Weniger Patienten mit Schlaganfällen: Was der Neurologie-Professor dazu sagt



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Quelle: TCS MyMed


Prof. Dr. med. Adam Czaplinski ist Facharzt für Neurologie FMH und renommierter Spezialist für Multiple Sklerose. Zu seinen Spezialgebieten zählen zudem neuromuskuläre Erkrankungen und Polyneuropathien. Im Interview mit TCS MyMed.

Herr Professor, wie hat sich Ihre Arbeit in der Neurologie während der Corona-Krise verändert?
Schon zu Beginn der Krise erreichten uns nahezu täglich neue Daten zu neurologischen Begleitsymptomen bei Corona-Patienten. Alarmierend war dabei nicht nur der hohe Prozentsatz von Covid-19-Patienten mit neurologischen Anzeichen, aber vor allem die Tatsache, dass die neurologischen Symptome zum Teil ohne jegliche Atemwegsbeteiligung aufgetreten sind. Dies deutete darauf hin, dass Covid-19 kein rein pneumologisches Krankheitsbild ist, sondern unbedingt der neurologischen Expertise bedarf.

Wie reagierten Sie?
So waren wir Neurologen seit Beginn an der ersten «Frontlinie» mit dabei. Das Team unseres MS-Zentrums führte in den ersten Tagen der Corona-Krise Hunderte Telefonkonsultationen durch und beantwortete unzählige E-Mails von unseren Patienten. Ich persönlich stand vor allem in regem Kontakt mit meinen immunomodulierten beziehungsweise immunosupprimierten MS-Patienten. Diese waren verständlicherweise sehr oft verunsichert und bedurften einer engmaschigen Betreuung. Meine Kollegen von der Klinik für Neurologie Hirslanden, aufgeteilt in Teams, stellten in dieser schwierigen Zeit die 24/7-Versorgung des neurologischen Notfalls sicher. Ich möchte mich an dieser Stelle bei meinem Team für die hervorragende Leistung herzlich bedanken.

Ist somit Covid-19, bekannt als eine Atemwegserkrankung, auch ein Fall für die Neurologie?
Das Hauptsymptom bei den meisten Patienten mit einer schweren Covid-19-Infektion ist tatsächlich die respiratorische Insuffizienz. Die Autoren einer kürzlich publizierten Arbeit (Li, Bai, Hasikawa) zeigten auf, dass ein neurologischer Mechanismus zur Problematik beitragen kann. Die Coronaviren können in das Gehirn, insbesondere in den Hirnstamm eindringen. Eine durch Viren ausgelöste Dysfunktion des Atemzentrums könnte dann die respiratorische Insuffizienz begünstigen.

Welche sonstigen Auswirkungen kann der Befall des Nervensystems haben?
Überraschend viele Covid-19-Patienten entwickeln neurologische Symptome, unter anderem Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Muskelschwäche und Müdigkeit. Diese neurologischen Symptome sind aber auch bei anderen viralen Atemwegsinfektionen keine Seltenheit. Sehr interessant ist vor allem die Tatsache, dass gerade in den Frühstadien einer Covid-Infektion sehr oft, bei fast 30 % der Patienten, eine Geruchs- beziehungsweise Geschmacksstörung auftreten kann.

Wie funktioniert der Eintritt des Coronavirus ins Gehirn überhaupt?
Er erfolgt mit grösster Wahrscheinlichkeit über die Nasenschleimhaut und die Riechnerven. Das würde auch die erwähnten Riechstörungen gut erklären. Ob die Viren auch das restliche Gehirn infizieren und zu Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen führen, ist noch nicht bekannt.

Kann Covid-19 auch zu einem Schlaganfall führen?
Die verfügbaren Daten aus China und aus Italien zeigen, dass bei Covid-19-Patienten mit schweren respiratorischen Verläufen höhere Spiegel an sogenannten D-Dimeren gemessen wurden. Diese D-Dimere weisen wiederum auf eine Gerinnungsaktivierung hin, die als Schlaganfall-Ursache angesehen werden kann. Die höhere Schlaganfallrate könnte allerdings auch eine indirekte Infektionsfolge sein. Erklärt durch die Tatsache, dass Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen gleichzeitig auch Schlaganfall-Risikopatienten sind. Dieser wichtigen Kernfrage muss sicherlich noch gezielt nachgegangen werden.

Nach dem Lockdown ist aber die Zahl der behandelten Schlaganfälle paradoxerweise stark gesunken. Stimmt das?
Ja. In unserem Stroke Center der Klinik Hirslanden in Zürich behandelten wir in den ersten Lockdown-Wochen rund 25 % weniger Patienten mit Schlaganfällen. Grundsätzlich wäre das zwar eine gute Nachricht, doch liegt die Vermutung nahe, dass nicht etwa weniger Menschen einen Schlaganfall erleiden, sondern viele aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus trotz deutlicher Symptome nicht ins Krankenhaus gehen. Ein nicht oder zu spät behandelter Schlaganfall kann zu schwerer Behinderung führen und sogar tödlich enden. Ein ähnliches Phänomen beobachten auch Neurologen in anderen Schweizer und europäischen Schlaganfall-Zentren. Übrigens, auch kardiologische Kliniken in ganz Europa, so auch in der Schweiz, verzeichnen seit Beginn der Corona-Epidemie einen Rückgang an Herzinfarktpatienten. Auch bei Herzinfarkten handelt es sich um absolute Notfälle, bei denen jede Minute zählt. Betroffene scheinen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus den Notfalldienst nicht rufen zu wollen.

Im Internet kursieren viele Meldungen. «MS-Patienten erkranken häufiger an Covid-19», lautet eine Schlagzeile. Was sagen Sie dazu? 
Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass sich MS-Patienten häufiger anstecken. Die mir bekannte Zahl der in der Schweiz infizierten MS-Patienten liegt nicht oberhalb des statistisch zu erwartenden Werts und unterstützt die Annahme, dass kein primär erhöhtes Risiko aufgrund der MS besteht. Das Risiko für Atemwegsinfektionen ist generell erhöht, wenn eine stärkere Behinderung besteht (zum Beispiel Rollstuhl oder Bettlägerigkeit).

MS-Patienten werden oft mit Medikamenten behandelt, die das Immunsystem schwächen. Da ist man dann doch anfälliger?
Menschen mit einem geschwächten Abwehrsystem haben generell ein erhöhtes Risiko, dass Infektionskrankheiten bei ihnen einen schweren Verlauf nehmen können. MS-Patienten, die mit bestimmten, in aller Regel sehr aktiven, immunsuppressiven Therapien behandelt werden, könnten theoretisch ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung haben. Sichere Erkenntnisse hierzu liegen aber noch nicht vor.

Würden Sie Patienten dann raten, die Immuntherapie vorsorglich zu pausieren?
Nein. Multiple Sklerose ist ein Krankheitsbild, das sich sehr schnell verschlechtern kann. Das neue Coronavirus wird uns noch längere Zeit begleiten – und da würde das Absetzen der Medikamente mehr schaden als nützen.

Viele Patienten getrauen sich noch immer nicht, zur Sprechstunde zu gehen. Kann man die ambulante Sprechstunde einfach durch ein Telefon oder einen Videochat ersetzen?
Zu Beginn der Corona-Krise sagten wir alle nicht dringlichen Konsultationen ab, beziehungsweise führten sie telefonisch durch. Während eine kurze Beratung am Telefon gerade bei bekannten Patienten durchaus möglich und auch sinnvoll ist, ersetzt sie nicht die oftmals nötige Diagnostik, zum Beispiel eine MRI-Untersuchung, eine Ultraschalluntersuchung der Hirngefässe, ein EEG oder EMG. Auch für eine Blutentnahme oder Infusionsbehandlung muss man schlussendlich persönlich zum Arzt kommen.

Die Patienten müssen also vorbeikommen?
Ich kann an dieser Stelle mit voller Verantwortung sagen, dass die ursprünglich verständliche Sorge, das Gesundheitssystem unnötig zu belasten und die erhöhte Angst vor einer Corona-Ansteckung im Spital oder in der Arztpraxis, unterdessen glücklicherweise unbegründet ist. Da wir derzeit in der Lage sind, die neurologischen Fälle so zu behandeln, dass sie mit den derzeit noch sehr seltenen Corona-Verdachtsfällen erst gar nicht in Kontakt kommen, besteht aktuell kein erhöhtes Risiko, von anderen Patienten beziehungsweise vom Personal angesteckt zu werden.

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