Immer am Limit: Wie unsere Arbeitswelt Burnout begünstigt – und was wir dagegen tun können

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Privatklinik Hohenegg AG, Meilen
Privatklinik Hohenegg AG, Meilen
Quelle: TCS MyMed

Ständige Erreichbarkeit, hoher Leistungsdruck und mangelnde Erholung: Immer mehr Menschen geraten in die Erschöpfungsspirale. Dr. med. Sebastian Haas, Experte für Burnout und Belastungskrisen an der Privatklinik Hohenegg, spricht über die wichtigsten Warnsignale, die Rolle von Arbeitgebenden und die effektiven Präventionsstrategien, um dauerhaft gesund zu bleiben.

Herr Haas, wie häufig begegnen Ihnen Burnout-Fälle in Ihrer Praxis und wie hat sich die Zahl in den letzten Jahren verändert?
Burnout ist in der Privatklinik Hohenegg allgegenwärtig. Die Zahl der Patientinnen und Patienten mit arbeitsassoziierten Erschöpfungszuständen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das hat verschiedene Gründe: Die Arbeitsverdichtung nimmt zu, hybride und digitale Arbeitsformen sorgen für eine ständige Erreichbarkeit, und die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen. Zudem hat die Pandemie als Verstärker gewirkt – sowohl durch die veränderten Arbeitsbedingungen als auch durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Unsicherheiten, die viele Menschen zusätzlich belasten.

Welche beruflichen Gruppen sind Ihrer Erfahrung nach am häufigsten betroffen und welche Rolle spielen gesellschaftliche und berufliche Strukturen – wie Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und fehlende Erholungskultur – bei der Entstehung eines Burnouts?
Besonders betroffen sind Berufe mit hoher Verantwortung und starkem zwischenmenschlichem Engagement, wie medizinische und pflegerische Berufe, Lehrpersonen und Führungskräfte im mittleren Kader. Auch Selbstständige sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, da sie oft unter wirtschaftlichem Druck stehen und keine klaren Erholungszeiten haben.

Wir erleben in unserer Leistungsgesellschaft eine Normalisierung von Überarbeitung – das Narrativ des «Bussy-Seins» als Statussymbol macht es schwer, rechtzeitig Grenzen zu setzen.

Strukturell betrachtet ist Burnout nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein systemisches. Permanente Erreichbarkeit, fehlende Abgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben und die Erwartung, immer produktiv zu sein, begünstigen Erschöpfungszustände.

Was sind die ersten Warnsignale eines Burnouts und gibt es Geschlechterunterschiede in der Art, wie ein Burnout erlebt wird?
Zu den ersten Warnsignalen gehören anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen, emotionale Abstumpfung, zunehmender Zynismus gegenüber der eigenen Arbeit und ein Gefühl von Ineffektivität oder Sinnlosigkeit. Körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme oder eine erhöhte Infektanfälligkeit sind ebenfalls häufig. Geschlechterunterschiede sind durchaus erkennbar: Männer neigen dazu, Burnout mit Rückzug und einer zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Arbeit zu kompensieren, während Frauen häufiger ein verstärktes Verantwortungsgefühl entwickeln und noch mehr leisten, um den vermeintlichen Leistungsabfall zu kompensieren.

Wie unterscheidet sich Burnout von anderen psychischen Belastungen wie Depressionen und warum ist es oft schwierig, eine klare Diagnose zu stellen?
Burnout ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern eine Sammelbezeichnung für chronische arbeitsbedingte Erschöpfungszustände. Die Abgrenzung zur Depression ist nicht immer einfach, weil sich viele Symptome überschneiden. Der wesentliche Unterschied: Eine Depression betrifft meist alle Lebensbereiche und ist oft mit Gefühlen von Hoffnungslosigkeit und Selbstwertverlust verbunden, während Burnout in der Regel arbeitsbezogen ist. Allerdings kann ein unbehandelter Burnout in eine echte Depression übergehen.

Welche Präventionsstrategien empfehlen Sie für Menschen mit hohem Stresslevel?
Die wichtigste Strategie ist die bewusste Abgrenzung – sowohl zeitlich als auch mental. Regelmässige Pausen, ein klarer Feierabend ohne berufliche E-Mails, ausreichend Schlaf und körperliche Bewegung sind essenziell. Auch soziale Kontakte ausserhalb des Berufs sind wichtig, um andere Perspektiven zu gewinnen. Zudem kann es hilfreich sein, regelmässig innezuhalten und zu reflektieren: Was gibt mir Energie, was raubt sie mir?

Welche Rolle spielen Arbeitgebende bei der Prävention und Behandlung?
Arbeitgebende tragen eine enorme Verantwortung. Sie sollten Strukturen schaffen, die gesundes Arbeiten ermöglichen – dazu gehören realistische Zielvorgaben, klare Kommunikation, Wertschätzung und Vorleben einer gesunden Work-Life-Balance durch Führungskräfte. Zudem sollten Unternehmen Stressmanagement-Programme nicht nur als Feigenblatt-Massnahme einsetzen, sondern in die Unternehmenskultur integrieren.

Was halten Sie davon, Burnout als Berufskrankheit anzuerkennen?
Das ist eine anspruchsvolle Debatte. Einerseits würde eine Anerkennung als Berufskrankheit den Betroffenen helfen, rechtzeitig Unterstützung zu bekommen. Andererseits besteht die Gefahr, dass der Fokus zu stark auf der individuellen Ebene bleibt und die strukturellen Ursachen – also Arbeitsbedingungen, Führungskultur und gesellschaftliche Erwartungen – zu wenig in den Blick geraten.

Welche psychotherapeutischen Ansätze sind besonders wirksam in der Behandlung?
Ein bewährter Ansatz ist die kognitive Verhaltenstherapie, die hilft, negative Denkmuster zu erkennen und gezielt zu verändern. Wichtig ist auch die Arbeit an Selbstfürsorge und Abgrenzungsstrategien. In der Privatklinik Hohenegg setzen wir zudem auf ein interaktiv konzipiertes Gruppentherapie-Angebot sowie systemische und achtsamkeitsbasierte Ansätze, um neue Wege im Umgang mit Stress zu finden.

Wie können Angehörige und Freunde Betroffene unterstützen?
Wichtig ist, zuzuhören und ernst zu nehmen, ohne vorschnelle Ratschläge zu geben. Oft haben Betroffene selbst das Gefühl, «einfach weitermachen zu müssen» – hier kann ein liebevoller Hinweis auf die Notwendigkeit von Hilfe entscheidend sein. Manchmal hilft es auch, konkrete Unterstützung im Alltag anzubieten, damit Betroffene sich wieder auf ihre Erholung konzentrieren können.

Wie verändert ein Burnout die Selbstwahrnehmung und Identität eines Menschen, insbesondere bei Personen, deren Selbstwert stark an ihre berufliche Leistung geknüpft ist?
Für viele ist der Beruf ein zentraler Teil ihrer Identität. Ein Burnout kann dieses Selbstbild massiv erschüttern, da das gewohnte Leistungsvermögen nicht mehr vorhanden ist. Das führt oft zu Scham, Selbstzweifeln und einem Gefühl der Nutzlosigkeit. Die Herausforderung in der Therapie besteht darin, neue Perspektiven zu entwickeln und den Selbstwert nicht nur über die Arbeit zu definieren.

Welche Rolle spielen kulturelle und gesellschaftliche Narrative – etwa die Glorifizierung von Überarbeitung – bei der Normalisierung von Burnout und wie können diese Strukturen aufgebrochen werden?
Das Narrativ «Wer viel arbeitet, ist wertvoll» ist tief in unserer Gesellschaft verankert, besonders bei uns in der Schweiz. Überarbeitung wird oft als Zeichen von Engagement missverstanden, dabei ist sie oft ein Zeichen mangelnder Selbstfürsorge oder schlechter Arbeitsorganisation. Um diese Strukturen zu durchbrechen, braucht es ein Umdenken auf allen Ebenen: in Unternehmen, der Politik, aber auch der Art, wie wir Erfolg definieren.

Welche langfristigen Folgen kann ein unbehandeltes Burnout-Syndrom auf die körperliche und psychische Gesundheit haben und wie lassen sich diese vermeiden?
Ein unbehandelter Burnout kann massive gesundheitliche Folgen haben: Es erhöht das Risiko für Depressionen, Angsterkrankungen, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Chronische Entzündungsprozesse im Körper nehmen zu, die Immunabwehr wird geschwächt. Am wichtigsten ist daher die frühzeitige Intervention – je früher jemand erkennt, dass er sich im Burnout-Kreislauf befindet, desto besser sind die Chancen auf eine vollständige Erholung.

Schwerpunkt Burnout und Belastungskrisen: Die Geschichte von Michael, 42, Projektleiter IT

Seelische Gesundheit zum Hören: Viele Menschen fühlen sich aufgrund ihrer Arbeitsbelastung erschöpft. Burnout-Syndrome haben in den letzten Jahren zugenommen. Sabine Claus unterhält sich in diesem Podcast mit Dr. Sebastian Haas, dem stellvertretenden Ärztlichen Direktor und Schwerpunktleiter Burnout und Belastungskrisen an der Privatklinik Hohenegg, über Trends in der Burnout-Behandlung.

Dr. med. Sebastian Haas

 

Dr. med. Sebastian Haas

stellvertretender Ärztlicher Direktor, Schwerpunktleiter Burnout und Belastungskrisen sowie Verantwortlicher für das Forum für Angehörige an der Privatklinik Hohenegg


Er engagiert sich ausserdem als Dozent für systemische Einzel, Paar- und Familientherapie am Institut für ökologisch-systemische Therapie Zürich.
 

Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.

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