Eisenmangel erkennen, bevor es gefährlich wird: Wenn Müdigkeit die Fahrsicherheit beeinträchtigt

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Adobe, müde Autofahren
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Quelle: TCS MyMed

Viele Menschen fühlen sich erschöpft, weniger belastbar oder unkonzentriert – gerade im Frühling. Doch diese Symptome können auf einen Eisenmangel hinweisen und Aufmerksamkeit sowie Reaktionsvermögen deutlich reduzieren. Dr. med. Sedat Yildirim, Leitender Arzt der Medizinischen Klinik Burgdorf am Spital Emmental sowie Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin und Hämatologie, erklärt, welche Warnzeichen ernst genommen werden sollten, wie Eisenmangel zuverlässig diagnostiziert wird und wann eine Behandlung sinnvoll ist – bevor Müdigkeit im Strassenverkehr zum Sicherheitsrisiko wird.

Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:

Herr Yildirim, viele Menschen fühlen sich im Frühling antriebslos und müde – woran erkennt man, ob es sich um harmlose Frühjahrsmüdigkeit handelt oder um einen echten Eisenmangel, der medizinisch abgeklärt werden sollte?

Die Symptome eines Eisenmangels sind leider oder interessanterweise mannigfaltig und daher auch für einen Arzt sehr interessant. Angefangen von blasser Gesichtsfarbe (oder der Farbe  der Handinnenflächen), Herzrasen und niedriger Blutdruck, Kurzatmigkeit bei körperlicher Anstrengung bis hin zu Konzentrationsschwierigkeiten mit Reizbarkeit und  innerer Unruhe (Restless-Leg-Syndrom) ist vieles möglich. Kommt es dann noch zu einer Verschlechterung des Eisenmangels, können weiter folgende Symptome auftreten:

  • Haarausfall
  • brüchige Nägel
  • Pochen oder Rauschen in den Ohren
  • Schwierigkeiten beim Schlucken
  • eingerissene Haut am Mundwinkel
  • wiederkehrende Entzündungen der Mundschleimhaut (Aphthen)

Niedere Primaten versuchen dann wohl unbewusst, ihre nähstoffarme Ernährungsweise mit dem Essen von lehmhaltiger Erde u verbessern. Ich selber habe das die letzten 20 Jahre bei Menschen noch nie beobachten müssen.

Welche frühen Anzeichen und Symptome eines Eisenmangels werden häufig unterschätzt und welche davon sollten Betroffene besonders ernst nehmen – auch wenn Laborwerte noch im Grenzbereich liegen?

Insbesondere bei Männern oder postmenopausalen Frauen ohne Monatsblutungen (mit verstärkter oder verlängerter Regelblutung) sollten auch Laborwerte im Grenzbereich berücksichtigt werden. 
Ein Eisenmangel muss durch verschiedene Mechanismen entstehen. Allgemein gesagt, liegt eine negative Bilanz vor, d. h. der Bedarf übersteigt die Verfügbarkeit:

  • Mangelhafte Zufuhr bei nicht ausreichender Versorgung durch die Nahrung
  • Mangelhafte Resorption (Aufnahme durch den Körper), z. B. bei Zöliakie, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder nach Operationen mit Entfernung von Abschnitten des Magendarmtraktes.
  • Erhöhter Bedarf, z. B. bei Sportlern, in der Wachstumsphase oder durch Eisenverluste, z. B. aufgrund Blutungen im Magen-Darm-Trakt, bösartigen Tumoren.

Eine passende Metapher wäre der unvernünftige Autofahrer, der nicht genügend tankt – er bleibt irgendwann am Strassenrand liegen. 

Warum sind Frauen deutlich häufiger von Eisenmangel betroffen als Männer, und welche Rolle spielen dabei Menstruation, Schwangerschaft, hormonelle Veränderungen und chronischer Stress?

Der Eisenmangel ist weltweit die häufigste Mangelerkrankung des Menschen und mit weit über 50 Prozent die häufigste Ursache einer Anämie (Blutarmut). Es wird geschätzt, dass etwa zwei Milliarden Menschen an einem Eisenmangel leiden. Die Häufigkeit in der europäischen Gesamtbevölkerung betrifft ca. 5 bis 10 Prozent aller Europäerinnen und Europäer, bei Frauen im gebärfähigen Alter etwa 20 Prozent.

In der Hämatologie sind die Frauen deutlich interessanter als Männer. Frauen bluten regelmässig und monatlich. Ist die Blutung sehr lang und stark, dann schrumpfen die Eisenvorräte. Wenn der weibliche Körper beginnt, sich hormonell neu einzustellen, sind sehr starke oder auch lange Blutungen in den Wechseljahren keine Seltenheit. Diese sind oft ein Zeichen einer Östrogendominanz – Östrogen löst das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut aus. Da diese mit der Monatsblutung abgebaut wird, kommt es zu Blutungen. Aufgrund der damit verbundenen Hämoglobinverluste kann auch der Eisenspiegel absinken. Eine Östrogendominanz ist häufig ein Anzeichen der frühen Perimenopause, weil zunächst das Progesteron abnimmt.

In der Postmenopause, wenn die Periode schon länger vorbei ist, ist ein Eisenmangel weniger häufig, allerdings dennoch möglich. Denn Östrogen ist auch dafür verantwortlich, wie gut der weibliche Körper Eisen verstoffwechselt. Fehlt dieses Hormon, nehmen manche Frauen Eisen nicht mehr so gut auf und es kommt zu den klassischen Eisenmangelsymptomen.

Wie lässt sich der Eisenstatus zuverlässig und unkompliziert bestimmen, und welche Laborparameter wie Hämoglobin, Ferritin und Transferrinsättigung sind für die Diagnostik entscheidend?

Man kann relativ einfach mit einer Blutuntersuchung feststellen, wie gut der Körper mit Eisen versorgt ist. Entscheidend sind dabei vor allem drei Werte. Das Hämoglobin zeigt, ob bereits eine Blutarmut vorliegt. Das Ferritin gibt Auskunft über die Eisenspeicher im Körper und ist der wichtigste Marker, um einen Eisenmangel frühzeitig zu erkennen. Die Transferrinsättigung zeigt zusätzlich, wie viel Eisen aktuell im Blut für die Blutbildung zur Verfügung steht.

Ein Eisenmangel entwickelt sich typischerweise schrittweise. Zuerst kommt es zu einem sogenannten Speichereisenmangel (Stadium I): Die Eisenvorräte nehmen ab, das Blut wird aber noch normal gebildet, und der Hämoglobinwert bleibt im Normbereich. In einem zweiten Stadium reicht das Eisen für die Bildung der roten Blutkörperchen im Knochenmark (Erythropoese) nicht mehr optimal aus – man spricht von einer beginnenden eisenarmen Blutbildung (Stadium II) –, trotzdem ist das Hämoglobin oft noch normal. Erst im dritten Stadium fällt das Hämoglobin unter den Normwert, und es liegt eine Eisenmangelanämie (Stadium III), also eine echte Blutarmut, vor.

Wichtig ist: Beschwerden können bereits auftreten, bevor es überhaupt zu einer Anämie kommt. Viele Menschen – besonders Frauen im Menstruationsalter – fühlen sich schon müde, weniger belastbar oder haben Konzentrationsprobleme, obwohl das Hämoglobin noch normal ist. Häufig findet man in solchen Fällen Ferritinwerte im niedrigen oder niedrig-normalen Bereich, etwa um 50 µg/l oder darunter. Dieses Bild bezeichnet man als Eisenmangelsyndrom.

Zusammengefasst bedeutet das: Spätestens wenn der Hämoglobinwert unter etwa 120 g/l (bei Frauen) fällt, sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen. Aber auch früher ist ein Arztbesuch sinnvoll, wenn typische Beschwerden bestehen und die Eisenspeicher niedrig sind. Je früher ein Eisenmangel erkannt wird, desto einfacher lässt er sich behandeln – idealerweise noch bevor eine Blutarmut entsteht.

Was ist der klinische Unterschied zwischen einem latenten Eisenmangel und einer manifesten Eisenmangelanämie, und ab welchem Stadium besteht aus ärztlicher Sicht Behandlungsbedarf?

Hier ist es wie beim Autofahren – Man sollte nicht warten, bis das Auto aus der Kurve fliegt, auch hier gilt: vorausschauend Handel. Neben dem absoluten Eisenmangel, bei dem die Minderversorgung der Erythropoese und anderer Zellen des Körpers auf einem wirklichen Mangel von Eisen beruht, kommt es manchmal zu einer Stoffwechselkonstellation, bei der der menschliche Körper zwar ausreichend Eisen besitzt, dieses aber nicht verwerten kann oder die zelluläre Aufnahme sogar gezielt behindert.

Früher sprach man dabei von relativem Eisenmangel, Eisenverwertungsstörung oder Sideroachresie. Heute verwendet man den Begriff «funktioneller Eisenmangel». Dieser wurde ursprünglich bei Patientinnen und Patienten mit Niereninsuffizienz beschrieben, die trotz ausreichender Eisenspeicher unter EPO-Therapie eine eisenarme Blutbildung entwickelten. Inzwischen bezeichnet man damit allgemein Zustände, bei denen es trotz vorhandener Eisenreserven zu einer eisendefizitären Blutbildung kommt.

Welche Bedeutung haben Ernährung, pflanzliches versus tierisches Eisen sowie Einflussfaktoren wie Vitamin C, Kaffee oder Medikamente (z.B. Magensäureblocker) für die Eisenaufnahme?

Bei nachgewiesenem Eisenmangel müssen zunächst blutende Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts ausgeschlossen werden, insbesondere bösartige oder chronisch-entzündliche Ursachen. Auch Medikamente wie orale Blutverdünner, Aspirin oder nicht-steroidale Schmerzmittel können durch unbemerkte, chronische Darmblutungen zu Eisenmangel führen – selbst bei ansonsten gesunden Menschen. Da der grösste Teil des Eisens im Blut gebunden ist, sind auch Blutspender besonders gefährdet: Mit einer Blutspende von etwa einem halben Liter verliert der Körper rund 250 mg Eisen.

Eine verminderte Eisenaufnahme kann zudem Folge von Diäten, Essstörungen, strenger vegetarischer Ernährung, chronischer Magenschleimhautentzündung, Helicobacter-positiver Gastritis, langfristiger Einnahme von Magensäureblockern, nach Magenoperationen oder bei Darmparasiten sein. In Entwicklungsländern sind Hakenwurminfektionen eine häufige Ursache.

Bei sogenannten Malassimilationssyndromen, also einer generell schlechten Nährstoffaufnahme, tritt Eisenmangel meist zusammen mit anderen Mangelzuständen auf, etwa von Vitamin B12, Vitamin K oder Calcium. Für die Ernährung gilt: Vitamin C verbessert die Eisenaufnahme, während Tannine und Phytinsäure – vor allem in Kaffee und schwarzem Tee – die Eisenresorption hemmen können. 

Welche Lebensmittel eignen sich besonders gut, um leere Eisenspeicher wieder aufzufüllen, und in welchen Fällen reicht eine Ernährungsumstellung allein nicht mehr aus?

Der beste Eisenlieferant aus der Nahrung ist Fleisch. Milch und Milchprodukte enthalten dagegen nur sehr wenig Eisen. Entscheidend ist aber nicht nur die Menge, sondern vor allem die Form, in der das Eisen vorliegt.

Im Fleisch befindet sich Eisen zu 40 bis 90 Prozent als sogenanntes Häm-Eisen (z. B. aus Hämoglobin und Myoglobin). Dieses zweiwertige Eisen kann über einen eigenen Transportmechanismus im Darm besonders gut aufgenommen werden. Deshalb sind Lebensmittel wie Kalbsleber, Leberwurst, Rindfleisch oder Geflügel sehr effektive Eisenquellen.

Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreideprodukte enthalten zwar ebenfalls teils beachtliche Eisenmengen – manchmal sogar mehr als Fleisch –, dieses liegt dort jedoch als Nicht-Häm-Eisen in dreiwertiger Form vor. Dieses «pflanzliche Eisen» ist deutlich schlechter bioverfügbar, da es im Körper erst in die zweiwertige Form umgewandelt werden muss. Typische Beispiele sind Haferflocken, Sojabohnen, Sonnenblumenkerne oder Kakaopulver.

Für die Praxis bedeutet das: Eine ausgewogene Ernährung mit eisenreichen Lebensmitteln kann helfen, leichte Defizite auszugleichen – vor allem, wenn man Fleisch oder geschickt kombinierte pflanzliche Kost (z. B. mit Vitamin C) zu sich nimmt. Bei deutlich geleerten Eisenspeichern oder bei einer ausgeprägten Eisenmangelanämie reicht eine Ernährungsumstellung allein jedoch in der Regel nicht mehr aus. Selbst mit sehr fleischreicher Kost lassen sich schwere Defizite kaum beheben. 

Kann Eisenmangel Konzentration, Reaktionsvermögen und Müdigkeit so beeinträchtigen, dass er im Strassenverkehr ein Sicherheitsrisiko darstellt?

Ich sage das nicht gerne, aber Frauen, die deutlich häufiger unter einen Eisenmangel leiden als Männer, verursachen deutlich weniger Unfälle. Bei Berufsfahrern (Zug, LKW) muss eine Blutarmut zügig abgeklärt werden, nicht nur wegen einem Hämoglobinwert von kleiner 120g/l, sondern und vor allem zum Verständnis der Ursache, die gefährlich werden kann.

Welche Nebenwirkungen können bei der Einnahme von Eisenpräparaten auftreten, und wie lassen sich Verträglichkeit, Resorption und Therapieerfolg durch richtige Dosierung und Einnahme optimieren?

Nach Möglichkeit sollte Eisen zuerst oral, also in Tabletten- oder Tropfenform, ersetzt werden. Dabei ist wichtig zu wissen, dass der Körper nur etwa 5 bis 10 Prozent der zugeführten Eisenmenge tatsächlich aufnimmt. Es gibt viele Präparate; bevorzugt werden zweiwertige Eisenpräparate (Fe²⁺), da diese besser resorbiert werden. Der Fe²⁺-Gehalt pro Tablette liegt je nach Präparat zwischen etwa 25 und 100 mg. Üblicherweise beginnt man mit 50 bis 100 mg Fe²⁺ pro Tag.

Um die Aufnahme zu verbessern, sollte Eisen möglichst nüchtern, also etwa 30–60 Minuten vor oder nach dem Essen eingenommen werden. Ein wichtiger Punkt ist die Dosierung: Nach der Einnahme steigt im Körper das Hormon Hepcidin an, welches die Eisenaufnahme im Darm für etwa 24 Stunden hemmt. Deshalb sollte die Tagesdosis nicht aufgeteilt, sondern einmal täglich eingenommen werden. Um die Eisenaufnahme zu optimieren, wird sogar eine Einnahme jeden zweiten Tag diskutiert

Eine orale Eisentherapie sollte mindestens drei Monate nach Korrektur der Anämie fortgesetzt werden, um auch die Eisendepots ausreichend aufzufüllen. In Ausnahmefällen, wie bei der hereditären hämorrhagischen Teleangiektasie (Morbus Osler), kann eine lebenslange niedrig-dosierte Eisensubstitution erforderlich sein.

Wenn orale Eisenpräparate nicht vertragen werden oder nicht ausreichend wirken, ist eine intravenöse Eisengabe sinnvoll. Diese wird in solchen Situationen in der Regel auch von der Krankenversicherung übernommen. Ebenso sollten Patientinnen und Patienten mit Tumorerkrankungen, insbesondere wenn sie wegen einer tumor- oder chemotherapiebedingten Blutarmut sogenannte Erythropoese-stimulierende Substanzen (EPO) erhalten, bevorzugt intravenös mit Eisen behandelt werden, da der Eisenbedarf hier besonders hoch ist und Tabletten oft nicht ausreichen.

Wenn Müdigkeit trotz guter Ernährung und normaler Eisenwerte bestehen bleibt – wie grenzt man Eisenmangel von anderen Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen, Schlafmangel oder Depression ab, und was raten Sie Ihren Patientinnen und Patienten?

Wenn Müdigkeit trotz ausgewogener Ernährung und normaler Eisenwerte bestehen bleibt, lässt sich mit einfachen medizinischen Schritten meist rasch klären, woran es liegt. Entscheidend sind eine sorgfältige Anamnese, also das Gespräch über Beschwerden, Schlaf, Belastungen und Vorerkrankungen, sowie eine gezielte Blutuntersuchung. Dabei werden in der Regel ein Blutbild, die Retikulozyten (als Zeichen der aktuellen Blutbildung), das Ferritin zur Beurteilung der Eisenspeicher und der TSH-Wert zur Kontrolle der Schilddrüsenfunktion bestimmt.

So kann man schnell erkennen, ob tatsächlich ein Eisenproblem vorliegt oder ob andere häufige Ursachen wie Schilddrüsenstörungen, Schlafmangel, psychische Belastungen oder eine Depression in Frage kommen.

Dr. med. Sedat Yildirim


Dr. med. Sedat Yildirim, Spital Emmental

Leitender Arzt, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin und Hämatologie

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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