Mehr Licht, längere Tage – und trotzdem fühlen sich viele Menschen im Frühling erschöpft statt voller Energie. Dahinter steckt keine Einbildung: Unser Körper muss sich erst an die veränderten Lichtverhältnisse anpassen und gerät dabei kurzfristig aus dem Rhythmus. Psychologin Chantal Hofstetter, stv. Leiterin von ensa Schweiz, erklärt im Interview, warum Frühjahrsmüdigkeit entsteht, wie man sie von einer Depression unterscheidet und welche einfachen Gewohnheiten jetzt nachweislich Körper und Psyche stärken.
Folgende Fragen werden im Artikel geklärt:
• Warum fühlen wir uns im April trotz mehr Licht oft müde?
• Wie unterscheidet man Frühjahrsmüdigkeit von einer depressiven Verstimmung?
• Welche Rolle spielt Bewegung im Freien für unsere «Glückshormone»?
• Wie kann man Reisen so planen, dass sie erholsam statt belastend sind?
• Wie geht man mit FOMO um, wenn im Frühling alle Ausflugsbilder posten?
• Warum ist Velofahren besonders effektiv für den Stressabbau?
• Wie beeinflusst mehr Tageslicht unseren Schlaf-Wach-Rhythmus?
• Was ist Ihr wichtigster Tipp für mehr mentale Resilienz im Frühling?
• Dafür steht die Kampagne «Wie geht’s dir?»
• Über Pro Mente Sana
• Über ensa
Frau Hofstetter, warum fühlen wir uns im April trotz mehr Licht oft müde?
Wenn die Tage länger werden, muss sich unsere innere Uhr zunächst an die veränderten Verhältnisse anpassen - wir durchlaufen gewissermassen eine Art «Mini-Jetlag». Licht steuert dabei unseren Schlaf-Wach-Rhythmus und die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Diese Umstellung passiert nicht von heute auf morgen – in dieser Übergangsphase können wir uns vorübergehend müde oder weniger leistungsfähig fühlen.
Auch die im Frühling typischen Temperaturschwankungen können bei manchen Personen den Kreislauf etwas belasten, was das Gefühl von Schlappheit verstärken kann.
Wie unterscheidet man Frühjahrsmüdigkeit von einer depressiven Verstimmung?
Bei der Frühjahrsmüdigkeit handelt es sich um eine vorübergehende, körperlich bedingte Umstellungsreaktion, die sich nach einigen Wochen wieder legt. Depressive Episoden hingegen weisen komplexe Ursachen auf, dauern länger an und beeinträchtigen Betroffene stärker im Alltag. Hauptsymptome einer depressiven Episode sind anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Antriebsmangel über mehr als zwei Wochen, häufig begleitet von Gefühlen der Hoffnungslosigkeit, Schuld- oder Wertlosigkeit.
Klare Warnzeichen, welche über die Frühjahrsmüdigkeit hinausgehen, sind anhaltende Hoffnungslosigkeit oder wenn alltägliche Aufgaben nicht mehr oder nur mit grosser Mühe bewältigt werden können. Wichtig in solchen Fällen ist, frühzeitig Unterstützung zu suchen – etwa im Gespräch mit einer vertrauten Person oder durch eine Beratungsstelle wie jene von Pro Mente Sana, die niederschwellige Hilfe anbietet: Beratung für Betroffene und Nahestehende. Denn Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen von Stärke. Der Impuls «Nimm Unterstützung an» der «Wie geht’s dir?»-Kampagne bietet Anregungen, wenn man sich belastet fühlt. Weitere hilfreiche Adressen finden sich hier. Unser «ensa» Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit kann wiederum helfen, bei Menschen im Umfeld Warnsignale frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren.
Welche Rolle spielt Bewegung im Freien für unsere «Glückshormone»?
Bewegung im Freien wirkt gleich über mehrere gut untersuchte Prozesse positiv: Bereits moderate körperliche Aktivität steigert die Ausschüttung von Serotonin, Dopamin und Endorphinen, welche landläufig als «Glückshormone» bezeichnet werden. Zudem wird der Cortisolspiegel gesenkt, der die Stressreaktion reguliert. Draussen wirken ausserdem Licht und Natur positiv auf die Stimmung. Diese Kombination führt zu mehr Energie, positiver Stimmung und weniger Stress. Schon relativ kurze, aber regelmässige Einheiten, sind nachgewiesenermassen wirkungsvoll.
Wie kann man Reisen so planen, dass sie erholsam statt belastend sind?
Sinnvoll sind klare Prioritäten und genügend freie Zeit. Weniger Programm und bewusste Pausen reduzieren Reizüberflutung und Planungsstress. Auch ein freier Tag zu Hause vor und nach der Reise kann helfen, Stress zu reduzieren. Letztendlich ist Erholung jedoch sehr individuell: Jede*r muss für sich selbst herausfinden, was wirklich guttut und wie Entspannung am besten gelingt – sei es vor allem durch aktive Erlebnisse und neue Entdeckungen oder durch bewusste Ruhe, Rückzug und Nichtstun. Entscheidend ist, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und die Reise entsprechend zu gestalten.
Was bedeutet FOMO?
FOMO steht für «Fear of Missing Out» – die Angst, etwas zu verpassen. Gemeint ist das unangenehme Gefühl, dass andere Menschen mehr erleben, erfolgreicher sind oder ein spannenderes Leben führen als man selbst.
Besonders durch Social Media kann FOMO verstärkt werden: Dort sind meist nur positive, aktive oder besonders schöne Momente sichtbar. Das kann zu sozialem Vergleich, Druck und Unzufriedenheit führen – vor allem in Zeiten wie dem Frühling, der stark mit Aktivität und Aufbruch verbunden wird.
Typische Anzeichen von FOMO sind:
- ständiges Vergleichen mit anderen
- das Gefühl, immer etwas tun zu müssen
- Unruhe oder Stress beim Scrollen durch soziale Medien
Wie geht man mit FOMO um, wenn im Frühling alle Ausflugsbilder posten?
Frühling ist für viele mit «Aufbruch» und Leistungssteigerung assoziiert. Wenn die innere Befindlichkeit und Energie nicht mit diesem idealisierten Bild von Tatendrang und Neuanfang übereinstimmt, kann dies zu Stress und Frustration führen. Verstärkt wird dieser Effekt durch soziale Vergleichsprozesse – insbesondere auf Social Media, wo vorwiegend aktive, produktive und positiv inszenierte Frühlingsmomente sichtbar sind. Um sich davon abzugrenzen, können die Impulse der Kampagne «Wie geht’s dir?» helfen: Sie fördern den Blick nach innen, stärken die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und ermöglichen, eigene Bedürfnisse klarer zu erkennen. Wer diese Impulse nutzt – etwa «Selbstwert erkennen» oder «Lebensstil beachten» – lernt, realistische Erwartungen an sich selbst zu stellen und sozialen Druck zu reduzieren. Bei anhaltender Belastung ist es wichtig, sich Unterstützung zu suchen. Auch unsere Beratung ist gerne für Betroffene und Angehörige da: Beratung für Betroffene und Nahestehende.
Warum ist Velofahren besonders effektiv für den Stressabbau?
Velofahren ist für den Stressabbau besonders wirksam, weil es eine günstige Kombination aus moderatem Ausdauersport, rhythmischer Bewegung, Sinnhaftigkeit (Fortbewegung von A nach B) und Aufenthalt im Freien bietet: Der gleichmässige Bewegungsrhythmus wirkt wie eine aktive Meditation und senkt nachweislich Stresshormone. Gleichzeitig stärkt Velofahren Herz-Kreislauf, fördert Tageslichtkontakt und vermittelt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit.
Wie beim Reisen ist es auch bei Sport und Bewegung individuell, was einem guttut und entspricht. Informationen und Inspirationen zu Bewegung und Entspannung vermittelt der Impuls «Achte auf deinen Lebensstil» der «Wie geht’s dir?» -Kampagne. Der Impuls zeigt, dass regelmässige Bewegung, bewusste Erholung sowie weitere gesundheitsfördernde Gewohnheiten zentrale Grundlagen für die psychische Gesundheit sind.
Wie beeinflusst mehr Tageslicht unseren Schlaf-Wach-Rhythmus?
Tageslicht ist der wichtigste Taktgeber für unseren zirkadianen Rhythmus – also unsere innere Uhr, die Schlaf‑ und Wachphasen steuert. Mit den längeren und früher einsetzenden hellen Tageszeiten im Frühling wird dieser Rhythmus etwas nach vorne verschoben. Vor allem Tageslicht am Morgen stabilisiert die innere Uhr. Die Melatoninproduktion wird morgens schneller gestoppt und die Bildung aktivierender Botenstoffe wie z.B. Serotonin gefördert, sodass wir uns am Tag wacher und ausgeglichener fühlen.
Was ist Ihr wichtigster Tipp für mehr mentale Resilienz im Frühling?
Die Kampagne «Wie geht’s dir?» zeigt, dass die psychische Widerstandskraft durch viele kleine, alltagsnahe Schritte gestärkt werden kann. Wer Impulse wie «Beziehungen pflegen», «Selbstwert erkennen» oder «Lebensstil beachten» regelmässig umsetzt, stärkt langfristig seine psychische Gesundheit. Dabei ist es wichtig, Resilienz nicht mit permanenter Leistungsfähigkeit zu verwechseln. Psychische Widerstandskraft bedeutet nicht, immer energiegeladen, motiviert und produktiv zu sein – sie zeigt sich vielmehr darin, flexibel auf die eigenen inneren Zustände reagieren zu können. Es ist normal und okay, nicht immer gleich fit und leistungsfähig zu sein. Diese vorübergehende Anpassungsreaktion ist kein Zeichen von Schwäche oder Krankheit, sondern Ausdruck eines gesunden Regulationsprozesses, der in unserer leistungsbetonten Gesellschaft leider immer weniger Platz findet.
Dafür steht die Kampagne «Wie geht’s dir?»
Die Kampagne macht psychische Gesundheit sichtbar und fördert offene Gespräche darüber – ein wichtiger Schritt zur Enttabuisierung. Sie vermittelt sechs alltagsnahe Impulse, die Menschen helfen, ihre psychische Gesundheit aktiv zu stärken. Umgesetzt wird sie von Pro Mente Sana und den Deutschschweizer Kantonen im Auftrag von Gesundheitsförderung Schweiz.
Die Impulse sind so gestaltet, dass sie jede*r im Alltag anwenden kann – niederschwellig und wirksam.
Über Pro Mente Sana
Die Schweizerische Stiftung Pro Mente Sana wurde im Jahr 1978 gegründet. Als nationale Fachorganisation für psychische Gesundheit übernimmt sie eine führende Rolle in der Früherkennung von psychischen Beeinträchtigungen sowie in der Ersten Hilfe für die psychische Gesundheit. Pro Mente Sana engagiert sich zudem in der Interessensvertretung und bietet kostenlose und niederschwellige Beratung für Erwachsene mit psychischen Beeinträchtigungen an. Darüber hinaus setzt sich Pro Mente Sana aktiv für die Sensibilisierungs- und Öffentlichkeitsarbeit ein und engagiert sich in der politischen Arbeit.
Über ensa
ensa ist ein Programm von Pro Mente Sana und die Schweizer Version des australischen Programms Mental Health First Aid. Seit 2019 bietet ensa Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit in der Schweiz an.
In den Kursen lernen Laien, Erste Hilfe zu leisten, wenn Personen in ihrem privaten und beruflichen Umfeld psychische Probleme oder Krisen durchleben. Sie unterstützen, bis professionelle Hilfe übernimmt. Gleichzeitig leisten Ersthelfer*innen einen Beitrag, um Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Problemen in unserer Gesellschaft abzubauen.
Hier finden Sie verschiedene Beratungsstellen und Angebote: