regel die Versicherer die Kosten. Abhängig vom Versicherungsschutz können jedoch beispielsweise bei Evakuierungen ohne Verletzung oder bei Suchaktionen hohe Kosten für die Betroffenen entstehen. Für solche Fälle kann es sinnvoll sein, eine Zusatzversicherung abzuschliessen. Für Kosten die von der Versicherung nicht übernommen werden lohnt es sich Gönnerin beziehungsweise Gönner eines Luftrettungsunternehmens wie Air Zermatt, Air-Glaciers, Rega, oder AAA Alpine Air Ambulance zu werden. Bei Härtefällen übernimmt das Luftrettungsunternehmen die nicht durch die Versicherung gedeckten Kosten. Es ist aber wichtig zu Wissen, dass es sich um eine Gönnerschaft und nicht eine Versicherung handelt.[
Wo entsteht nach einem Wanderunfall häufig zusätzlicher Stress?
Neben den bereits erwähnten finanziellen Belastungen können auch psychische Probleme auftreten. Je nachdem, wie belastend ein Unfall war, können Betroffene aufgrund des Erlebten längerfristige Beschwerden entwickeln – etwa Schlafstörungen, Albträume oder die Angst, erneut eine ähnliche Situation zu erleben. Man spricht dann von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Solche Beschwerden treten nach besonders belastenden Einsätzen auch bei Rettungskräften immer wieder auf. Bei entsprechenden Anzeichen sollte man sich möglichst rasch professionelle Hilfe holen.
Welche Unterstützung wäre für viele Betroffene hilfreich?
Wir verfügen in der Schweiz noch immer über ein sehr gutes und für alle zugängliches Gesundheitssystem. Die Versorgung in unseren Spitälern ist gut. Schwieriger wird es bei Unfällen mit Langzeitfolgen. Wie gut man in einer solchen Situation versichert ist, ist meines Erachtens für viele Menschen nur schwer einzuschätzen. Auch eine erfolgreiche Wiedereingliederung in den beruflichen und privaten Alltag hängt von sehr vielen Faktoren ab.
Wenn Sie Menschen vor der Wandersaison einen Rat geben könnten – welcher wäre das?
Wie bei jeder Sportart sollte man mit kleineren Touren beginnen und sich – abhängig von der eigenen Fitness und Bergtauglichkeit – schrittweise an grössere Touren herantasten. Überforderung kann schnell zum schlechten Erlebnis werden. Besteht der Wunsch nach einer grösseren anspruchsvolleren Tour sollte gegebenenfalls besser ein Bergführer gebucht werden.
Eine gute Vorbereitung ist ein Muss:
- Wettercheck: Ab wann sind beispielsweise Gewitter zu erwarten?
- Zeitplanung: Wo muss ich zu welchem Zeitpunkt sein, damit ich meine Tour sicher beenden kann?
- Ausrüstung: Welche Schuhe sind für diese Tour erforderlich? Muss ich mit Regen, Schnee oder zu durchquerenden Schneefeldern rechnen? Habe ich auch für eine Notsituation ausreichenden Wetter- und Wärmeschutz dabei? Eine Kleine Notapotheke (Pflaster, kleiner Verband und evtl. eine
Schmerz-Schmelztablette (zergeht im Mund und muss nicht geschluckt werden) gehört sicherlich auch in den Rucksack.
Der Experte

Dr. med. Marc Maurer, Schweizerische Gesellschaft für Gebirgsmedizin (SGGM / SSMM)
Facharzt Anästhesiologie & Allgemeine Innere Medizin FMH
FA Interdisziplinärer Schwerpunkt klinische Notfallmedizin SGNOR
FA Notarzt SGNOR