144 anrufen oder abwarten? Warum Ihr Bauchgefühl im Notfall Leben retten kann

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Rettungswagen, Ambulanz Region Biel AG
Rettungswagen, Ambulanz Region Biel AG
Quelle: TCS MyMed

Plötzlich Atemnot. Starke Schmerzen. Ein Sturz oder ein Unfall. Und dann diese eine Frage, die alles entscheidet: Soll ich wirklich die 144 anrufen? Viele Menschen warten zu lange – mit teils dramatischen Folgen. Erich Steinegger, Dipl. Rettungssanitäter HF und Leiter der KEZ 144 Biel, spricht offen über die häufigsten medizinischen Notfälle in Schweizer Haushalten, über unterschätzte Warnzeichen bei Herzinfarkt und Hirnschlag – und darüber, warum Vertrauen in das eigene Gefühl oft der erste Schritt zur Rettung ist.

Die richtige Entscheidung treffen

Herr Steinegger, woran erkenne ich konkret, ob ich selbst oder für jemand anderen sofort die 144 wählen sollte? Gibt es einfache Faustregeln?
Die einfachste und wichtigste Faustregel lautet: Wenn Sie das Gefühl haben, dass es eine Ambulanz braucht, rufen Sie die 144 an. Unsicherheit ist kein Grund, nicht anzurufen – im Gegenteil. Genau dafür ist die Notrufzentrale da. Die Einsatzleiterinnen und Einsatzleiter sind speziell geschult und entscheiden anhand gezielter Fragen und der geschilderten Symptome, ob eine Ambulanz benötigt wird oder nicht.

Ein Anruf bei der 144 bedeutet also nicht automatisch Blaulicht und Sirene, sondern zunächst eine professionelle medizinische Einschätzung.

Welche medizinischen Notfälle passieren im Alltag am häufigsten zu Hause – und bei welchen davon sollte man umgehend 144 alarmieren, statt abzuwarten?
Am häufigsten ereignen sich Kreislauferkrankungen im häuslichen Umfeld. Betroffene merken oft selbst, dass es ihnen nicht gut geht. Besonders kritisch wird es, wenn Atemnot hinzukommt. Viele Menschen beschreiben dann zusätzlich ein starkes Engegefühl oder sogar das Gefühl zu ersticken – ein klares Warnsignal.

Ebenfalls akute Notfälle sind:

  • Plötzlich starke, neuartige Kopfschmerzen
  • Kopfschmerzen in Kombination mit Erbrechen
  • Verdacht auf Hirnschlag, etwa durch Sprachstörungen, Halbseitenlähmungen oder massive Kopfschmerzen

In all diesen Fällen gilt: nicht abwarten – sofort die 144 wählen.

Viele Betroffene zögern bei starken Schmerzen: Welche Arten von Schmerzen sind immer ein Notfall und dürfen nicht «ausgesessen» werden?
Schmerzen sind sehr individuell. Was für die eine Person unerträglich ist, kann für eine andere noch aushaltbar sein. Deshalb ist es gefährlich, nur den Schmerz als Einzelsymptom zu betrachten.

Wichtiger sind diese Fragen:

  • Wo ist der Schmerz?
  • Seit wann besteht er?
  • Was hat ihn ausgelöst?
  • Wie fühlt er sich an (stechend, schneidend, reissend)?
  • Ist der Schmerz bekannt oder neu?
  • Gibt es Begleitsymptome wie Atemnot, Übelkeit, Lähmungen oder Bewusstseinsveränderungen?

Akute Symptome richtig einschätzen

Ab wann gelten Symptome wie Atemnot, Schwindel oder kurze Bewusstseinsverluste als lebensbedrohlich und erfordern sofort den Anruf bei 144?
Auch hier ist der Kontext entscheidend: Sind die Symptome bekannt? Gibt es Vorerkrankungen? Gab es einen Auslöser? Doch unabhängig davon gilt eine klare Empfehlung aus dem Rettungsdienst: Bei Unsicherheit immer die 144 anrufen.

Atemnot, starker Schwindel oder kurze Bewusstseinsverluste können harmlose Ursachen haben – oder lebensbedrohliche. Diese Unterscheidung gehört in professionelle Hände, nicht ins Wohnzimmer.

Welche Warnzeichen für Herzinfarkt oder Schlaganfall kennen Laien zu wenig – und bei welchen Symptomen zählt jede Minute?
Das wichtigste Warnsignal ist oft das eigene Körpergefühl. Wenn sich etwas grundlegend anders anfühlt als sonst, sollte man das ernst nehmen. Der Körper sendet häufig früh Hinweise – wir ignorieren sie leider zu oft.

Spätestens wenn akute Schmerzen, Atemnot oder neurologische Ausfälle auftreten, zählt jede Minute. Die Empfehlung ist klar: Bei akuten Symptomen sofort die 144 wählen, nicht erst den Hausarzt kontaktieren oder abwarten.

Besondere Risikogruppen

Bei welchen Symptomen bei Babys oder Kleinkindern sollte man ohne zu zögern die 144 wählen?
Ein wichtiger Grundsatz: Sobald sich ein Kind nach einem Ereignis deutlich anders verhält als sonst, sollte man handeln. Solange ein Kind weint, atmet es gut. Besorgniserregend wird es, wenn ein Kind apathisch wirkt, ungewöhnlich ruhig ist oder nicht mehr auf die Eltern reagiert.

Häufige Notfälle bei Babys sind:

  • Stürze, etwa vom Wickeltisch
  • Verschlucken von Gegenständen
  • Fieberkrämpfe

Bei Stürzen ist besonders der Kopf gefährdet, da er im Verhältnis zum Körper sehr schwer ist. Hirnerschütterungen kommen daher häufiger vor.

Fieberkrämpfe sollten mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt prophylaktisch besprochen werden – viele lassen sich mit fiebersenkenden Massnahmen gut kontrollieren.

Wann ist ein Sturz bei älteren Menschen ein medizinischer Notfall – selbst, wenn keine äusserlich sichtbaren Verletzungen vorliegen?
Ein Sturz aus Körperhöhe gilt bei älteren Menschen als schwerwiegend. Die Knochen sind fragiler, Frakturen entstehen schneller. Schmerzen nach einem Sturz sollten immer medizinisch abgeklärt werden.

Oft können ältere Menschen ihre Beschwerden nicht klar äussern oder werden von Betreuungspersonen unterschätzt. Nicht selten wird die Ambulanz erst am nächsten Tag gerufen – und dann zeigt sich eine Fraktur.

In der heutigen Medizin gilt: Niemand sollte unter Schmerzen leiden müssen.

Ängste & falsche Hemmungen

Viele Menschen haben Angst vor einem «unnötigen Notruf». Wie beurteilen Sie diese Sorge aus Sicht der Notfallmedizin?
Diese Angst ist unbegründet. Es gibt keinen unnötigen Anruf.

Die Aufgabe des Rettungsdienstes ist es, Menschen in Notsituationen zu beraten. Wenn jemand nach einem Gespräch beruhigt ist und keine weitere Hilfe braucht, war das bereits gute Arbeit.

Wann sollte man bewusst nicht die 144 wählen – und welche Anlaufstellen sind bei weniger dringenden Beschwerden sinnvoller?
Wenn bereits klar ist, dass jemand anderes den Notruf gewählt hat, reicht eine kurze Nachfrage – so werden Mehrfachanrufe vermieden.

Bei nicht akuten Beschwerden sind folgende Stellen sinnvoller:

  • Hausärztin oder Hausarzt
  • Arztpraxis
  • Medizinische Telefonberatungen der Krankenkassen

Ein fester Hausarzt kennt Krankheitsverläufe und Diagnosen – das spart Zeit, Kosten und unnötige Untersuchungen. Spitäler sind für akute Notfälle da, nicht für Bagatellfälle. So entlasten wir das Gesundheitswesen insgesamt.

Notfall im Strassenverkehr

Ab wann ist nach einem Verkehrsunfall zwingend die 144 zu wählen – auch wenn alle Beteiligten noch ansprechbar wirken oder keine sichtbaren Verletzungen haben?
Sobald Personen verletzt sind, ist zwingend die Polizei (117) zu alarmieren. Die 144 sollte gerufen werden, wenn Unsicherheit besteht oder wenn Airbags ausgelöst haben – die dabei wirkenden Kräfte sind erheblich.

Welche Verletzungen treten nach Verkehrsunfällen häufig verzögert auf und werden unterschätzt – und bei welchen Warnzeichen sollte man darum dennoch den Rettungsdienst alarmieren?
Häufig unterschätzt werden:

  • Blutergüsse durch den Sicherheitsgurt
  • Schleudertraumata

Diese äussern sich oft erst später durch Nacken-, Rücken- oder Kopfschmerzen. Treten die Beschwerden verzögert auf, kann zunächst der Hausarzt konsultiert werden.

Was sollten Unfallzeugen oder Ersthelfer tun, bevor die Rettungskräfte eintreffen – und welche gefährlichen Fehler gilt es dabei unbedingt zu vermeiden?
Das Wichtigste ist die Absicherung der Unfallstelle. Alle Personen auf der Fahrbahn müssen Leuchtwesten tragen, der Verkehr ist im Auge zu behalten. Unbeteiligte sollten sich hinter die Absperrung begeben.

Das oberste Gebot lautet: Eigene Sicherheit geht vor. Filmen, Gaffen oder ungesichertes Helfen bringt niemandem etwas – im Gegenteil.

Warum sollten nach Unfällen insbesondere Kinder, ältere Personen oder nicht optimal gesicherte Mitfahrende grundsätzlich ärztlich abgeklärt werden – und im Zweifel lieber die 144 alarmiert werden?
Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Entscheidend sind:

  • Geschwindigkeit des Unfalls
  • Symptome der Beteiligten
  • Deformierung des Fahrzeugs

Im Zweifel gilt jedoch immer: Lieber einmal zu viel die 144 anrufen als einmal zu wenig.

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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