Extrem-Bergsteigerin Evelyne Binsack: «Social Distancing ist auf Expeditionen meist nicht möglich»

Evelyne Binsack
Evelyne Binsack, aus Hergiswil NW, bestieg 2001 als erste Schweizerin den Mount Everest, bewältigte die Eiger-Nordwand 3 Mal im Alleingang und kletterte auf die höchsten Gipfel des Himalayas und der Anden. Foto: HO.


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Quelle: TCS MyMed


Evelyne Binsack ist Diplom-Bergführerin, Helikopterpilotin, Extrem-Bergsteigerin, Bestseller-Autorin und Abenteurerin aus Leidenschaft. Binsack bestieg 2001 als erste Schweizerin den Mount Everest, bewältigte die Eiger-Nordwand drei Mal im Alleingang und kletterte auf die höchsten Gipfel des Himalayas und der Anden. Ihre grösste Herausforderung war von 2006 bis 2008 das Extrem-Abenteuer in 484 Tagen und 25 000 Kilometern durch 16 Länder von der Schweiz zum Südpol, aus eigener Muskelkraft mit Fahrrad, zu Fuss, mit Ski und Schlitten. Ein Gespräch mit TCS MyMed.

Auf dem Mount Everest auf 8850 Metern ist die Luft dünn und somit wissen sie, was Atemnot bedeutet. Fürchten Sie sich vor dem Coronavirus?
Die Luft auf dem Mount Everest ist sehr dünn und Leistung in dieser Höhe zu vollbringen, ist extrem kräftezehrend. Nein, vor dem Coronavirus habe ich keine Angst.

Als Gipfelstürmerin sind Sie zugleich Grenzgängerin. Immer wieder suchen Sie die Ausnahmesituation, wandern auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Warum haben Sie sich so oft freiwillig in Lebensgefahr begeben?
Ich begebe mich nicht freiwillig in Lebensgefahr. Auf meinen Touren weiss ich sehr genau, was ich tue, denn ich habe mir die Fähigkeiten für die Schwierigkeit hart erarbeitet. Klar, es gibt ein Restrisiko. Aber auch das Restrisiko kenne ich, und ich weiss, wie ich es bestmöglich verhindern kann.

Für das Überleben in einer Steilwand ist es essenziell wichtig, die Gesetze der Natur zu respektieren und die physischen sowie mentalen Fähigkeiten unermüdlich zu trainieren. Helfen Ihnen diese Fähigkeiten in der Corona-Krise?
Als Berufsbergführerin ist es essentiell, meinen Kunden Sicherheit zu geben und als Mental-Coach rufe ich die geistigen Ressourcen meines Klienten ab, damit er die Hindernisse, die ihn ängstigen, aus einem anderen Blickwinkel sehen und diesen auf andere Weise begegnen kann. In Krisensituationen laufe ich normalerweise zu meiner Hochform auf. Der Lockdown bedeutet für viele Unternehmer eine existenzielle Bedrohung, die sie nicht verursacht haben. Die Hilflosigkeit unter diesen Menschen ist extrem gross, wenn der existenzielle Tod näher rückt.

Als Bergsteigerin haben Sie viel Erfahrung gesammelt auf engen Räumen in Extremsituationen. Welche Tipps geben Sie Menschen, die aufgrund der Corona-Krise in häuslicher Quarantäne sind?
Ich bedauere die Menschen sehr, die die Ausgangssperre aushalten müssen und ich bedauere die Menschen, die die Quarantäne ausharren. Beides sind zeitlich begrenzte Situationen. Es hilft, sich immer nur den nächsten Tag vorzunehmen. Sich einen Plan zu machen, was ich erledigen will, wie ich mir trotz engen Raums meine eigene Welt schaffen kann, vor allem gedanklich. Wenn mehrere Menschen auf engem Raum auskommen müssen, hilft es, nur das Allerwichtigste zu kommunizieren und darauf zu achten, dass der Ton freundlich ist und Probleme wohlwollend angesprochen werden. Auch empfehle ich dringend, wie ich das in meinem kleinen Dreiquadratmeter-Zelt mache, wenn ich tagelange Schneestürme oder wochenlange Wettertendenzen aushalten muss, Kräftigungsübungen zu machen, bis die Muskeln schmerzen. Ein einstündiges Training kann gut auf einem Dreiquadratmeter-Platz gemacht werden. Körperliche Ertüchtigung kurbelt Glückshormone an, der Geist entspannt sich, man wird glücklicher.

Welche Schutzmassnahmen treffen Sie jeweils vor und während einer Expedition, damit Sie sich nicht mit einer infektiösen Krankheit anstecken und somit auf Ihre volle Lungenleistung zurückgreifen können?
Social Distancing ist auf Expeditionen meist nicht möglich, da man in Höhenlagern oft zu zweit ein Zelt teilen muss. Desinfektionsmittel für die Hände gehört zur Grundausrüstung und meistens hat man wegen der Kälte eine Balaclava vor dem Mund.

Wie gingen Sie in der Vergangenheit mit medizinischen Notfällen im Ausland um und wo steht die Schweiz Ihrer Meinung nach im internationalen Vergleich?
Es ist die bittere Wahrheit: Wenn man bereit ist, für die Gesundheit viel Geld zu zahlen, bietet einem jedes Land sehr gut ausgerüstete Spitäler und hochqualifizierte Ärzte. Das Schweizer Gesundheitswesen ist aber eines der solidesten weltweit.

Welche Gebiete erkunden Sie zurzeit, da Sie international nicht unterwegs sein dürfen?
Ich bin so viel zuhause wie noch nie in meinem Leben. Ich lerne sehr viel, arbeite autodidaktisch an Themen, die mich sehr interessieren und füttere meinen Geist. Auch mein Home-Training kann ich auf neun Quadratmetern absolvieren und wenn das Wetter gut ist, wie zurzeit, gehe ich in den Wald.

Was vermissen Sie jetzt in dieser Zeit am meisten?
Wie auf meinen Expeditionen befasse ich mich auch jetzt nicht mit dem, was ich vermisse, sondern mit dem, was ich habe. Ich freue mich aber sehr auf die Zeit, wo ich auch wieder meine Referate halten kann, die seit Februar bis Oktober alle storniert wurden. Auch ich lebe nicht von Luft und positiven Gedanken allein.

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