Ein Notfall kündigt sich nicht an. Ob im Strassenverkehr, beim Einkaufen oder zu Hause: Oft sind Laien die Ersten vor Ort. Was heute bei Herzstillstand, Atemnot oder Bewusstlosigkeit zählt, wie Reanimation funktioniert und warum Mut wichtiger ist als Perfektion, erklärt eine Expertin von Samariter Schweiz im Interview.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
- Warum lohnt es sich, das eigene Erste-Hilfe-Wissen regelmässig aufzufrischen – und wie oft sollte man einen Kurs besuchen?
- Welche Neuerungen enthalten die aktuellen Leitlinien 2026 für Reanimation und Notfallhilfe?
- Welche neuen Empfehlungen gelten bei Herzstillstand – und was sollten Laien heute anders machen als früher?
- Wie funktioniert der Einsatz eines automatisierten Defibrillators (AED) – und wo findet man diese Geräte in der Schweiz?
- Was kann jede:r tun, um im Ernstfall richtig zu reagieren – und welche Strategien fördern die Laienreanimationsrate?
- Welche Unterschiede gibt es zwischen Erwachsenen- und Kinderreanimation – und was ist besonders zu beachten?
- Welche digitalen Lernmethoden oder Apps unterstützen beim Üben von Erste-Hilfe-Massnahmen?
- Warum ist es wichtig, auch psychisch Ruhe zu bewahren – und wie kann man sich mental auf Notfälle vorbereiten?
- Wie kann man sich auf Notfälle im Alltag oder im Strassenverkehr gezielt vorbereiten?
- Was tun bei Atemnot oder Bewusstlosigkeit – und welche Rolle spielt die stabile Seitenlage heute?
- Ihr Appell: Warum sollte jede:r 2026 einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen?
Warum lohnt es sich, das eigene Erste-Hilfe-Wissen regelmässig aufzufrischen – und wie oft sollte man einen Kurs besuchen?
Erste Hilfe ist kein Wissen, das man einmal lernt und dann ein Leben lang sicher abrufen kann. Gerade bei lebensrettenden Massnahmen wie der Reanimation sind Routine und Sicherheit entscheidend. Der Schweizerische Rat für Wiederbelebung (SRC) empfiehlt, den BLS-AED-Kurs alle zwei Jahre zu wiederholen. Diese Empfehlung gilt auch im Samariterwesen und in vielen Betrieben. Wer zusätzlich Verantwortung trägt, etwa im Verein, im Unternehmen oder als First Responder, profitiert sogar von häufigeren, kürzeren Übungseinheiten. Regelmässiges Training sorgt dafür, dass die Handgriffe im Ernstfall automatisch und ohne Zögern sitzen.
Weitere Informationen zu den Kursen sind beim Samariterverein der jeweiligen Region erhältlich.
Welche Neuerungen enthalten die aktuellen Leitlinien 2026 für Reanimation und Notfallhilfe?
Die aktuellen SRC-Guidelines 2025/26 setzen noch stärker auf drei Kernbotschaften: früh beginnen, Unterbrechungen minimieren und qualitativ hochwertige Thoraxkompressionen durchführen, kombiniert mit einer möglichst frühen Defibrillation. Die Überlebenskette wurde an die Empfehlungen des European Resuscitation Council angepasst. Zudem wurde der BLS-AED-SRC-Algorithmus überarbeitet und die Lehraussagen rechtlich geprüft und klar formuliert. Neu wird auch grosser Wert auf korrektes Freimachen der Atemwege, eine saubere Atmungskontrolle sowie die richtige Platzierung der AED-Elektroden gelegt – inklusive pragmatischer Hinweise. So muss beispielsweise ein BH bei Bedarf nur verschoben und nicht zwingend entfernt werden.
Welche neuen Empfehlungen gelten bei Herzstillstand – und was sollten Laien heute anders machen als früher?
Früher hatten viele Menschen Angst, etwas falsch zu machen. Heute ist die Botschaft klar: Nichtstun ist der grösste Fehler. Ungeübte Laien dürfen,und sollen, sofort mit durchgängigen Thoraxkompressionen beginnen. Die sogenannte «Compression-only-CPR» ist eine akzeptierte Alternative, wenn man sich das Beatmen nicht zutraut. Sehr wichtig ist zudem die frühe Alarmierung über die Notrufnummer 144. Die Leitstellen unterstützen Helfende heute aktiv mit telefonischer Anleitung Schritt für Schritt. Diese sogenannte Dispatcher-CPR und der rasche Einsatz eines AED haben einen nachweislich grossen Einfluss auf das Überleben.
Wie funktioniert der Einsatz eines automatisierten Defibrillators (AED) – und wo findet man diese Geräte in der Schweiz?
Ein AED ist so konzipiert, dass ihn auch Laien sicher anwenden können. Nach dem Anbringen der Elektroden analysiert das Gerät den Herzrhythmus selbständig und entscheidet, ob ein Schock notwendig ist. Sprach- und oft auch Bildanweisungen führen ruhig durch den gesamten Ablauf. In der Schweiz sind AEDs an vielen öffentlich zugänglichen Orten installiert, beispielsweise in Bahnhöfen, Sportanlagen, Einkaufszentren, öffentlichen Gebäuden oder Betrieben. Online-Karten wie defikarte.ch helfen, den nächsten Standort schnell zu finden – ein Punkt, der in Erste-Hilfe-Kursen bewusst thematisiert werden sollte.
Was kann jede:r tun, um im Ernstfall richtig zu reagieren – und welche Strategien fördern die Laienreanimationsrate?
Die Grundschritte sind einfach und immer gleich: Situation prüfen, 144 alarmieren, Atmung beurteilen, sofort mit Thoraxkompressionen beginnen und einen AED einsetzen, sobald er verfügbar ist. Studien zeigen, dass die Laienreanimationsrate steigt, wenn Erste-Hilfe-Kurse niederschwellig, kurz und breit zugänglich sind. Auch Programme an Schulen, First-Responder-Systeme, sichtbar platzierte AEDs, regelmässiges Üben und emotionale Kampagnen nach dem Motto «Es kann jeden treffen» spielen eine wichtige Rolle – dies sind klassische Handlungsfelder der Samaritervereine.
Welche Unterschiede gibt es zwischen Erwachsenen- und Kinderreanimation – und was ist besonders zu beachten?
Bei Kindern und Säuglingen liegt die Ursache eines Notfalls häufig im Atembereich. Deshalb beginnt die Reanimation hier mit fünf Initialbeatmungen. Anschliessend gilt das Verhältnis von 15 Kompressionen zu 2 Beatmungen, bei einer Kompressionstiefe von etwa einem Drittel des Brustkorbs. Bei Erwachsenen liegt der Fokus dagegen auf kontinuierlichen Thoraxkompressionen im Verhältnis 30:2 und einer möglichst frühen Defibrillation. Bei Säuglingen wird mit zwei Daumen reanimiert, bei Kindern ab etwa einem Jahr mit einer oder zwei Händen. Bei Kindern unter 25 Kilogramm oder unter acht Jahren sollte – wenn vorhanden – der Kindermodus des AED aktiviert werden. Die Elektroden werden dabei auf Brust und Rücken angebracht.
Welche digitalen Lernmethoden oder Apps unterstützen beim Üben von Erste-Hilfe-Massnahmen?
Digitale Hilfsmittel spielen eine immer grössere Rolle. Moderne Feedback-Puppen zeigen in Echtzeit die Kompressionstiefe und -frequenz an. Verschiedene Apps erinnern an die BLS-Schritte, geben mit einem Metronom den richtigen Rhythmus vor, arbeiten mit Checklisten oder zeigen AED-Standorte an. Nothelfer- und Erste-Hilfe-Kurse werden zudem heute teilweise im Blended-Learning-Format angeboten, das Online-Module und praktische Übungen kombiniert.
Warum ist es wichtig, auch psychisch Ruhe zu bewahren – und wie kann man sich mental auf Notfälle vorbereiten?
In einer akuten Stresssituation schaltet der Körper in den Alarmmodus (Fight–Flight–Freeze): Puls und Atmung steigen, während das klare Denken erschwert wird. Das kann zu einem Tunnelblick, Fehlentscheidungen oder völliger Blockade führen. Psychische Ruhe hilft, Struktur in die Situation zu bringen und Sicherheit auszustrahlen – für Betroffene wie auch für andere Helfende. Hilfreich ist ein persönlicher Notfallplan: Notrufnummern kennen, wissen, wo sich Hausapotheke oder der nächste AED befindet, Erste-Hilfe-Material im Auto bereithalten und im Verein oder Betrieb klare Absprachen treffen.
- Wer alarmiert?
- Wer holt den AED?
- Wer empfängt den Rettungsdienst?
Regelmässige Kursauffrischungen sind dabei zentral, denn Wiederholung schafft Sicherheit.
Wie kann man sich auf Notfälle im Alltag oder im Strassenverkehr gezielt vorbereiten?
Vorbereitung beginnt im Kleinen: Verbandsmaterial im Auto, Warnweste griffbereit, Wissen über die wichtigsten Notrufnummern. Ebenso wichtig ist es, Abläufe zu verinnerlichen: Wie sorge ich für meine eigene Sicherheit? Welche Telefonnummer wähle ich im Notfall? Wo finde ich den nächsten AED? Wer diese Szenarien gedanklich oder praktisch durchgespielt hat, kann im Ernstfall schneller und koordinierter handeln.
Was tun bei Atemnot oder Bewusstlosigkeit – und welche Rolle spielt die stabile Seitenlage heute?
Bei Atemnot gilt: Person beruhigen, ihr eine aufrechte Haltung ermöglichen, enge Kleidung öffnen, 144 alarmieren und den Zustand beobachten. Ist eine Person bewusstlos, atmet aber normal, bleibt die stabile Seitenlage eine zentrale Massnahme, um die Atemwege freizuhalten. Zeigt die Person jedoch keine oder nur eine abnormale Atmung – etwa Schnappatmung –, muss ohne Verzögerung mit der Reanimation begonnen werden. Die stabile Seitenlage ist also weiterhin wichtig, aber klar situationsabhängig.
Ihr Appell: Warum sollte jede:r 2026 einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen?
Weil jede und jeder von uns den entscheidenden Unterschied machen kann. Es braucht nur wenige Stunden, um das Wissen und vor allem das Vertrauen zu gewinnen, in einer Notlage richtig zu handeln. Die Samaritervereine stellen Kursräume, Ausbildende und Fachwissen bereit. Was es braucht, sind Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Mach mit. Lerne helfen. Sei Teil der Rettungskette. Dein Handeln zählt – vielleicht entscheidend.