Vorsorge ja, Angst nein: Sicher reisen mit chronischer Erkrankung

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Adobe, Medikamente auf Reisen
Adobe, Medikamente auf Reisen
Quelle: TCS MyMed

Chronisch krank zu sein bedeutet nicht, auf Reisen verzichten zu müssen. Entscheidend ist eine gute Vorbereitung – und ein realistischer Umgang mit Risiken. Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Dr. phil. Gerhard Rogler, Klinikdirektor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital Zürich, erfahren Betroffene, wie sie Impfungen, Medikamente und lange Reisen sinnvoll planen können, worauf unterwegs zu achten ist – und warum Gelassenheit ein wichtiger Teil jeder Reise bleibt.

Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:

Herr Rogler, welche Punkte sollten Menschen mit chronischen Erkrankungen bei der Reiseplanung zuerst beachten, und warum ist eine frühzeitige Rücksprache mit Hausarzt oder Facharzt so wichtig?

Der allererste Punkt bei der Reiseplanung sind aus meiner Sicht ganz klar die Impfungen. Menschen mit chronischen Erkrankungen nehmen häufig Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen oder unterdrücken. Das hat direkte Auswirkungen darauf, welche Impfungen erlaubt sind und welche nicht.

Ein klassisches Beispiel ist die Gelbfieberimpfung. Dabei handelt es sich um eine Lebendimpfung, die bei vielen immunsupprimierten Patientinnen und Patienten nicht durchgeführt werden darf. Gleichzeitig ist diese Impfung in manchen Ländern Voraussetzung für die Einreise. Das bedeutet: Ohne Impfung kein Grenzübertritt – unabhängig davon, wie gut es der Person sonst geht.

Genau hier liegt das Problem: Viele Betroffene kommen viel zu spät. Zwei Wochen vor der Abreise noch schnell «alles erledigen» zu wollen, funktioniert nicht. Manche Impfungen müssen mehrfach verabreicht werden, mit Abständen von vier bis sechs Wochen. Für Menschen mit chronischen Erkrankungen ist es besonders wichtig, dass das Impfprogramm vollständig und rechtzeitig abgeschlossen ist.

Deshalb rate ich dringend, spätestens zwei Monate vor der Reise das Gespräch mit dem Hausarzt, dem behandelnden Facharzt oder einer spezialisierten reisemedizinischen Stelle zu suchen. Dort weiss man auch, welche Infektionsrisiken aktuell in bestimmten Regionen auftreten – das können wir im Klinikalltag oft gar nicht im Detail leisten.

Welche medizinischen Vorab-Untersuchungen oder Abklärungen sind vor einer Reise – insbesondere ins Ausland – sinnvoll, und woran entscheidet sich die Reise- oder Flugtauglichkeit?

Grundsätzlich gilt: Man sollte nicht reisen, wenn ein akuter Krankheitsschub besteht. Das ist immer ungünstig. Ein Schub sollte zuerst behandelt und unter Kontrolle gebracht werden, bevor man sich zusätzlichen Belastungen wie einer Reise aussetzt.

Bei vielen chronischen Erkrankungen verläuft die Krankheit nicht völlig stabil. Es gibt Phasen, in denen sich eine Verschlechterung langsam ankündigt, ohne dass man sie sofort klar spürt. Gerade vor längeren oder weiter entfernten Reisen empfehle ich deshalb einen ärztlichen Check: Gibt es Hinweise auf Krankheitsaktivität? Sind Laborwerte oder Symptome verändert?

Die Frage der Reise- oder Flugtauglichkeit entscheidet sich letztlich daran, ob die Erkrankung stabil und gut eingestellt ist. Wer sich in einer ruhigen Krankheitsphase befindet, kann in der Regel auch problemlos reisen.

Wie erstellt man einen übersichtlichen Medikamentenplan für unterwegs, und warum sind internationale Wirkstoffbezeichnungen dabei besonders wichtig?

Mein wichtigster Rat lautet: Nehmen Sie alle notwendigen Medikamente in ausreichender Menge mit. Zumindest dann, wenn Sie nicht über Monate unterwegs sind. Die Verfügbarkeit von Medikamenten unterscheidet sich von Land zu Land erheblich. Manche Präparate gibt es gar nicht, andere nur in anderen Dosierungen.

Zusätzlich ist es sehr wichtig, die internationalen Wirkstoffbezeichnungen zu kennen. Handelsnamen unterscheiden sich weltweit, der Wirkstoff bleibt aber gleich. Falls Medikamente verloren gehen oder gestohlen werden, ist es mit diesen Angaben deutlich einfacher, Ersatz zu bekommen.

Wir stellen unseren Patientinnen und Patienten auch englischsprachige ärztliche Bescheinigungen aus, die bestätigen, welche Medikamente benötigt werden. Solche Dokumente können auch Hausärztinnen und Hausärzte ausstellen und sind im Reisealltag sehr hilfreich.

Was muss man bei Transport und Lagerung von Medikamenten beachten, vor allem bei Hitze, Kälte oder lichtempfindlichen Präparaten wie Biologika oder Insulin?

Hier begegnen mir viele unnötige Sorgen. Natürlich geben Hersteller sehr strenge Lagerungsvorgaben an, zum Beispiel eine Kühlung bei vier Grad. Man muss aber verstehen: Biologika sind Antikörper. Diese zirkulieren, nachdem man sie gespritzt hat, wochenlang bei 37 Grad im menschlichen Körper.

Das bedeutet: Raumtemperatur über einige Tage schadet diesen Medikamenten nicht. Was man unbedingt vermeiden sollte, sind extreme Bedingungen. Medikamente sollten nicht grosser Hitze ausgesetzt werden – etwa auf dem Armaturenbrett eines Autos – und sie dürfen auch nicht einfrieren. Zudem sollte man sie vor direktem Sonnenlicht schützen.

Im Handgepäck im Flugzeug sind Medikamente sehr gut aufgehoben. Dort herrschen konstante Temperaturen von etwa 22 Grad. In den Frachtraum würde ich temperaturempfindliche Präparate eher nicht geben, da man dort die Bedingungen nicht genau kennt.

Welche Unterlagen und ärztlichen Dokumente sollte man auf Reisen unbedingt dabeihaben, und wann sind spezielle Atteste für Medikamente im Handgepäck notwendig?

Grundsätzlich empfehle ich, immer folgende Unterlagen dabeizuhaben:

  • eine ärztliche Bescheinigung für flüssige Medikamente, Spritzen oder auffällige Präparate
  • ein Rezept mit internationalen Wirkstoffbezeichnungen
  • einen kurzen Arztbrief mit den wichtigsten Diagnosen

Gerade bei flüssigen oder teuren Medikamenten kann es ohne entsprechende Bescheinigung zu Problemen bei Sicherheitskontrollen oder am Zoll kommen. Diese Unterlagen sollten möglichst griffbereit sein – nicht tief im aufgegebenen Gepäck.

Worauf sollten Betroffene bei der Auswahl von Unterkunft, Reiseroute und medizinischer Versorgung im Reiseland achten, um im Ernstfall gut abgesichert zu sein?

Das hängt stark von der Art der Reise ab. Wer in abgelegene Regionen reist, etwa auf Trekkingtouren oder in grosse Höhen, muss wissen, dass medizinische Versorgung weit entfernt sein kann. In solchen Fällen ist es besonders wichtig, Reservemedikamente mitzunehmen und sich auf eine gewisse Selbstversorgung einzustellen.

Ich habe schon Nachrichten von Patientinnen und Patienten aus über 6.000 Metern Höhe erhalten, die aus Versorgungsstationen geschrieben haben. Wenn man vorbereitet ist, funktioniert das erstaunlich gut. Viele nehmen das Risiko bewusst in Kauf – und kommen sehr gut damit zurecht.

Reisen mit Zöliakie 

  • Reiseland prüfen: Informieren, wie gut glutenfreies Essen vor Ort verfügbar ist.
  • Vorab planen: Geeignete Restaurants oder Unterkünfte frühzeitig recherchieren.
  • Eigene Snacks mitnehmen: Glutenfreie Reserve für unterwegs einpacken.
  • Klar kommunizieren: «Glutenfrei» und «Zöliakie» in der Landessprache parat haben.
  • Nachweis dabeihaben: Zöliakie-Ausweis oder ärztliche Bescheinigung mitführen.

Gibt es chronische Erkrankungen, bei denen die Reiseplanung besonders herausfordernd ist – zum Beispiel bei Zöliakie?

Ja, Zöliakie ist ein gutes Beispiel. Wer strikt glutenfrei essen muss, steht auf Reisen oft vor zusätzlichen Herausforderungen. In manchen Ländern ist das Angebot an glutenfreien Speisen sehr gut – etwa in Italien oder Australien. In anderen Regionen kann es deutlich schwieriger sein, sicher glutenfrei zu essen.

Für Betroffene ist es deshalb wichtig, sich im Vorfeld zu informieren: Gibt es im Reiseland Restaurants mit glutenfreien Angeboten? Wie gut ist das Personal geschult? In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, eigene glutenfreie Snacks oder Grundnahrungsmittel mitzunehmen, um auf der sicheren Seite zu sein.

Gleichzeitig gilt auch hier: Man sollte realistisch bleiben und sich nicht ständig verunsichern lassen. Wer gut vorbereitet ist und weiss, wo mögliche Risiken liegen, kann auch mit Zöliakie entspannt reisen – ohne permanent Angst vor jeder Mahlzeit zu haben.

Wie bereitet man sich bei chronischen Erkrankungen auf lange Auto- oder Flugreisen vor, und welche Massnahmen helfen, Risiken wie Thrombosen oder Therapieunterbrechungen zu vermeiden?

Entzündliche Erkrankungen gehen grundsätzlich mit einem erhöhten Thromboserisiko einher. Deshalb raten wir bei langen Flug- oder Autoreisen häufig zu einer Thromboseprophylaxe mit niedermolekularem Heparin, das der Hausarzt verordnen kann.

Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen können lange Flüge zudem Krankheitsschübe auslösen. In solchen Fällen lässt sich vorbeugend eine kurzfristige, lokal wirksame Therapie einsetzen. Auch das sollte individuell im Vorfeld besprochen werden.

Wichtig ist ausserdem, an mögliche Therapieunterbrechungen zu denken – etwa wenn Mahlzeiten im Flugzeug ausfallen oder sich Reisepläne unerwartet ändern.

Welche Warnsignale zeigen unterwegs, dass der Körper Ruhe braucht oder sich die Erkrankung verschlechtert, und wie sollte man bei einer akuten Verschlechterung im Ausland reagieren?

Warnsignale können sehr unterschiedlich sein. Dazu gehören anhaltende Müdigkeit, neue oder stärkere Schmerzen, Bauchkrämpfe oder Gelenkbeschwerden. Solche Symptome sollte man nicht vorschnell als Reisestress, Muskelkater oder harmlose Infektion abtun.

Ich ermutige meine Patientinnen und Patienten ausdrücklich, sich auch aus dem Ausland zu melden, wenn sie unsicher sind. Der behandelnde Arzt kennt die individuelle Krankheitsgeschichte und kann Symptome besser einordnen. Bei Bedarf kann auch der Kontakt zu spezialisierten Kolleginnen und Kollegen vor Ort hergestellt werden.

Ihr wichtigster Rat: Wie gelingt eine gute Reiseplanung trotz chronischer Erkrankung, ohne sich ständig eingeschränkt oder verunsichert zu fühlen?

Wir raten grundsätzlich von keiner Reise ab, wenn jemand sie wirklich machen möchte. Entscheidend ist eine gute Vorbereitung – und dafür braucht es etwas Zeit.

Man sollte sich nicht ständig einschränken oder verunsichern lassen. Natürlich gibt es theoretische Regeln, etwa keine Eiswürfel in Getränken oder jedes Lebensmittel zu hinterfragen. Realistisch betrachtet hält sich kaum jemand konsequent daran. Ein bisschen Leichtigkeit gehört zum Reisen dazu.

Mein wichtigster Rat lautet deshalb: Vorsorge ja, Angst nein. Wer gut vorbereitet ist, kann entspannter reisen – und die Reise auch wirklich geniessen.

Kurz-Checkliste: Reisen mit chronischer Erkrankung – nach Empfehlungen von Prof. Rogler

Vor der Reise (ca. 8 Wochen vorher)
☐ Rücksprache mit Hausarzt oder Facharzt
☐ Impfstatus prüfen (Achtung bei Immunsuppression)
☐ Reise nur bei stabiler Erkrankung planen

Medikamente
☐ Alle Medikamente in ausreichender Menge mitnehmen
☐ Internationale Wirkstoffnamen notieren
☐ Medikamente ins Handgepäck packen

Unterlagen
☐ Ärztliche Bescheinigung für flüssige Medikamente/Spritzen
☐ Rezept(e) mit Wirkstoffnamen
☐ Kurzer Arztbrief mit Diagnosen

Transport & Lagerung
☐ Keine extreme Hitze oder Kälte
☐ Nicht einfrieren, vor Sonne schützen
☐ Flugzeugkabine ist für Medikamente geeignet

Lange Reisen
☐ Thromboserisiko abklären
☐ Bewegung & ausreichend trinken
☐ Notfallverpflegung einplanen

Unterwegs
☐ Warnsignale ernst nehmen (Müdigkeit, Schmerzen)
☐ Bei Unsicherheit frühzeitig ärztlichen Kontakt suchen

Prof. Dr. med. Dr. phil. Gerhard Rogler, Universitätsspital Zürich


Prof. Dr. med. Dr. phil. Gerhard Rogler, Universitätsspital Zürich

Klinikdirektor, Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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