Coronavirus: Der Notfallprofessor im grossen Oster-Interview



CoronaReisenews

Quelle: TCS MyMed


Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos ist Chefarzt und Direktor des Universitären Notfallzentrums am Inselspital und Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin.

Herr Professor, wie feiern Sie dieses Jahr Ostern?
Zuhause mit der «Kernfamilie» plus Hund und Hamster und im Notfall des Inselspitals mit unserem Team.

Sie haben auch viele Freunde und Kollegen im Ausland, wie geht es denen und was hören Sie so?
Sie haben es vielmals viel schwerer und leiden unter der Pandemie und beneiden uns in der Schweiz für unser hoch entwickeltes und gut ausgestattetes Gesundheitssystem.

Die Gesellschaft lernt in Zeiten des neuartigen Coronavirus die Bedeutung des Wortes «Verzicht» auf eine langvergessene Weise kennen. Welche Lehren ziehen Sie aus der gegenwärtigen Situation und denken Sie, dass uns ein bisschen mehr Verzicht auch bei anderen medizinischen Problemen weiterhelfen könnte?
Nein, ich denke, das neue Wort sollte «Dankbarkeit» sein, für alles das, was wir in «Friedenszeiten» geboten bekommen. Passt auch zu Ostern. Wir sollten lernen, dass wir in einer hochkomplexen und vernetzten Welt leben. Entweder wir beschränken uns als Land, und ich meine wir schränken uns in sehr vielem stark ein, oder wir müssen akzeptieren, dass wenn China hustet, wir sehr schnell auch Fieber bekommen. Das heisst, wir müssen schneller werden in unseren Reaktionen und müssen es uns leisten Redundanzen zu haben. Sei es in der Wirtschaft oder in der Medizin. Zum Beispiel, dass wir eventuell auf weitere Spitalschliessungen verzichten. Wir müssen aber auch als Solidargemeinschaft bereit sein zu akzeptieren, dass wir bei der nächsten Krise – und die kommt ganz bestimmt – als Land zusammenstehen müssen und uns gegenseitig unterstützen. Hier denke ich an die vielen KMUs, die jetzt leiden. Das wird teuer, aber wir können es uns leisten. Einer meiner Lieblingssprüche heisst: Besser im Frieden schwitzen als im Krieg bluten. Und ich denke, wenn es ein Land schaffen kann, dann die Schweiz.

Die Wetterprognose für die kommenden Tage ist hervorragend und das Osterwochenende winkt einladend um die Ecke. Das klingt doch nach perfekten Bedingungen für spassige Ausflugstage mit Familie und Freunden, denken Sie nicht auch?
Träumen darf man und bald wird es auch wieder soweit sein, und dann werden wir unsere «neue» Freiheit noch mehr geniessen können mit Freunden, Gelato und Partys. Im Moment ist mir aber nicht nach Spass zu Mute und so geht es vielen anderen wohl auch. Menschen werden krank, sterben, Existenzen gehen kaputt. Und es ist noch nicht vorbei. Kein wirklicher Grund zur ausgelassenen Freude.

Gerade an Ostern findet Glaube in der Gemeinschaft statt und für viele Menschen ist zum Beispiel die Ostermesse wichtig. Wie sollen diese mit der Herausforderung umgehen?
Man soll die Nächsten lieben wie sich selbst, und deshalb Abstand halten und sich und andere schützen. Weil dadurch schützt man auch seine Familie zuhause am besten.

Gewisse Kantone fordern Motorradfahrer eindringlich dazu auf, bis auf Weiteres keine Ausfahrten zu unternehmen, um mögliche Unfälle und Krankenhauseinlieferungen zu verhindern. Entlasten Sie solche Aufforderungen von Behörden und wünschen Sie sich mehr davon?
Hier geht es um die Solidarität mit unseren Spitälern. Normalerweise ist dies eine Zeit, in der schwere Töff- und Sportvelounfälle unser tägliches Brot auf der Notfallstation sind. Diese sind zurückgegangen. Die meisten «Zweirädler» haben die Message verstanden. Vielen Dank für eure Geduld und wenn doch, dann mit sehr rücksichtsvoller Fahrweise.

Aber noch sind die Schweizer Intensivstationen längst nicht überfüllt. Über- oder unterschätzen wir die Coronavirus-Pandemie?
Nein, wir müssen auf das Schlimmste vorbereitet sein. Das sind wir den Menschen schuldig, damit niemand sterben muss, der weiterleben könnte.

Gegner einer möglichen Maskenpflicht argumentieren unter anderem, dass die Menschen beim Tragen von Schutzkleidung ungehemmter durchs Leben gehen und die Gefahr einer Ansteckung deshalb unter dem Strich nicht verringert wird. Was halten Sie von diesem Argument?
Mich stört schon immer das Wort Pflicht. Wer etwas ungern tut, macht es meistens nicht richtig oder konsequent. Das ist gefährlich. Es ist richtig, bewiesen ist es nicht, aber ich denke, dass es vielleicht etwas nützen könnte. In dieser Zeit ist alles willkommen, was nicht schadet. Und ich denke, es schadet nicht. Allerdings müssten genug Masken vorhanden sein und definiert werden, wann und wo man Masken oder Handschuhe tragen sollte.

Im Netz kursieren Bilder von Reagenzgläsern mit Abstrichen gewaschener und desinfizierter Hände. Helfen Sie uns zu verstehen, weshalb manch mit Seife gewaschene Hand weniger Bakterien und Viren aufweist als eine desinfizierte?
Das richtige Händewaschen lernen wir schon von klein an. Seife ist zusammen mit laufendem Wasser ein Power-Duo. Bei der Desinfektion denkt man eventuell, dass wenn man etwas davon über die Hände giesst, verreibt und ein wenig trockenwedelt, dann war’s das. Stimmt leider nicht, sondern auch ein Desinfektionsmittel braucht Zeit, um die Keime abzutöten. Und das braucht eben Zeit, die man sich häufig nicht nimmt, oder man nimmt zu wenig Desinfektionsmittel.

Weshalb sind Männer Vermutungen zufolge häufiger von einem schweren Verlauf der Coronavirus-Erkrankung betroffen als Frauen?
Das wissen wir nicht wirklich. Eventuell hat es mit der Genetik und dem Immunsystem oder den Vorerkrankungen von Herz und Lunge zu tun. Wir sind hier am Anfang der Forschung, warum Mutter Natur und die Evolution für einmal mehr unsere Frauen resistenter gemacht haben.

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