«Wir sollten weiterhin grossen Respekt vor dem Coronavirus haben»

Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos


CoronaReisenews

Quelle: TCS MyMed


Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos ist Chefarzt und Direktor des Universitären Notfallzentrums am Inselspital und Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin. Im Wochengespräch mit TCS MyMed.

Die neuesten Umfrageergebnisse der Forschungsstelle Sotomo zeigen, dass sich die Schweizer Bevölkerung immer weniger vor «italienischen Zuständen» in hiesigen Krankenhäusern fürchtet. Weshalb ist es dennoch zu früh, Entwarnung zu geben?
Fürchten ist kein gutes Wort. Respekt ist besser. Wir sollten weiterhin grossen Respekt vor dem Virus haben. Wir müssen uns bewusst sein, was für einen Schaden dieses in unserer Gesellschaft angerichtet hat und noch weiter anrichten kann. Wir alle werden in irgendeiner Art den Preis dafür bezahlen, menschlich oder ökonomisch. Wenn die «Massnahmen» gelockert werden, müssen wir vermutlich mit einem erneuten vorübergehenden Anstieg der Ansteckungszahlen rechnen. Da wir aber bald auch in den Spitälern wieder zu einer normalisierten Versorgung der Patientinnen und Patienten übergehen müssen, müssen wir weiter besonnen und diszipliniert bleiben. Dank unseres ausgezeichneten Gesundheitssystems und den ökonomischen Möglichkeiten des Bundes und der Kantone sollten wir aber keine Bilder, wie wir sie aus dem Ausland kennen, zu befürchten haben.

Die Stimmen zur Lockerung einiger Massnahmen werden immer lauter, insbesondere geht es um den Schutz unserer Wirtschaft. Wie gewichten Sie die Relevanz wirtschaftlicher Argumente im Vergleich zum Schutz des Gesundheitssystems aufgrund Ihrer Erfahrung der letzten Tage und Wochen?
Dies ist eine gefährliche Diskussion. Denn es spielt Menschen gegeneinander aus. Nämlich diejenigen, welche eventuell Ihre Existenz gefährdet sehen, versus jene, welche vielleicht Gesundheit und Leben zu verlieren haben, und das sind mit überwiegender Mehrheit ältere und kranke Mitmenschen. Als Arzt steht für mich der Schutz des Lebens über allem, ohne Wenn und Aber. Als Bürger dieses Landes verstehe ich aber auch, dass wir uns ein so gutes Gesundheitssystem nur leisten können, wenn auch die Wirtschaft funktioniert. Aber wenn es sich ein Land leisten kann, seiner Wirtschaft zur Seite zu stehen – vor allem den vielen KMUs – dann die Schweiz. Wir haben auch erneut den Vorteil, dass uns die Corona-Krise mit Verzögerung getroffen hat. Dadurch haben wir ein wenig mehr Zeit, über die Grenzen zu schauen, was passiert, wenn die Massnahmen gelockert werden und eventuell gewinnen wir auch etwas Zeit im Rennen um Labortests und Impfungen.

Haben Sie konkrete Vorstellungen oder Wünsche zur Gestaltung der heiss diskutierten Exit-Strategie?
Ich wünsche mir, dass diese ohne Polemik und von einem in der Schweiz üblichen Konsens getragen wird. Es gibt sicher Bereiche, die wieder aufmachen können, weil ein «gewisser» Schutz gegeben ist, und andere, wie bei Events, in Theatern, Konzertsälen, kleineren Beizen usw. eventuell weniger. Nun werden einige sagen, das ist ja entbehrlich. Aber es ist halt ein wichtiger Teil unserer Lebensqualität, welche unsere Volksgesundheit positiv beeinflusst. Da hängen jetzt Menschen dran, die leiden, ihr Einkommen und Lebenswerk verlieren, und manche zerbrechen auch daran. Deshalb dürfen die nicht vergessen gehen. In den USA nannte man die Zeit der grossen Rezession in den 1930er-Jahren auch nicht umsonst die «Grosse Depression». Aber egal, welche Exit-Strategie wir wählen: Wir wissen weder, ob diese zu 100 % funktioniert, noch kennen wir alle Details. Ein Flug mit minimalem Radar sozusagen. Deshalb müssen Bund und Kantone dafür sorgen, dass genügend Fallschirme an Bord sind.

Was meinen Sie damit?
Dass beispielsweise die Spitäler oder die medizinischen Versorgungseinrichtungen, welche weiterhin Corona-Patienten betreuen werden, finanziell unterstützt oder entlastet werden, um eventuelle erneute Corona-Wellen abfangen zu können, so wie wir es ja bis jetzt auch gemacht haben. Dass genügend Masken vorhanden sind, wenn diese empfohlen werden, dass genügend Testkapazitäten vorhanden sind. Wenn wir die Gesellschaft wieder «aufmachen», wird es ein Auf und Ab der Fallzahlen geben. Wenn wir dann z.B. nicht mit schnellen Tests bereitstehen, dann riskieren wir eine erneute starke Verbreitung der Krankheit.

Privat, halbprivat oder allgemein – macht man auf der Notfallstation für Corona-Notfälle in Bezug auf die Versicherungsklasse einen Unterschied?
Wenn uns dieses Virus etwas gelehrt hat, dann jenes: Krankheiten wie diese machen vor keinem Halt, ob reich oder arm. Bei uns gab und gibt es keinerlei Unterschiede bezüglich des Versicherungsstatus.

Momentan leben die Menschen sehr zurückgezogen. Wird man danach unter vielen Leuten anfälliger sein für Infektionen als vor der Krise?
Nein, unser Immunsystem entwickelt und adaptiert sich über Jahre. 1 Monat daheim schwächt es nicht. Aber es wird sicher für viele erst einmal ein komisches Gefühl sein, wieder unter vielen Menschen zu sein.

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