Reisen in der Schwangerschaft ist für viele werdende Mütter ein wichtiges Thema – sei es Babymoon, eine Familienreise oder eine berufliche Verpflichtung. Doch welche Reiseziele sind sicher? Bis wann darf man fliegen? Und welche Vorsichtsmassnahmen sind wirklich wichtig?
Wir haben mit Dr. med. Carolin Blume, Chefärztin Geburtshilfe sowie Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe des Kantonsspital Graubünden, gesprochen. Im Interview erklärt sie, worauf Schwangere beim Reisen achten sollten – fundiert, praxisnah und verständlich.
Folgende Fragen werden geklärt:
- Reisen in der Schwangerschaft verunsichert viele werdende Mütter. Worauf kommt es aus medizinischer Sicht besonders an?
- Welche Reiseziele gelten für Schwangere als besonders geeignet und welche eher als riskant?
- Bis zu welcher Schwangerschaftswoche ist Fliegen aus Ihrer Sicht noch sicher möglich?
- Warum ist eine Auslandskrankenversicherung mit Schwangerschaftsabdeckung so wichtig?
- Welche Impfungen sollten Schwangere vor einer Reise überprüfen lassen?
- Wie können Schwangere das Risiko für Thrombosen auf längeren Reisen reduzieren?
- Welche Lebensmittel sollten Schwangere im Ausland besonders meiden?
- Welche Warnsignale sollten Schwangere auf Reisen ernst nehmen?
- Welche medizinischen Dokumente sollten Schwangere auf Reisen immer bei sich haben?
- Macht es Sinn, vor einer Reise noch einmal einen Arzttermin zu vereinbaren?
- Wie können typische Schwangerschaftsbeschwerden auf Reisen gelindert werden?
- Gibt es neue Empfehlungen oder verlässliche Informationsquellen zum Reisen in der Schwangerschaft?
- Ihr abschliessender Rat an Schwangere mit Reiseplänen?
Frau Blume, reisen in der Schwangerschaft verunsichert viele werdende Mütter. Worauf kommt es aus medizinischer Sicht besonders an?
Reisen in der Schwangerschaft muss man immer individuell betrachten. Entscheidend sind vor allem zwei Faktoren:
- In welcher Phase der Schwangerschaft befindet sich die Frau?
- Wohin soll die Reise gehen?
Das erste Schwangerschaftsdrittel ist grundsätzlich eine sehr empfindliche Phase, da sich in dieser Zeit die Organe des Kindes entwickeln. Äussere Einflüsse, wie Infektionen oder starke körperliche Belastungen, können hier potenziell gravierender sein als später. Im zweiten Trimester fühlen sich viele Frauen körperlich am wohlsten und die Schwangerschaft ist stabiler, weshalb diese Phase häufig als die angenehmste Reisezeit empfunden wird. Im dritten Trimester wiederum verändern sich Kreislauf, Blutvolumen und körperliche Belastbarkeit deutlich, sodass längere oder sehr anstrengende Reisen zunehmend schwieriger werden.
Welche Reiseziele gelten für Schwangere als besonders geeignet und welche eher als riskant?
Eher riskant sind aus meiner Sicht sehr weit entfernte Reiseziele mit langen Reise- und/oder Flugzeiten. Langes Sitzen erhöht in der Schwangerschaft das Risiko für Thrombosen, und je länger die Reise dauert, desto grösser wird diese Belastung. Hinzu kommt, dass man bei einigen weit entfernten Zielen im Notfall oft keinen schnellen Zugang zu einer guten medizinischen Versorgung hat. Auch Reiseziele mit einem erhöhten Infektionsrisiko, etwa durch Zika-, Dengue- oder Gelbfieber, sollten während der Schwangerschaft möglichst gemieden werden.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Hygiene im Reiseland. In Ländern, in denen Trinkwasser und Lebensmittelhygiene nicht zuverlässig sind, steigt das Risiko für Magen-Darm-Infektionen erheblich. Das kann für Schwangere nicht nur unangenehm, sondern auch medizinisch relevant sein. Deutlich besser geeignet sind Länder mit guter medizinischer Infrastruktur, stabilen hygienischen Bedingungen und moderatem Klima, zum Beispiel viele europäische Länder. Extreme Hitze sollte man ebenfalls nicht unterschätzen, da sie den Kreislauf zusätzlich belastet.
Bis zu welcher Schwangerschaftswoche ist Fliegen aus Ihrer Sicht noch sicher möglich?
Grundsätzlich empfehlen wir, ab der 35. Schwangerschaftswoche nicht mehr zu fliegen. Bis etwa zur 32. Woche ist eine Flugreise bei einer unkomplizierten Schwangerschaft in der Regel möglich, vorausgesetzt, es erfolgt vorher eine ärztliche Kontrolle. Dabei spielt es aber eine grosse Rolle, wie lange der Flug dauert. Ein kurzer Flug von zwei bis drei Stunden ist etwas völlig anderes als ein Langstreckenflug mit Umsteigen, der sich über viele Stunden zieht. Je länger die Reise, desto eher rate ich in fortgeschrittener Schwangerschaft davon ab.
Viele Fluggesellschaften verlangen ab der 32. Schwangerschaftswoche ohnehin eine ärztliche Bescheinigung, die bestätigt, dass die Schwangerschaft bisher komplikationslos verlaufen ist. Manche Airlines fordern diese Bescheinigung sogar schon früher.
Warum ist eine Auslandskrankenversicherung mit Schwangerschaftsabdeckung so wichtig?
Man muss sich bewusst machen, dass in der Schwangerschaft jederzeit unvorhersehbare Situationen auftreten können – auch wenn bislang alles problemlos verlaufen ist. Wenn im Ausland plötzlich medizinische Hilfe benötigt wird, können die Kosten je nach Land sehr hoch sein, insbesondere bei Notfall- oder Privatleistungen. Viele Versicherungen schliessen Schwangerschaft oder Schwangerschaftskomplikationen teilweise aus, was den Betroffenen oft nicht bewusst ist.
Deshalb ist es extrem wichtig, vor der Reise genau zu prüfen, ob Schwangerschaft und mögliche Komplikationen tatsächlich abgedeckt sind.
Besonders relevant ist auch eine Rücktransportversicherung, denn ein medizinisch notwendiger Rückflug kann schnell sehr teuer werden. Hier lohnt es sich, direkt bei der Versicherung nachzufragen und sich nicht auf Annahmen zu verlassen.
Welche Impfungen sollten Schwangere vor einer Reise überprüfen lassen?
Grundsätzlich empfehle ich vor einer geplanten Reise immer einen Impfcheck. Viele Impfungen sollten idealerweise bereits vor der Schwangerschaft erfolgt sein, zum Beispiel gegen Masern, Mumps und Röteln, da diese Erkrankungen in der Schwangerschaft problematisch sein können und da eine Impfung während der Schwangerschaft nicht empfohlen wird. Es gibt jedoch auch zahlreiche Impfungen, die man in der Schwangerschaft verabreichen und vor einer Reise durchführen kann, wenn kein ausreichender Impfschutz vorliegt.
Welche Impfungen sinnvoll oder notwendig sind, hängt stark vom Reiseziel ab. Bei Reisen in bestimmte Länder kann es zum Beispiel wichtig sein, den Schutz gegen Hepatitis A, B oder Typhus zu überprüfen. Reiseziele, in denen Krankheiten wie Zika oder Gelbfieber verbreitet sind, sollte man eher meiden, da es hierfür entweder keine oder nur sehr eingeschränkte Impfempfehlungen gibt. Bei speziellen Reisezielen kann zusätzlich eine Beratung in einem reisemedizinischen Zentrum sinnvoll sein.
Wie können Schwangere das Risiko für Thrombosen auf längeren Reisen reduzieren?
Das wichtigste ist, gut angepasste medizinische Kompressionsstrümpfe – Minimum der Klasse 2 – zu tragen, idealerweise für das gesamte Bein. Ausserdem sollten Schwangere auf Reisen ausreichend trinken, um eine gute Durchblutung zu unterstützen. Bewegung während der Reise ist ebenfalls entscheidend. Auch wenn man längere Zeit sitzt, sollte man regelmässig die Beine strecken, die Muskeln an- und entspannen und, wenn möglich, etwa einmal pro Stunde aufstehen und ein paar Schritte gehen. Schon kleine Bewegungen können helfen, das Thromboserisiko deutlich zu senken. In besonderen Fällen, kann vor der Reise eine Thromboseschutzspritze vom Arzt verordnet werden.
Welche Lebensmittel sollten Schwangere im Ausland besonders meiden?
Das hängt stark vom Reiseland ab. In Ländern mit unsicheren hygienischen Bedingungen sollte man konsequent auf Leitungswasser verzichten – auch beim Zähneputzen. Rohe Speisen, Salate und ungeschältes Obst bergen ebenfalls ein erhöhtes Risiko. Empfehlenswert ist es, nur gut durchgegarte Speisen zu essen und Obst entweder selbst zu schälen oder ganz darauf zu verzichten. In vielen europäischen Ländern und in Nordamerika ist dieses Risiko deutlich geringer, dennoch ist auch dort ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln sinnvoll.
Ein Sprichwort besagt: «peel it, cook it, or leave it» – das heisst also schälen, kochen oder eben lassen. Wer sich daran hält, macht sicherlich schon vieles richtig.
Welche Warnsignale sollten Schwangere auf Reisen ernst nehmen?
Fieber, ausgeprägtes Krankheitsgefühl, starke Kopfschmerzen, ungewöhnliche Hautausschläge oder anhaltende Magen-Darm-Beschwerden sollten auf Reisen nicht ignoriert werden. Solche Symptome können auf Infektionen oder andere gesundheitliche Probleme hinweisen und sollten frühzeitig ärztlich abgeklärt werden – auch im Ausland.
Welche medizinischen Dokumente sollten Schwangere auf Reisen immer bei sich haben?
Ganz wichtig ist auf jeden Fall der Impfpass. Diesen haben wir im Alltag nicht ständig bei uns, aber auf Reisen – insbesondere ins Ausland – sollte er unbedingt dabei sein. Zusätzlich empfehle ich ein Schwangerschaftsdokument, das Auskunft über den aktuellen Stand der Schwangerschaft gibt. Das kann zum Beispiel eine Zusammenfassung der letzten Untersuchungen sein, aus der hervorgeht, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten ist und ob sie bisher unkompliziert verlaufen ist.
Gerade in der Schweiz gibt es keinen einheitlichen Mutterpass, wie man ihn aus anderen Ländern kennt. Deshalb ist es besonders sinnvoll, sich von der eigenen Gynäkologin oder dem eigenen Gynäkologen eine entsprechende Dokumentation mitgeben zu lassen. Darin sollten die wichtigsten Befunde nachvollziehbar sein, damit sich auch Ärztinnen und Ärzte im Ausland schnell orientieren können. In manchen Fällen verlangen auch Versicherungen eine ärztliche Bescheinigung, dass die Schwangerschaft bislang komplikationslos verlaufen ist.
Macht es also Sinn, vor einer Reise noch einmal einen Arzttermin zu vereinbaren?
Ja, auf jeden Fall. Ich würde vor einer längeren Auslandsreise – damit meine ich jetzt keine kurzen Autotrips, sondern eher Flugreisen oder mehrwöchige Aufenthalte – immer einen Check-up empfehlen. Dabei können nicht nur der aktuelle Schwangerschaftsverlauf überprüft, sondern auch wichtige Vorsorgemassnahmen besprochen werden. Das gibt Sicherheit und hilft, gut vorbereitet zu reisen.
Wie können typische Schwangerschaftsbeschwerden auf Reisen gelindert werden?
Viele Frauen denken dabei zuerst an Übelkeit, und eine gewisse Schwangerschaftsübelkeit ist tatsächlich ganz normal. In leichten Fällen können Ingwerkapseln helfen, da Ingwer bei Übelkeit oft lindernd wirkt. Ausserdem empfehle ich eher leichte Kost und Zurückhaltung bei sehr scharf oder schwer gewürzten Speisen – gerade im Ausland, wo man die Küche vielleicht nicht so gut kennt.
Ein weiteres häufiges Thema sind Wassereinlagerungen, vor allem bei Hitze oder längeren Reisen. Hier helfen Kompressionsstrümpfe, das gelegentliche Hochlegen der Beine und auch kühlende Anwendungen, etwa mit einer kalten Duschbrause am Abend. Wichtig ist zudem eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, insbesondere wenn man mehr schwitzt. Magnesium oder Elektrolyte können sinnvoll sein, um Krämpfen vorzubeugen und den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen.
Gibt es neue Empfehlungen oder verlässliche Informationsquellen zum Reisen in der Schwangerschaft?
Ja, es gibt einige sehr gute und seriöse Anlaufstellen. Für Fragen rund um Impfungen ist zum Beispiel die Plattform Infovac sehr hilfreich. Auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe stellt aktuelle Empfehlungen zur Verfügung. Eine weitere gute Quelle ist das Zentrum für Reisemedizin am Universitätsspital Zürich, das speziell Informationen zum Thema Reisen in der Schwangerschaft anbietet.
Darüber hinaus gibt es regelmässig aktuelle Fachartikel, etwa von Tropeninstituten. Sehr bekannt und verlässlich sind auch die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts in Deutschland. Für Frauen, die sich grundsätzlich informieren möchten, sind das aus meiner Sicht sehr gute und vertrauenswürdige Quellen. Und ganz unabhängig davon bleibt die persönliche Beratung durch den eigenen Frauenarzt respektive die Frauenärztin – oder gegebenenfalls den Hausarzt respektive die Hausärztin – immer ein zentraler Bestandteil der Reisevorbereitung.
Ihr abschliessender Rat an Schwangere mit Reiseplänen?
Reisen in der Schwangerschaft sind in vielen Fällen gut möglich und können sehr bereichernd sein, wenn sie gut geplant sind. Wichtig ist, die eigenen Grenzen realistisch einzuschätzen, das Reiseziel sorgfältig auszuwählen und sich vorab medizinisch beraten zu lassen. Mit dieser Vorbereitung lassen sich viele Risiken vermeiden, sodass einer entspannten Reise meist nichts im Weg steht.

Dr. med. Carolin Blume, Kantonsspital Graubünden
Chefärztin Geburtshilfe
Stv. Departementsleiterin Frauenklinik