Gesund durch die Festivalsaison: Tipps vom Festivalarzt

Bild
DOCS Festivaleinsatz
DOCS Festivaleinsatz
Quelle: TCS MyMed

Hitze, Alkohol, Schlafmangel, schlechte Schuhe und lange Nächte: Sommerfestivals können den Körper fordern. Dr. med. Marco Ambühl, medizinischer Leiter von DOCS, erklärt, welche Risiken häufig unterschätzt werden – und wie man ihnen vorbeugt.

Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:

Herr Ambühl, warum sind Festivals für den Körper so belastend – insbesondere durch Hitze, Lärm und Schlafmangel?

Grundsätzlich muss man sagen: Ein Festival ist für einen gesunden Menschen eigentlich gut machbar. Problematisch wird es vor allem durch die Kombination mehrerer Faktoren, die im Alltag so nicht zusammenkommen.

Der Tagesrhythmus ist komplett verschoben. Man bleibt länger wach, schläft weniger und oft auch schlechter – gerade wenn man auf dem Campingplatz übernachtet. Dazu kommt, dass man viel mehr auf den Beinen ist als sonst, oft stundenlang steht oder läuft.

Was wir sehr häufig sehen: Die Leute machen schlicht zu wenig Pausen. Viele wollen mehrere Tage am Stück durchfeiern und gönnen sich keine Erholungsphasen. Das summiert sich dann – und irgendwann reagiert der Körper.

Für Menschen mit Vorerkrankungen kann das zusätzlich heikel werden. Wer zum Beispiel Diabetes oder Epilepsie hat, kennt seinen Körper und die Krankheit meist sehr gut, aber der veränderte Tagesablauf, unregelmässiges Essen, mehr Bewegung und Schwitzen können das Gleichgewicht trotzdem durcheinanderbringen.

Welche Gesundheitsprobleme treten auf Sommerfestivals am häufigsten auf?

Viele denken zuerst an Hitzeprobleme – aber die sind gar nicht so dominant, wie man erwarten würde. Wenn es sehr heiss ist, verhalten sich die meisten erstaunlich vernünftig und trinken tagsüber mehr Wasser.

Was wir viel häufiger sehen, sind eher «klassische» Festivalprobleme: Insektenstiche, Allergische Reaktionen, Blasen an den Füssen, verstauchte Fussgelenke oder kleinere Schnitt- und Schürfwunden.

Ein grosser Faktor ist dabei tatsächlich die Ausrüstung. Schuhe und Kleidung werden oft eher nach Style als nach Funktion ausgewählt. Wenn man dann mehrere Tage auf unebenem oder matschigem Gelände unterwegs ist, führt das schnell zu Problemen.

Am Abend verschiebt sich das Bild: Dann nehmen Alkohol- und Drogenintoxikationen deutlich zu. Diese Fälle sind auch oft aufwendiger in der Betreuung.

Wie kann man Kreislaufprobleme und Dehydrierung auf Festivals effektiv vorbeugen?

Die gute Nachricht ist: Man kann mit einfachen Massnahmen sehr viel verhindern.

Das Wichtigste ist regelmässiges Trinken – und zwar nicht nur Alkohol, sondern vor allem nicht-alkoholische Getränke. Gleichzeitig darf man das Essen nicht vergessen. Viele trinken zwar genug Wasser, essen aber zu wenig, und das kann ebenfalls zu Kreislaufproblemen führen.

Ein weiterer zentraler Punkt sind Pausen. Man sollte sich bewusst Zeiten einplanen, in denen man sich hinsetzt, in den Schatten geht und sich erholt. Wer von Konzert zu Konzert hetzt, ohne Pause, überfordert seinen Körper irgendwann.

Und natürlich: Sonnenschutz nicht vergessen – also Hut, Sonnencreme und wenn möglich Schatten aufsuchen.

Wie wichtig ist richtiges Trinken – und welche Getränke oder Elektrolyte sind wirklich sinnvoll?

Das Thema wird oft komplizierter gemacht, als es ist. Für die meisten gesunden Festivalbesuchenden braucht es keine speziellen Elektrolytgetränke.

Wichtig ist einfach: ausreichend trinken und regelmässig essen. Die Nahrung, die man an Festivals bekommt, ist in der Regel salzig genug, um den Elektrolythaushalt zu stabilisieren.

Ich rate immer zu einer einfachen Faustregel: Zwischen zwei alkoholischen Getränken sollte man einen Becher oder eine Flasche Wasser trinken. Das ist pragmatisch und funktioniert gut – auch wenn es nicht immer perfekt umgesetzt wird.

Welche Rolle spielt Alkohol als Risikofaktor für Dehydratation, Unfälle und Kreislaufprobleme?

Alkohol ist ein zentraler Risikofaktor – vor allem in Kombination mit Hitze und Flüssigkeitsverlust.

Gerade Bier wirkt stark entwässernd. Deshalb sehen wir praktisch nie jemanden, der «nur» dehydriert ist – meistens kommt das zusammen mit Alkoholkonsum vor.

Interessant ist: Tagsüber sind viele recht vorsichtig, vor allem bei grosser Hitze. Aber sobald es am Abend abkühlt, steigt der Alkoholkonsum deutlich an. Und dann sehen wir mehr Unfälle, mehr Stürze und mehr Vergiftungen.

Woran erkennt man frühzeitig einen Hitzschlag oder Kreislaufkollaps – und was sollte man dann tun?

Die ersten Warnzeichen sind oft unspezifisch: Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit oder ein Gefühl von Schwäche. Viele berichten auch von Kaltschweissigkeit oder Zittern.

Wichtig ist: Diese Signale ernst nehmen und früh reagieren. Man sollte sofort aus der Sonne gehen, sich hinsetzen oder hinlegen und langsam kühle, nicht-alkoholische Getränke trinken.

Wenn man das rechtzeitig macht, geht es einem oft innerhalb von einer halben bis einer Stunde wieder deutlich besser. Wenn sich der Zustand nicht verbessert oder kein geeigneter Rückzugsort vorhanden ist, sollte man sich beim Sanitätsdienst melden.

Was sind die wichtigsten Erste-Hilfe-Massnahmen, die jede Festivalbesucherin und jeder Festivalbesucher kennen sollte?

Die wichtigste Massnahme ist ganz klar die stabile Seitenlage.

Wenn jemand nicht mehr ansprechbar ist, aber noch atmet, ist es entscheidend, diese Person in die stabile Seitenlage zu bringen. Die Ursache spielt dabei keine Rolle – das kann Alkohol, Hitze oder etwas anderes sein.

Zusätzlich empfehle ich, sich vor dem Festival kurz zu informieren: Wie erreiche ich im Notfall Hilfe? Gibt es eine Notrufnummer oder eine App? Und sonst gilt: Security oder Barpersonal haben in der Regel einen direkten Funkkanal zur Sanität.

Welche Dinge gehören unbedingt in ein Festival-Erste-Hilfe-Set?

Man braucht keine grosse Ausrüstung. Wichtig sind Sonnencreme, ein Sonnenhut, eine Sonnenbrille sowie Blasenpflaster und normale Pflaster. Allenfalls ein kühlendes Gel für Insektenstiche.

Und ganz entscheidend: Wer regelmässig Medikamente braucht, sollte diese unbedingt dabeihaben – und lieber etwas mehr einpacken als zu wenig.

Wie beeinflussen Schlafmangel, Ernährung und Hygiene die Gesundheit über mehrere Festivaltage hinweg?

Das hängt tatsächlich stark davon ab, um welche Art Festival es sich handelt. Bei Veranstaltungen ohne Übernachtung – also wenn die Leute am Abend/Morgen nach Hause gehen – ist das Ganze meist kein grosses Thema. Da bekommt der Körper jede Nacht eine gewisse Erholung, man schläft im eigenen Bett, hat eine normale Hygiene und isst regelmässiger.

Ganz anders sieht es bei mehrtägigen Festivals mit Camping aus. Dort kommt vieles zusammen: Der Schlaf ist oft kürzer und qualitativ schlechter – sei es wegen Lärm, Hitze im Zelt oder einfach, weil man länger unterwegs ist. Gleichzeitig essen viele unregelmässiger oder greifen eher zu schnellen, nicht unbedingt ausgewogenen Mahlzeiten.

Ein Punkt, der oft unterschätzt wird, ist das Wetter – vor allem in der Nacht. Viele denken bei Festivals nur an Hitze, aber es kann nachts durchaus kühl und feucht werden. Wer dann zu leicht gekleidet ist oder in einem feuchten Zelt schläft, kühlt aus. Das begünstigt zum Beispiel Blasenentzündungen, die wir an solchen Festivals tatsächlich häufiger sehen.

Auch die Hygiene spielt eine Rolle. Weniger Duschen, verschwitzte Kleidung, Staub oder Schlamm – das alles kann Hautprobleme oder kleinere Infektionen begünstigen. Das ist selten dramatisch, aber es summiert sich über mehrere Tage.

Was man aber auch beobachten kann: Viele Besucher merken relativ schnell, dass sie dieses Tempo nicht mehrere Tage durchhalten. Nach ein oder zwei Tagen schalten sie automatisch einen Gang zurück, machen mehr Pausen, bleiben länger im Zelt oder im Campingbereich. Das ist eigentlich eine gesunde Anpassung des Körpers – und oft genau das, was es braucht.

Welche Risiken bestehen bei der Kombination von Hitze, Alkohol und Medikamenten oder anderen Substanzen?

Das ist ein komplexes Thema. Alkohol und Hitze können die Wirkung von Medikamenten verändern – je nachdem, wie diese im Körper verarbeitet werden.

Einige Medikamente werden über die Leber abgebaut, andere über die Niere. Wenn man viel Alkohol trinkt oder zu wenig Flüssigkeit aufnimmt, kann sich die Wirkung verstärken oder verändern.

Besonders bei chronischen Erkrankungen ist das relevant. Wir sehen zum Beispiel häufiger Unterzuckerungen bei Diabetikern oder Krampfanfälle bei Epileptikern, obwohl diese im Alltag gut eingestellt sind.

Was sagt die Notfallmedizin: Welche typischen Einsätze erleben Sie als Festival-Arzt – und was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Die typischen Einsätze sind relativ konstant geblieben: kleinere Verletzungen, Blasen, Verstauchungen und am Abend Alkohol- oder Drogenintoxikationen.

Was sich verändert hat, ist das Verhalten der Besucher. Der Fokus auf Selbstdarstellung ist grösser geworden – das Outfit ist oft wichtiger als praktische Kleidung. Das führt zu mehr Verletzungen.

Positiv ist aber: Freunde kümmern sich wieder mehr umeinander. Früher kamen viele stark alkoholisierte Personen allein zu uns – heute werden sie häufiger begleitet und unterstützt.

Ihr wichtigster Tipp: Wie bleibt man auch bei Hitze, Alkohol und wenig Schlaf möglichst gesund und fit auf Festivals?

Mein wichtigster Tipp ist: bewusst Pausen einplanen.

Zusätzlich gilt: regelmässig Wasser trinken, essen nicht vergessen und Kleidung sowie Schuhe dem Gelände und dem Wetter anpassen.

Und vielleicht am wichtigsten: sich keinen Druck machen. Man muss nicht alles sehen und nicht alles trinken. Ein Festival sollte man geniessen – und nicht im Sanitätszelt verbringen.

Welche Gedanken müssen sich Sanitätsdienste bei der Vorbereitung auf ein Festival machen?

Die Planung ist sehr komplex und individuell. DOCS investiert hierfür viel Zeit und Ressourcen. Wir schauen uns an, wie viele Besucher kommen, wie alt sie im Schnitt sind, welche Substanzen typischerweise konsumiert werden und ob es Übernachtungsmöglichkeiten gibt.

Auch die Lage ist entscheidend: Wie kommen Rettungsfahrzeuge aufs Gelände? Wie können Patientinnen und Patienten abtransportiert werden? Hat es einen Helilandeplatz? Wo sind die nächsten Spitäler und welche Dienstleistungen werden in welchem Spital angeboten?

All diese Faktoren fliessen in ein Konzept ein, das im Voraus erstellt und geprüft wird.

Was ist der Unterschied zwischen Eventmedizin und Notfallmedizin im Spital?

Der grösste Unterschied ist die Herangehensweise. In der Eventmedizin müssen wir sehr pragmatisch arbeiten. Wir haben begrenzte Ressourcen, müssen schnell entscheiden und können uns nicht auf umfangreiche Diagnostik verlassen.

Das bedeutet: Wir konzentrieren uns stark auf die klinische Einschätzung. Also auf das, was wir direkt sehen, hören und untersuchen können. Wir überlegen uns immer: Ist das etwas, das wir hier vor Ort sicher behandeln können – oder braucht diese Person zusätzliche Abklärungen im Spital?

Im Spital ist die Situation ganz anders. Dort hat man Zugang zu Röntgen, CT, MRI, Laboranalysen und spezialisierten Fachpersonen. Das erlaubt eine viel genauere Diagnostik – ist aber auch zeitaufwendiger und strukturell komplexer.

In der Eventmedizin erwarten Veranstalter und Festivalbesucher eine schnelle und effiziente Behandlung. Wir versorgen vieles sehr pragmatisch direkt vor Ort, beobachten die Patientinnen und Patienten bei Bedarf selber und veranlassen einen Transport ins Spital nur, wenn es wirklich notwendig ist. So kann die durchschnittliche Wartezeit für Festivalpatienten von DOCS deutlich unter 5 Minuten gehalten werden.

Ein weiterer Unterschied ist auch die Erwartungshaltung: Im Spital geht es um umfassende medizinische Versorgung. Bei uns geht es primär darum, akute Probleme zu stabilisieren, zu beurteilen und – wenn möglich – so zu behandeln, dass die Person wieder sicher zurück aufs Festivalgelände oder ins Zelt kann. Komfort steht dabei nicht im Vordergrund.

Was kann vor Ort erledigt werden und wann muss jemand in die Notaufnahme?

Die Mitarbeiter von DOCS können vor Ort sehr viel machen: Wunden nähen, Infusionen geben, Patientinnen und Patienten überwachen oder Medikamente verabreichen. Im Extremfall können wir in der Regel auch gleich vor Ort eine Vollnarkose einleiten, was zum Glück extrem selten ist.

Ins Spital muss man, wenn weiterführende Diagnostik nötig ist – zum Beispiel Röntgen oder Blutuntersuchungen. Das betrifft aber nur einen sehr kleinen Teil der Fälle.

Was sind die Herausforderungen für Sanitätsdienste an Festivals?

Eine grosse Herausforderung ist der steigende Kostendruck. Gleichzeitig wollen wir schnell und unkompliziert helfen.

Wir bei DOCS arbeiten bewusst mit wenig Bürokratie, damit wir effizient bleiben. Dadurch können wir kurze Wartezeiten garantieren und uns auf das Wesentliche konzentrieren: die medizinische Versorgung der Gäste.

Gibt es einen Fall, an den Sie sich noch lange erinnern werden?

Ja, da gibt es einige – sowohl schöne als auch tragische, denn wir sehen das ganze Spektrum der Medizin; von der beginnenden Geburt bis zum Todesfall. Eine Begegnung, die mir besonders geblieben ist, hat aber weniger mit klassischer Medizin zu tun.

Ich wurde einmal in den Backstage-Bereich gerufen, weil sich ein Tänzer an der Hand verletzt hatte. Die Verletzung war eigentlich harmlos, aber ich musste sie sauber versorgen. Dafür habe ich ihn mit in den Sanitätsbereich genommen.

Dort hatten wir – beim Gurtenfestival – eine sehr schöne Aussicht über die Stadt Bern. Während ich die Wunde behandelt habe, ist mir aufgefallen, dass er immer wieder zum Fenster geschaut und Fotos gemacht hat. Man hat richtig gespürt, dass ihn dieser Moment beschäftigt.

Nach der Behandlung habe ich ihm angeboten, kurz auf eine Terrasse zu gehen, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist. Er ist dann rausgegangen, hat sich hingesetzt – und plötzlich angefangen zu weinen.

Er hat erzählt, dass er seit Monaten von Show zu Show unterwegs sei, ständig unter Druck stehe und nie wirklich zur Ruhe komme. Und dass diese paar Minuten, in denen er einfach still da sitzen, Energie Tanken und die Aussicht geniessen konnte, für ihn der schönste Moment seit Langem gewesen sei.

Das war ein sehr eindrücklicher Moment. Er zeigt, dass es bei unserer Arbeit nicht immer nur um medizinische Probleme geht. Manchmal braucht jemand einfach kurz einen geschützten Raum, Ruhe – und die Möglichkeit, wieder bei sich selbst anzukommen.

Der Experte

Dr. med. Marco Ambühl, DOCS


Dr. med. Marco Ambühl, DOCS

Facharzt Anästhesie FMH in einem Berner Spital
Notarzt SGNOR in der Helirettung
Ärztliche Leitung Eventmedizin DOCS

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

Weitere Artikel zum Thema Notfallratgeber