Kälte, Herz und Hormone: Warum der Winter für Frauen eine besondere Herausforderung ist

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Adobe, Frau Winter
Adobe, Frau Winter
Quelle: TCS MyMed

Herr Tiroch, warum reagieren Frauen auf Kälte oft empfindlicher?
Mehrere physiologische Stellschrauben können als Erklärung herangezogen werden, wobei grosse individuelle Unterschiede bestehen. Frauen haben im Mittel ein höheres Oberfläche-zu-Masse-Verhältnis und meist weniger Muskulatur. Dadurch geht Wärme schneller über die Haut verloren, während gleichzeitig weniger Wärme durch Muskelarbeit produziert wird.

Hinzu kommt die periphere Durchblutung: Studien zeigen, dass Frauen bei Kälte häufiger niedrigere Hauttemperaturen entwickeln und Kälte subjektiv stärker empfinden. Ein weiterer Faktor ist die hormonelle Dynamik. Zyklus, Schwangerschaft und insbesondere die Menopause beeinflussen die Thermoregulation. Sinkende Estradiol-Spiegel – etwa postmenopausal – können die Kältesensitivität erhöhen, vermutlich auch über eine veränderte Aktivität von Kälterezeptoren.

Als Extremform zeigt sich dies beim Raynaud-Phänomen: einer kältegetriggerten, überschiessenden Gefässverengung, die bei Frauen deutlich häufiger vorkommt und eindrücklich verdeutlicht, wie sensibel periphere Gefässe auf Kälte reagieren.

Welche Mechanismen führen zur erhöhten kardiovaskulären Belastung bei niedrigen Temperaturen – und warum steigt im Winter das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Kälte wirkt wie ein biologischer Stresstest. Durch die Verengung der Blutgefässe steigt der Gefässwiderstand, Blut wird zentralisiert und der Blutdruck erhöht. Parallel aktiviert Kälte den Sympathikus: Noradrenalin steigt, Herzfrequenz und Gefässspannung nehmen zu.

Im Winter kommt hinzu, dass das Blut «zäher» wird. Besonders gefährlich ist die Kombination aus Kälte und plötzlicher, ungewohnter Anstrengung – zum Beispiel beim Schneeschaufeln. Die American Heart Association warnt ausdrücklich davor und empfiehlt, Pausen zu machen und auf Warnsignale des Körpers zu achten.

Dazu kommen indirekte Faktoren: Im Winter bewegen wir uns weniger, haben häufiger Infekte und bekommen weniger Tageslicht. All das erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme zusätzlich.

Welche Rolle spielen Hormone und Stoffwechsel bei der Blutdruckregulation im Winter?
Kälte aktiviert die «Notfallachse» aus Sympathikus und Katecholaminen. Adrenalin und Noradrenalin steigen an, was Herzleistung und Gefässwiderstand erhöht – der Blutdruck steigt. In der Rückkopplung zwischen Herz und Niere wird zudem das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) stärker aktiviert; in der Fachliteratur wird dies als ein Mechanismus der sogenannten Winter-Hypertonie diskutiert.

Auch die Vitamin-D- und Lichtachse spielt indirekt eine Rolle. Sinkende Vitamin-D-Spiegel im Winter werden mit höheren Blutdruckwerten in Verbindung gebracht, möglicherweise ebenfalls über das RAAS. Für Frauen in der Peri- und Postmenopause ist das besonders relevant: Mit abnehmendem Östrogen gehen gefässerweiternde Effekte verloren, während vasokonstriktorische und sympathische Antworten zunehmen können.

Welche Symptome deuten auf Kreislaufprobleme hin – und wann werden sie gefährlich?
Häufige Warnzeichen sind:

  • Schwindel oder Benommenheit
  • kalter Schweiss
  • Herzklopfen
  • schnelle Erschöpfung
  • Atemnot bei leichter Anstrengung
  • sehr kalte oder blasse Hände

Auch starke Blutdruckanstiege mit Kopfdruck sollten ernst genommen werden.

Sofort handeln und den Notruf wählen, wenn folgende Symptome auftreten:

  • Brustschmerzen oder Engegefühl, eventuell mit Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken
  • Atemnot in Ruhe
  • Ohnmachtsgefühl oder kurze Bewusstlosigkeit
  • plötzliche Sprach-, Seh- oder Lähmungsstörungen

Hier gilt: Nicht abwarten – jede Minute zählt.

Prävention: Was reduziert das Risiko kälteinduzierter Herzprobleme?
Sich warm zu halten ist keine Nebensache, sondern wichtig für die Gesundheit. Mehrere Kleidungsschichten, warme Schuhe, Handschuhe sowie Schutz für Kopf und Hals sind entscheidend. Nasse Kleidung sollte sofort gewechselt werden.

Grosse Anstrengungen bei Kälte sollten vermieden werden. Kein plötzlicher «Kaltstart» mit schwerer Arbeit. Besser langsam beginnen, Pausen einlegen und auf den eigenen Körper hören.

Sehr wichtig ist auch die Blutdruckkontrolle. Im Winter sollte man häufiger messen – am besten zu Hause. Steigen die Werte dauerhaft, sollte die Behandlung gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt angepasst werden. Auch Infekte sollten ernst genommen werden, da sie das Herz zusätzlich belasten.

Bewegung & Ernährung: Wie stabilisiere ich den Kreislauf im Winter?
Die Empfehlungen der Schweizer Gesellschaft für Kardiologie sind klar: 20 bis 40 Minuten moderate Bewegung an vier bis sechs Tagen pro Woche, auch indoor. Das Aufwärmen sollte verlängert, das Cool-down nicht ausgelassen werden.

Ernährung und Trinken spielen ebenfalls eine Schlüsselrolle. Warme, salzbewusste Mahlzeiten wie Suppen, Eintöpfe, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte stabilisieren den Stoffwechsel und vermeiden starke Blutzuckerschwankungen.

Die trockene Winterluft führt häufig zu unzureichender Hydratation – ein unterschätzter Faktor für ungünstige Blutdruck- und Herzfrequenzreaktionen. Alkohol taugt nicht als Wärmestrategie und kann Risiko- und Wahrnehmungsmanagement verschlechtern.

Warum ist Kälteschutz besonders für Blutdruckpatientinnen entscheidend – und welche Strategien sind sinnvoll?
Bei Frauen mit Bluthochdruck treffen zwei Dinge aufeinander: bereits enge Gefässe und die zusätzliche Gefässverengung durch Kälte. Dadurch kommt es schneller zu gefährlichen Blutdruckspitzen.

Hilfreich ist gute Planung: Aktivitäten nach draussen möglichst in die wärmeren Tageszeiten legen, Pausen einbauen und warme Rückzugsorte nutzen. Ein mehrtägiges Blutdruckprofil im Winter kann helfen, Veränderungen früh zu erkennen.

Welche medizinischen Checks sind für Frauen ab 40 besonders empfehlenswert – gerade in der Winterzeit?
In der Schweiz wird ab 40 alle drei Jahre ein Gesundheits-Check empfohlen. Zusätzlich sinnvoll sind:

  • regelmässige Blutdruckmessung
  • Kontrolle der Blutfette und des Blutzuckers
  • Überprüfung der Nierenwerte
  • Einschätzung des persönlichen Herz-Kreislauf-Risikos

Bei Beschwerden wie Atemnot oder Leistungsabfall sollte ein EKG gemacht werden – gezielt und nicht «einfach zur Sicherheit».

Welche Rolle spielt Stressmanagement für die weibliche Herzgesundheit im Winter?
Stress verstärkt die Sympathikus-Aktivität – genau jener Pfad, der im Winter ohnehin hochgefahren ist. In der Peri- und Menopause sind autonome Regulationsmechanismen zusätzlich anfälliger. Praktisch bedeutet das: Schlaf stabilisieren, kurze tägliche Entlastungsroutinen von 10 bis 15 Minuten etablieren und körperliche Aktivität als primäres Stress-Tool nutzen.

Ihr wichtigster Tipp: Wie bleiben Frauen fit und herzgesund durch die kalte Jahreszeit?
Mach Kälte nicht zur Mutprobe, sondern akzeptiere die Gegebenheiten und adaptiere entsprechend: Ausreichend hydrieren, warm starten, moderat belasten, Blutdruck im Blick behalten – und bei Notfall-Symptomen konsequent handeln. Das ist die Kombination mit dem besten Outcome.

Prof. Dr. med. Klaus Tiroch

 

Prof. Dr. med. Klaus Tiroch, Herz-Neuro-Zentrum Bodensee

Ärztlicher Direktor
Chefarzt Kardiologie

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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