Coronavirus: Besteht im Büro eine Infektionsgefahr über die Lüftung?



CoronaReisenews

Quelle: TCS MyMed


Dr. Benoit Sicre ist Leiter der Forschungsgruppe Gesundheit und Hygiene am Institut für Gebäudetechnik und Energie IGE der Hochschule Luzern. Er hat sich auf die Bewertung und Verbesserung der Luft- und Wasserqualität in Gebäuden spezialisiert. Im Interview mit TCS MyMed.

Herr Dr. Sicre, ab Montag kehren viele vom Homeoffice ins Büro zurück. Kann man sich dort über die Lüftung mit dem Coronavirus infizieren?
Gemäss dem aktuellen Wissensstand erfolgt die Virusübertragung über die Luft primär in Form von kleinen Tropfen mit einem Durchmesser von fünf Mikrometern und grösser. Raumlufttechnische Anlagen sorgen bereits bei der Aufbereitung der Aussenluft durch Filtration für ein hohes Mass an Sicherheit, da kleine Partikel und Tropfen gemäss der eingesetzten Filterklasse in der Anlage abgeschieden werden. Die Zuluft kommt deshalb niemals mit relevanten Mengen infektiöser Tröpfchen in Kontakt. Durch die Zuführung gefilterter Aussenluft bewirkt die Lüftungsanlage zudem immer eine Verdünnung möglicher Luftbelastungen im Raum wie Geruch oder Feuchtigkeit, aber auch von Krankheitserregern wie Bakterien, Schimmelpilzen oder Viren. Die Übertragung des Coronavirus SARS-CoV-19 über raumlufttechnische Anlagen sehen wir Experten für die Innenraumluftqualität, ähnlich wie das BAG, als sehr unwahrscheinlich an, und eine Übertragung auf diesem Weg konnte bisher nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Viele Betreiber von Lüftungsanlagen stellen sich aktuell die Frage, ob sie nun bei ihrer Lüftungsanlage andere Einstellungen vornehmen müssen, um eine hygienisch unbedenkliche Frischluftzufuhr sicherstellen zu können. Wozu raten Sie?
Grundsätzlich sollten raumlufttechnische Anlagen nicht ausgeschaltet werden. Der Aussenluftvolumenstrom der Anlage kann sogar erhöht werden, damit die Luft in den Räumen schneller erneuert wird. Auch die Betriebszeiten der Anlagen können gegebenenfalls vor und nach der regulären Nutzungszeit verlängert werden. Wenn die Filter die Anforderungen der aktuellen Hygienerichtlinie SWKI VA104 erfüllen (Filterklasse F7 oder ISO ePM1 50 %), müssen sie nicht extra ausgetauscht werden. Der Einsatz spezieller Schwebstofffilter wie in Reinräumen ist nicht erforderlich, sie erhöhen den Energieverbrauch unnötigerweise. Leckagen im RLT-Gerät und in der Wärmerückgewinnung (WRG) können je nach Aufbau dazu führen, dass ein geringer Anteil der Abluft auf die Zuluft übertragen werden kann. Eine fachmännische Anlagenplanung und ein ebensolcher Betrieb verhindern dies. Bei Bedenken und Unsicherheiten ziehen Sie bitte eine Fachperson zurate.

Was ist Ihrer Meinung nach gefährlicher: Die kontaminierte Türklinke oder die Lüftungsanlage?
Das aktuelle Wissen erlaubt keine wissenschaftlich begründete  Antwort auf diese Frage. Persönlich wasche ich mir regelmässig die Hände, vermeide es, Nase und Mund mit den Händen zu berühren und laufe die Treppen hoch, anstelle mit dem Aufzug zu fahren.

Und wie sehen Sie die Problematik in Spitälern oder beim Einkaufen?
Für sensible Bereiche wie Spitäler und Reinräume (z.B. in der Lebensmittelverarbeitungsindustrie) gelten spezielle Regeln: durch die professionelle Planung, Zonierung und Druckhaltung ist sichergestellt, dass sich Schadstoffe aus der Abluft eines Raumes nicht im gesamten Gebäude verteilen können. In Einkaufszentren empfehle ich, wie bei den übrigen mechanisch belüfteten Gebäuden, den Aussenluftvolumenstrom gemäss Planungsvorgaben zu belassen oder diesen sogar zu erhöhen. Für Läden und Boutiquen ohne mechanische Lüftung (wie auch für Wohnungen) empfehle ich, abhängig der Anzahl von Menschen im Raum, ein- bis zweimal in der Stunde die Räume gründlich zu durchlüften. Und im Sommer, wenn die Witterungs-, Lärm- und Sicherheitsverhältnisse es zulassen, können Fenster und Türen voll offenbleiben.

Minergie-Lüftung gehört mittlerweile in vielen Haushalten zum Standard, soll man die eigene Lüftung zu Hause nun ausschalten oder ist diese frei von Viren?
Die gleichen Planungs-, Betriebs-, und Hygienevorschriften gelten bei Komfortlüftungen in Minergie-Häusern, wie bei den grossen Lüftungsanlagen in Bürogebäuden. Wenn die Komfortlüftung gut gewartet wird (z.B. die Luftfilter gemäss Vorgaben des Herstellers regelmässig ersetzt werden und die Qualitätsanforderungen der SWKI erfüllen) und tadellos funktioniert, schützt diese durch Verdünnung möglicher Belastungen in der Raumluft vor einer Infektion.

Und wie ist es mit selbst gekauften Ventilatoren oder Klimageräten?
Bei diesen Systemen ist eine Verteilung von Viren von Raum zu Raum grundsätzlich nicht auszuschliessen, wenn auch eher unwahrscheinlich. Bedenklich können unter Umständen Umluftanlagen oder raumbezogene Klimageräte (beispielsweise Split-Geräte) sein, bei denen die Luft mit Ventilatoren in einem Gebäude beziehungsweise innerhalb des Raumes rezirkuliert wird. Wenn möglich (kein wesentlicher Kühlbedarf), dann wird empfohlen, diese Geräte auszuschalten, um die Wiederverteilung von Virenpartikeln auf Raumebene zu vermeiden. Insbesondere, wenn Räume von mehr als einer Person genutzt werden.

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