Stark auf der Piste, sicher im Tal – Medizinische Tipps für gesunde Skiferien

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Adobe, Skifahren
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Quelle: TCS MyMed

Ob Anfänger oder Könner – Skifahren fordert Kraft, Koordination und Kondition. Viele unterschätzen diese Belastung und verletzen sich, weil sie unvorbereitet in die Saison starten. Prof. Dr. med. Johannes Scherr, Chefarzt und Leiter des Universitären Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der Universitätsklinik Balgrist, erklärt, warum rechtzeitige Vorbereitung entscheidend ist – und wie man gesund und mit Freude durch die Winterferien kommt.

Herr Scherr, warum ist es wichtig, sich auch medizinisch auf die Skiferien vorzubereiten?

Skifahren ist ein intensiver Sport – mit hohen Geschwindigkeiten, wechselnden Schneeverhältnissen und ständigen Reaktionsanforderungen. Das beansprucht besonders Knie, Rumpf und Herz-Kreislauf-System. Viele unterschätzen das. Der grösste Teil der Verletzungen entsteht durch selbstverschuldete Stürze – häufig am Ende eines langen Tages, bei nachlassender Konzentration oder unzureichender körperlicher Vorbereitung.

Medizinische Vorbereitung als Risikomanagement
Eine ärztliche Abklärung hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen und die eigene Belastbarkeit realistisch einzuschätzen. Wer weiss, wo die Grenzen liegen, kann Trainings- und Pausenstrategien gezielt planen – und so sowohl Verletzungen als auch schwerwiegende Komplikationen wie Kreislaufprobleme vermeiden.

Welche präventiven Untersuchungen oder Gesundheitschecks empfehlen Sie vor den Skiferien?

Das hängt stark vom Alter, den Vorerkrankungen und der geplanten Intensität ab. Grundsätzlich empfehle ich jedem, vor der Saison einen Basis-Check bei der Hausärztin oder beim Sportmediziner zu machen.

Basisuntersuchung als Grundlage
Diese Untersuchung umfasst eine genaue Anamnese – also Vorerkrankungen, Medikamente, frühere Verletzungen – sowie eine körperliche Untersuchung mit Kontrolle von Blutdruck, Puls, Herz, Lunge und Gelenken.

Erweiterte Diagnostik bei Risikofaktoren
Ab mittlerem Alter oder bei Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen oder familiärer Herzbelastung sollte eine kardiovaskuläre Untersuchung erfolgen – etwa ein Ruhe- oder Belastungs-EKG. Damit lassen sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkennen, die unter Belastung gefährlich werden könnten.

Individuelle orthopädische Abklärung
Bei früheren Verletzungen oder Beschwerden sind orthopädisch-sportmedizinische Untersuchungen sinnvoll, um Beweglichkeit, Kraft und Stabilität zu prüfen und gegebenenfalls Hilfsmittel wie Orthesen oder Einlagen anzupassen. Das Ziel ist ein individuell abgestimmtes Screening, kein Standardprogramm.

Welche Rolle spielt gezieltes Konditions- und Muskeltraining zur Verletzungsprävention?

Eine sehr grosse. Die meisten Unfälle passieren am Nachmittag, wenn Kraft und Konzentration nachlassen. Eine gute Kondition und kräftige Muskulatur verlängern nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern reduzieren auch das Verletzungsrisiko deutlich.

Wichtige Muskelgruppen für Skifahrende
Besonders wichtig ist die Stärkung der Bein- und Hüftmuskulatur – also Quadrizeps, Hamstrings und Gesäss – sowie des Rumpfes. Eine stabile Core-Muskulatur verbessert die Körperkontrolle und Technik.

Wissenschaftlich belegte Effekte
Studien, auch aus unserer Forschungsgruppe, zeigen, dass gezieltes Kraft- und neuromuskuläres Training die Verletzungsrate deutlich senken kann. Besonders vordere Kreuzbandrisse treten seltener auf, wenn Ausgleich, Balance und Rumpfstabilität trainiert werden. Wer trainiert, fährt sicherer – und hat am Ende des Tages mehr Energie und Spass.

Was sind die häufigsten Verletzungen beim Skifahren – und wie kann man sie vermeiden?

Bei Freizeitskifahrern und -skifahrerinnen ist das Knie die mit Abstand am häufigsten verletzte Region – etwa ein Drittel aller Verletzungen betrifft diese Region, meist mit Riss des vorderen Kreuzbandes. Daneben sehen wir Schulterluxationen, Oberarmbrüche, Handgelenksverletzungen («Ski-Daumen») und Kopfverletzungen.

Kopfschutz und Materialeinstellung
Der Helm ist Pflicht – er reduziert das Risiko für Kopfverletzungen erheblich, ohne das Risiko für Nackenprobleme zu erhöhen. Ebenso wichtig ist die richtige Einstellung der Bindung. Wenn sie zu fest oder zu locker eingestellt ist, löst sie im Sturzfall nicht korrekt aus – und das endet oft mit einem Kreuzbandriss.

Technik, Fahrweise und Ermüdung
Eine defensive Fahrweise und regelmässige Pausen sind Teil der Prävention. Das Tempo sollte dem Können, der Sicht und der Pistenbeschaffenheit angepasst werden. Wer merkt, dass die Beine müde werden, sollte lieber aufhören – der letzte Lauf ist erfahrungsgemäss der gefährlichste.

Wie kann man Muskelkater, Überlastung und Gelenkprobleme vorbeugen?

Muskelkater ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von ungewohnter Belastung. Ganz vermeiden lässt er sich nicht – aber man kann ihn deutlich verringern.

Frühzeitiges, gezieltes Training
Am effektivsten ist ein gezieltes Training bereits sechs bis acht Wochen vor den Ferien. Besonders wirksam sind sogenannte exzentrische Übungen – also langsame, kontrollierte Bewegungen wie Kniebeugen oder Ausfallschritte. Sie bereiten die Muskulatur optimal auf die typischen Ski-Belastungen vor.

Richtiges Verhalten auf der Piste
Auf der Piste gilt: Aufwärmen, Belastung langsam steigern und regelmässig Pausen einlegen. Zudem sollten Skifahrende auf gut passende Skischuhe achten. Eine kräftige Muskulatur rund um Knie und Hüfte schützt die Gelenke vor Überlastung.

Welche Erste-Hilfe-Massnahmen sind bei Skiunfällen entscheidend – und wann sollte man ärztliche Hilfe holen?

Bei einem Unfall gilt: zuerst sichern, dann helfen. Die Unfallstelle sollte sofort markiert und abgesichert werden – beispielsweise mit überkreuzten Skiern. Anschliessend prüft man, ob die verletzte Person ansprechbar ist, atmet und Blutungen aufweist.

Wann Hilfe notwendig ist
Bei Bewusstlosigkeit, Verdacht auf Kopf- oder Wirbelsäulenverletzung, sichtbaren Fehlstellungen oder starken Schmerzen sollte umgehend die Pistenrettung alarmiert werden. Auch wenn man sich unsicher ist: immer niedrigschwellig einen Notruf absetzen.

Aktuelle Erste-Hilfe-Empfehlungen
Bei einer bewusstlosen, aber atmenden Person gilt laut neuen Richtlinien: zunächst in Rückenlage bleiben und den Atemweg sichern – erst wenn das nicht gelingt, darf man in die Seitenlage drehen. Verletzte Gliedmassen sollten ruhiggestellt und vor Kälte geschützt werden. Unterkühlung ist im Gebirge eine reale Gefahr und kann schnell lebensbedrohlich werden.

Wie schützt man sich vor Kreislaufproblemen in der Höhe?

Viele Skigebiete liegen zwischen 1 500 und 3 500 Metern Höhe – das bedeutet weniger Sauerstoff und eine stärkere Belastung für den Körper. Akute Bergkrankheit (Acute Mountain Sickness, AMS) und andere Höhenprobleme entstehen durch zu schnellen Aufstieg und ungenügende Akklimatisation.

Langsamer Aufstieg und Anpassung
Der wichtigste Punkt ist, langsam aufzusteigen. Über 2 500 Metern sollte die Schlafhöhe pro Tag nicht mehr als 500 Meter zunehmen. Nach einem grösseren Höhengewinn hilft ein Ruhetag, um sich anzupassen.

Ernährung und Warnzeichen
Alkohol und schwere Mahlzeiten sollten in den ersten Tagen gemieden, dafür viel Flüssigkeit getrunken werden. Warnzeichen wie Kopfschmerz, Übelkeit oder Schwindel müssen ernst genommen werden. Wer Symptome ignoriert, riskiert ein Höhenlungen- oder Höhenhirnödem – beides potenziell lebensbedrohlich.

Was gehört aus medizinischer Sicht in eine gut ausgestattete Reiseapotheke für die Winterferien?

Die Reiseapotheke sollte individuell zusammengestellt sein, aber einige Grundbestandteile gehören in jedes Gepäck. Dazu zählen:

  • Schmerz- und Entzündungshemmer wie Paracetamol oder Ibuprofen
  • Mittel gegen Magen-Darm-Beschwerden, Elektrolytlösungen
  • Verbandsmaterial mit elastischer Binde, Pflastern, sterilen Kompressen und Wunddesinfektion

Wichtige Ergänzungen für unterwegs

  • Rettungsdecke (gold-silbern)
  • Blasenpflaster, kleine Nagelschere/Pinzette
  • Persönliche Dauermedikation in ausreichender Menge und eine Liste der Medikamente

Bei bekannter Problematik: ggf. Notfallmedikation (z. B. Nitrospray, Asthmaspray, Adrenalin-Autoinjektor, Antihistaminikum)

Gibt es gesundheitliche Warnzeichen, bei denen man auf Skitage verzichten sollte?

Es gibt klare Warnzeichen, bei denen man nicht auf die Piste gehört. Wer an einem akuten Infekt leidet, insbesondere mit Fieber, sollte pausieren – das Risiko für Herzmuskelentzündungen und Kreislaufprobleme ist dann stark erhöht.

Belastung nur bei voller Gesundheit
Auch bei Brustschmerzen, Atemnot, Herzstolpern oder Schwindel gilt: erst ärztlich abklären, dann wieder fahren. Gleiches gilt bei akuten Gelenkschmerzen oder deutlichen Schwellungen.

Vorsicht bei Höhenkrankheit
In der Höhe sollte man Symptome wie Kopfschmerz, Übelkeit oder Gleichgewichtsstörungen ernst nehmen – sie können Vorboten einer gefährlichen Höhenkrankheit sein.

Ihr persönlicher Tipp: Wie kommt man gesund und mit Freude durch die Winterferien?

Vorbereitung ist alles. Wer einige Wochen vor dem Urlaub gezielt Bein-, Rumpf- und Gleichgewichtstraining betreibt, hat nicht nur mehr Spass auf der Piste, sondern fährt auch sicherer.

Defensiver Start und sicheres Ende
Am ersten Tag gilt: ruhig angehen, das Material testen und den Bewegungsrhythmus finden. Muskelkater am ersten Tag hilft niemandem. Der letzte Lauf sollte immer ein Sicherheitslauf sein – ohne übertriebenen Ehrgeiz.

Selbstwahrnehmung und Vernunft
Helm tragen ist selbstverständlich, aber Tempo und Risiko bleiben freiwillig. Auf seinen Körper hören und bei Schmerzen oder Müdigkeit Pausen einlegen. Dann sind Skiferien in aller Regel sicher, gesund und sehr lustvoll – und führen nicht direkt von der Piste in die Notaufnahme. Ansonsten kommt es häufig zu «Spital anstatt Pokal»…

Prof. Dr. med. Johannes Scherr, Universitätsklinik Balgrist

 

Prof. Dr. med. Johannes Scherr, Universitätsklinik Balgrist

Chefarzt & Leiter Universitäres Zentrum für Prävention  und Sportmedizin
Leiter Bewegungsanalyse Zürich
Ärztliche Leitung Therapien
Co-Gründer Balgrist Golf Institute 

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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