«Es braucht Geduld und gesunden Menschenverstand»



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Quelle: TCS MyMed


Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos ist Chefarzt und Direktor des Universitären Notfallzentrums am Inselspital und Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin.

Herr Professor, ich hatte neulich eine starke Erkältung mit Reizhusten und leichter Atemnot in der Nacht sowie beim Treppensteigen. Gut möglich, dass bald ein Test zeigt: Ich bin immun und fein raus!
Schön wär’s, aber der Test kann Ihnen im Moment nur anzeigen, ob Sie Antikörper gegen eine bestimmte Gruppe von Viren wie beispielsweise COVID-19 haben. Aber selbst da gibt es Überschneidungen mit anderen Viren aus derselben Gruppe. Wir verstehen aber im Moment noch zu wenig darüber, wie viele Antikörper es braucht, um eine Immunität zu gewährleisten, ob es überhaupt eine Immunität gibt und wie lange diese anhält. Auch sind viele der Tests qualitativ fragwürdig.

Im Internet kursieren trügerische News, wie und wo können sich unsere Mitglieder sachlich über das Thema informieren?
Das ist in der Tat sehr kompliziert. Ich würde die Seiten des BAG und das persönliche Gespräch mit dem Arzt oder Apotheker des Vertrauens empfehlen. Aber jeden Tag kommt neues Wissen dazu und in einem Monat werden wir schon mehr wissen. Auf Berichte, in denen einzelne Ärzte meinen, die Therapie etc. gefunden zu haben, würde ich sehr vorsichtig reagieren.

Und wo holen Spezialisten wie Sie ihre Coronavirus-Informationen her?
Wir lesen so viele fachrelevante elektronische Fachzeitschriften wie möglich und beziehen uns auf die Empfehlungen unserer Fachgesellschaften, wie zum Beispiel der schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin oder Notfallmedizin. Aber ja, auch für uns «Spezialisten» ist die Informationslage sehr kompliziert. In der Forschung unterscheiden wir fünf verschiedene Evidenzklassen. Je kleiner die Zahl, desto sicherer kann man sein, dass das Ergebnis der wissenschaftlichen Wahrheit nahekommt. Leider haben wir davon zurzeit nur wenige Studien, die meisten bewegen sich in den unteren Rängen, da es nicht einfach ist, grosse Studien zu organisieren und zu koordinieren. Je mehr Zeit vergeht, desto besser wird aber auch unsere Wissenslage. Am Anfang tappten wir lange im Dunkeln und forschten auch auf falschen Schienen. Jetzt wissen wir schon viel mehr.

Viele können das Wort Coronavirus kaum mehr hören und Grosseltern sind es leid, ihre Enkelkinder nicht mehr umarmen zu dürfen. Braucht es denn wirklich weiterhin Disziplin?
Es braucht Geduld und gesunden Menschenverstand. Jedem ist klar, dass wir nicht erst die Kinder als «Superüberträger» abstempeln und Schulen und so weiter von heute auf morgen schliessen, um dann zu sagen, alles ist gut, niemand ist gefährdet. Das verwirrt. Mich ehrlich gesagt auch. Die Wahrheit ist nämlich leider so, dass wir es nicht wissen. Es gibt nur wenige oder sich widersprechende Untersuchungen und Behauptungen, vor allem aus dem Ausland, zum Thema Kinder und Corona. Auch ist es im Moment schwierig, die klinische Bedeutung der Untersuchungen einzuordnen. Aber irgendwann muss man den Schritt wagen. Dieser passt in die jetzige rasche Lockerungspolitik des Bundesrates. Wie sich das medizinisch auswirken wird, werden wir ab circa Mitte bis Ende Juni sehen. Ich würde jedoch den älteren Menschen mit Erkrankungen, vor allem des Herzens und der Lunge, empfehlen noch ein wenig Geduld zu haben. Hier geht es nicht um Monate, sondern eventuell um einige Wochen.

Die Situation ist dieselbe wie vor der Krise. Können wir jetzt, da viele Geschäfte wieder öffnen, das Virus mit Abstandhalten wirklich besiegen?
Mit Abstandhalten, dem Vermeiden von unnötigem Körperkontakt etc. wurde international gezeigt, dass die Übertragungskette durch diese Massnahmen beeinflusst wird. Deshalb macht es Sinn, dies noch nicht aufzugeben. Von einem Sieg würde ich aber auf keinen Fall sprechen. Hier haben wir es mit einem Produkt der Natur zu tun, und Mutter Natur ist sehr schlau und mächtig.

Der «Spiegel» schreibt: «Selbst wenn ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden ist, wird es wohl zunächst nicht genug Dosen für alle geben. Laut Pharmakonzern Sanofi könnten US-Bürger im Vorteil sein.» Wie schätzen Sie diese Aussage ein?
Die Schweiz hat einige der mächtigsten Pharmaunternehmen der Welt. Wenn wir in der Schweiz tatsächlich «zu kurz» kämen, müsste die Regierung wohl dringend über die Bücher.

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