Plötzliches Herzstolpern im Flugzeug, Schwindel im Hotelzimmer – Herzrhythmusstörungen kommen oft genau dann, wenn man eigentlich entspannen will. Prof. Dr. med. Sonia Busch, Chefärztin für Elektrophysiologie am Herz-Neuro-Zentrum Bodensee, erklärt, welche Symptome harmlos sein können, warum Hitze und lange Flüge das Herz belasten – und wann man medizinisch reagieren sollte.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Wie merkt man eigentlich selbst, dass das Herz «aus dem Takt» geraten ist?
- Welche Rolle spielen Hitze, Flüssigkeitsmangel oder lange Flüge bei Rhythmusstörungen?
- Gibt es bestimmte Getränke oder Nahrungsmittel, die unterwegs ein Risiko darstellen können?
- Was passiert im Körper, wenn das Herz plötzlich stolpert oder rast?
- Was zeigt ein EKG – und warum ist es so wichtig für die Diagnose?
- Wie sieht eine elektrophysiologische Untersuchung des Herzens aus, und was macht sie besonders?
- Wie läuft die Untersuchung ab?
- Wie gut ist man im Ausland versorgt, wenn es zu einer schweren Rhythmusstörung kommt?
- Wo kann es schwieriger werden?
- Gibt es typische Notfallmassnahmen, die man selbst anwenden kann, bis Hilfe eintrifft?
- Welche Risiken bestehen speziell im Flugzeug, wenn ein Anfall von Rhythmusstörungen auftritt?
- Sollte man bei bekannter Herzproblematik eine Reiseapotheke oder sogar ein EKG-Gerät mitführen?
- Was ist Ihr Tipp: lieber kürzere Flüge und Pausen einplanen oder spielt das keine grosse Rolle?
Frau Busch, wie merkt man eigentlich selbst, dass das Herz «aus dem Takt» geraten ist?
Manche Menschen spüren kaum etwas, andere nehmen schon kleine Veränderungen sehr deutlich wahr. Wichtig ist: Nicht jede Unregelmässigkeit ist gefährlich, z. B. kann Stress oder Sport kurzzeitig den Rhythmus verändern.
Typische Zeichen für Herzrhythmusstörungen sind:
- Stolpern oder Aussetzer im Herzschlag
- Herzrasen oder sehr schneller Puls ohne Anstrengung
- Unregelmässiger Puls
- Schwindel
- Kurzatmigkeit
- Leistungsschwäche
- Druck- oder Engegefühl in der Brust
Wenn die Beschwerden häufig, plötzlich, länger anhaltend sind oder mit starkem Schwindel, Ohnmacht oder anhaltendem Unwohlsein einhergehen, sollte man das ärztlich abklären lassen.
Welche Rolle spielen Hitze, Flüssigkeitsmangel oder lange Flüge bei Rhythmusstörungen?
Bei Hitze oder Flüssigkeitsmangel kann der Kreislauf belastet werden und der Blutdruck sinken. Das Herz schlägt schneller, um den Kreislauf stabil zu halten. Bei gesunden Menschen handelt es sich meistens um eine harmlose und vorübergehende Reaktion.
Bei langen Flügen kann das lange Sitzen den Kreislauf verlangsamen. Zusätzlich wirken die trockene Kabinenluft, Stress, Schlafmangel und Zeitverschiebung. Dadurch kann das Herz empfindlicher auf Rhythmusänderungen reagieren.
Gibt es bestimmte Getränke oder Nahrungsmittel, die unterwegs ein Risiko darstellen können?
Ja, bestimmte Getränke und Nahrungsmittel können unterwegs Herzrhythmusstörungen begünstigen, vor allem in Kombination mit Stress, Hitze oder wenig Schlaf.
Getränke, die problematisch sein können sind koffeinhaltige Getränke (Energydrinks, starker Kaffee) und Alkohol. Diese können Herzrasen oder -stolpern auslösen. Sehr salzige Speisen, schwere, fettreiche Mahlzeiten und grosse Portionen auf einmal können sich ebenso negativ auswirken. Besser geeignet für unterwegs sind Wasser oder ungesüsster Tee, leichte Snacks (Obst, Nüsse in kleinen Mengen, Vollkornbrot), sowie regelmässige, kleinere Mahlzeiten.
Was passiert im Körper, wenn das Herz plötzlich stolpert oder rast?
Der normale Taktgeber des Herzens ist der Sinusknoten. Dieser schlägt in Ruhe regelmässig mit einer Frequenz von 60 bis 80 Schlägen pro Minute. Bei einem Herzstolpern entsteht ein zusätzlicher oder zu früher Impuls, der den normalen Takt kurz unterbricht. Er stammt aus einer anderen Region des Herzens (Vorhof oder Kammer). Das fühlt sich wie ein «Aussetzer» oder «Stolpern» an.
Beim Herzrasen kommen Impulse sehr schnell hintereinander. Das Herz schlägt deutlich schneller als normal, manchmal auch unregelmässig, unabhängig von einer Belastung. Der Körper bekommt kurzfristig weniger Zeit zum Füllen der Herzkammern. Dadurch kann der Blutdruck absinken oder schwanken. In manchen Fällen kann das Gehirn kurzzeitig weniger gut durchblutet werden. Es folgen möglicherweise Schwindel, Unruhe, Kurzatmigkeit oder Schwächegefühl.
Was zeigt ein EKG – und warum ist es so wichtig für die Diagnose?
Ein EKG (Elektrokardiogramm) zeigt, wie das Herz elektrisch arbeitet – also ob der Herzschlag regelmässig ist und ob die elektrischen Impulse richtig weitergeleitet werden. Genau deshalb ist es so wichtig für die Diagnose.
Folgendes wird bei einem EKG sichtbar:
- Herzfrequenz: schlägt das Herz zu langsam, normal oder zu schnell?
- Herzrhythmus: regelmässig oder unregelmässig?
- Leitungsstörungen: kommt das elektrische Signal überall korrekt an?
- Hinweise auf Schäden am Herzen wie z. B. ein Herzinfarkt
Darum ist das EKG so aussagekräftig:
Rhythmusstörungen entstehen durch Fehler in der elektrischen Steuerung. Das EKG macht diese elektrischen Signale sichtbar auf Papier oder Bildschirm. Ärztinnen und Ärzte können daran oft erkennen, wo im Herzen die Störung entsteht.
Unterschiedliche EKG-Formen:
- Ruhe-EKG: kurze Momentaufnahme
- Langzeit-EKG (24 h oder länger): erkennt Störungen, die nur gelegentlich auftreten
- Belastungs-EKG: zeigt, wie das Herz unter Anstrengung reagiert
Wie sieht eine elektrophysiologische Untersuchung des Herzens aus, und was macht sie besonders?
Unser Herz ist nicht nur eine Pumpe, sondern auch ein elektrisches Organ. Jeder Herzschlag wird durch winzige elektrische Impulse ausgelöst. Bei einer elektrophysiologischen Untersuchung (EPU) prüfen Fachärzte, wo diese Signale entstehen und wie sie sich ausbreiten – und ob es dabei zu Störungen kommt.
Wie läuft die Untersuchung ab?
Die Untersuchung findet meist in einem speziellen Herzkatheter-Labor statt. Der Zugang erfolgt über die Leiste. Dazu werden dünne, flexible Katheter über ein Blutgefäss bis ins Herz vorgeschoben. Die Katheter können elektrische Signale direkt im Herzinneren messen – viel genauer als ein normales EKG. Die Rhythmusstörung kann gezielt ausgelöst und analysiert werden.
Die Untersuchung zeigt nicht nur dass eine Rhythmusstörung besteht, sondern wo sie entsteht und warum. Oft kann direkt im Anschluss behandelt werden, zum Beispiel durch eine Katheterablation (Verödungstherapie), bei der krankhafte Strombahnen gezielt verödet werden. Hierbei sind neue Technologien, wie z. B. 3-D Systeme sehr hilfreich, um die Untersuchung genauer und sicherer durchzuführen. Je nach Art der Rhythmusstörung kann die EPU beim wachen Patienten durchgeführt werden oder eine Narkose erforderlich sein.
Die elektrophysiologische Untersuchung ist wie eine Landkarte der elektrischen Wege im Herzen. Sie hilft Ärztinnen und Ärzten, Rhythmusstörungen nicht nur zu erkennen, sondern gezielt zu behandeln – ein wichtiger Baustein moderner Herzmedizin.
Wie gut ist man im Ausland versorgt, wenn es zu einer schweren Rhythmusstörung kommt?
In Europa, Nordamerika, Australien, Japan und vielen weiteren Ländern ist die medizinische Versorgung bei Notfällen sehr gut organisiert:
- Rettungsdienste erkennen gefährliche Rhythmusstörungen schnell
- Krankenhäuser verfügen über Notfall-EKG, Defibrillatoren und Intensivstationen
- Lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen können meist sofort behandelt werden
- Gerade akute Notfälle wie Kammerflimmern oder extremes Herzrasen gehören weltweit zu den klassischen Notfallsituationen, auf die Ärztinnen und Ärzte trainiert sind.
Wo kann es schwieriger werden?
In abgelegenen Regionen, Entwicklungs- oder Schwellenländern kann es Einschränkungen geben:
- längere Anfahrtszeiten für den Rettungsdienst
- weniger spezialisierte Herzkliniken
- moderne Verfahren wie Katheterablation oder spezielle Herzschrittmacher sind nicht überall verfügbar
- Die akute Lebensrettung funktioniert meist trotzdem – die weiterführende Spezialtherapie erfolgt dann oft später oder in einem anderen Land.
Gibt es typische Notfallmassnahmen, die man selbst anwenden kann, bis Hilfe eintrifft?
- Ruhe bewahren und hinsetzen: Stress und Bewegung treiben den Puls weiter nach oben.
- Gezielte Atem- und Pressmanöver (nur bei Herzrasen!): Bei plötzlichem schnellem Herzschlag (z. B. supraventrikuläre Tachykardie) können sogenannte Vagus-Manöver helfen: Tief einatmen und pressen, als wolle man stark husten oder auf die Toilette gehen.
- Kaltwasserreiz im Gesicht (kaltes Wasser oder Kühlpack): Diese Reize aktivieren einen Nerv, der den Herzschlag bremsen kann.
- Medikamente nur wie verordnet einnehmen: Manche Betroffene haben vom Arzt Notfallmedikamente («Pill-in -the-pocket») bekommen. Diese nur nach ärztlicher Anweisung einnehmen – niemals experimentieren oder fremde Medikamente nutzen.
- Nicht allein bleiben: Wenn möglich, andere Personen informieren. Falls es schlechter wird, kann jemand sofort den Notruf übernehmen.
- Für Angehörige wichtig: Bei Bewusstlosigkeit sofort den Notruf wählen, falls nötig mit der Wiederbelebung beginnen, Öffentlich zugängliche Defibrillatoren (AED) nutzen – sie erklären jeden Schritt selbst.
Welche Risiken bestehen speziell im Flugzeug, wenn ein Anfall von Rhythmusstörungen auftritt?
Fliegen ist für die meisten Herzpatienten sicher. Rhythmusstörungen können auftreten, sind aber selten lebensbedrohlich. Weniger Sauerstoff, trockene Luft und Stress machen das Flugzeug dennoch zu einer ungünstigen Umgebung für das Herz. Jedoch sind schwere Komplikationen selten. Auf fast allen grossen Passagierflügen (Europa, USA, Kanada, Australien) sind AED und geschultes Kabinenpersonal an Bord.
Bei bekannten schweren Herzerkrankungen ist besondere Vorsicht nötig und die Einschätzung des behandelnden Arztes zu empfehlen, insbesondere bei neu aufgetretenen oder noch ungeklärten Rhythmusstörungen, ICD- oder Schrittmacher-Trägern und bei Langstreckenflügen oder Reisen in abgelegene Regionen.
Sollte man bei bekannter Herzproblematik eine Reiseapotheke oder sogar ein EKG-Gerät mitführen?
Eine Reiseapotheke ist unbedingt sinnvoll. Sie beinhaltet alle Herzmedikamente die regelmässig eingenommen werden in ausreichender Menge (Reserve für mehrere Tage mitnehmen). Falls vorhanden sollten die ärztlich verordnete Notfallmedikamente mittransportiert werden, immer im Handgepäck.
Kleine mobile EKG-Geräte oder Smartwatches sind hilfreich, aber kein Muss. Sie können:
- Herzrhythmusstörungen aufzeichnen
- bei unklaren Beschwerden beruhigend wirken
- dem Arzt später wertvolle Informationen liefern
Aber:
- Sie ersetzen keine ärztliche Untersuchung
- Sie helfen nicht in akuten lebensbedrohlichen Notfällen
- Fehlalarme können verunsichern
Was ist Ihr Tipp: lieber kürzere Flüge und Pausen einplanen oder spielt das keine grosse Rolle?
Für die meisten Menschen mit stabiler Herzproblematik spielt die Fluglänge keine grosse Rolle. Kürzere Flüge mit Pausen sind besonders sinnvoll bei Flugangst oder starkem Reisestress, stressabhängigen Rhythmusstörungen und wenn man unsicher ist, wie der Körper reagiert.
